Powercloud hält sich bedeckt. Überraschend hat das Softwareunternehmen aus Baden-Württemberg mehrere Mitarbeiter rund um sein Produkt "powercloud.flex" entlassen. Das bestätigten mehre Quellen gegenüber der ZfK. Powercloud selbst äußerte sich nicht.
Laut einem anonymen Schreiben, das der Redaktion vorliegt, sollen kurzfristig etwa 60 Mitarbeitende des Unternehmens entlassen worden sein. Das deckt sich mit der Einschätzung eines entlassenen Mitarbeiters in einem Artikel der Lokalzeitung "Badische Neuste Nachrichten". Nach den jüngsten offiziellen Angaben zählt Powercloud 360 Mitarbeitende.
Laut dem anonymen Schreiben sind den Mitarbeitenden am 22. Mai vormittags alle Zugänge gesperrt worden. Kurz darauf sollen die Kündigungen zugestellt worden sein.
Die Entlassungen habe Powercloud mit der wirtschaftlichen Situation begründet. Denn das Unternehmen scheint monatlich Verluste in Millionenhöhe zu machen. In dem anonymen Schreiben, das eine unabhängige Quelle aus gut informierten Kreisen bestätigte, ist die Rede von einem Betrag zwischen 1,5 und 1,7 Mio. Euro.
Konkret soll die Entlassung der Mitarbeiter in Verbindung mit der Auflösung der Anwendung "powercloud.flex" stehen.
Das Produkt ist noch nicht lange im Portfolio der Achener. Es basiert auf der B2B Billing-Lösung von En2Go, einem IT-Anbieter, den das Unternehmen im Juni 2022 übernommen hatte. Die En2GO-Plattform war damals bei Unternehmen wie Badenova, EnBW oder Getec im Einsatz. Die Informationen, dass Eon bereits eine Migration auf SAP angekündigt hat, wollte der Essener Energiekonzern weder bestätigen noch widerlegen. Bei den Fragen zu den Powercloud-Produkten verwies der Eon-Sprecher auf den IT-Anbieter. "Von unserer Seite können wir sagen, dass sich in der Betreuung für unsere Kundinnen und Kunden nichts ändert", betonte er.
Powercloud erklärte gegenüber der ZfK, dass "falsche Angaben und falsche Zitate" in dem anonymen Schreiben gemacht worden seien. Immer wieder verzögerte das Unternehmen eine ausführliche Antwort auf die Anfrage - bis zum Redaktionsschluss lag keine vor.
Vorzeigeprojekt TAP "am Wendepunkt"
Die Zusammenarbeit mit der Abrechnungsplattform der Thüga (TAP) gehörte zu den zentralen Projekten des Unternehmens aus Achern. Auf Anfrage der ZfK teilte die Thüga mit: "Wir sind dazu in engem Austausch mit unseren Kunden und mit unserem Generalunternehmer Accenture und bewerten die Situation in Bezug auf die Bereitstellung der Thüga-Abrechnungsplattform."
"Eine abschließende Beurteilung werden wir nach Kenntnis der weiteren Details vornehmen.“ - Thüga
Generell sei die Aufteilung der Lösungen in den Plattformen "pc.retail" und "pc.flex" auch mit Herausforderungen wie beispielsweise zusätzlicher Integration oder einer erhöhten Komplexität im Datenmodell verbunden. "Daher begrüßen wir grundsätzlich die Konzentration auf pc.retail. Eine abschließende Beurteilung werden wir nach Kenntnis der weiteren Details vornehmen", erklärte die Thüga.
Von einem Branchenexperten gab es die Einschätzung, dass TAP auf keinen Fall mit Powercloud weitergeführt werden wird. Das TAP-Projekt befände sich an "einem Wendepunkt".
Konzentration auf das Kerngeschäft
Der neue Kurs, so schätzt es der Branchenexperte ein, sei im Grunde der alte. Das klassische Powercloud-System solle in zumindest einigen Projekten in die volle Produktivität gebracht werden. Dazu fehlten nach Aussage des Experten nach wie vor aber noch ziemlich viele wichtige Funktionalitäten, etwa für Bündelkunden, Mieterstrom, komplexe Einspeiser und andere Fähigkeiten, welche die Plattform haben sollte.
Anfang des Jahres: Große Zuversicht nach der Übernahme
Die aktuelle Entwicklung ist für Außenstehende eine Überraschung. Bei der Übernahme von Powercloud im Februar zeigte sich Hansen Technologies "von dem Potenzial und dem Standing des Unternehmens in der Branche beeindruckt". Nach eigenen Angaben wickelt Powercloud über die 2021 gegründete Abrechnungsplattform rund 10 Millionen Endkundenverträge mit circa 11 Milliarden Euro Umsatz ab. Weitere 10 Millionen Verträge befinden sich laut dem Unternehmen in der Migration. Aus diesem Grund habe Hansen Technologies "keine unmittelbaren Pläne, die bestehenden Kundenbeziehungen zu ändern", betonte Powercloud damals auf ZfK-Anfrage. (am/pfa)



