
Sophia Fresen ist Referentin für Rechtsextremismusprävention beim Verein "Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland". Dort betreut sie das Projekt "United", das sich speziell an Unternehmen richtet.
Bild: © privatSie stehen ein für ein offenes und buntes Deutschland. Nach Medienberichten über rechtsextreme Zusammenkünfte äußern sich immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer öffentlich. Wie müssen Unternehmen nun handeln? Die Interviewreihe "Kommunikation und Populismus" sucht die Antwort für Unternehmen auf das Erstarken der extremen Rechten in Deutschland. In Teil 3 erklärt Sophia Fresen, Referentin für Rechtsextremismusprävention von "Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland", mit welchen Anliegen Unternehmen zu ihr kommen.
Frau Fresen, waren Sie überrascht, dass es nach der Correctiv-Recherche so viele Positionierungen gab?
Die Dynamik war überraschend, wir freuen uns sehr darüber, dass es so viele sind. Gerade die Positionierung von Unternehmer:innen ist wertvoll, da sie in der Gesellschaft ein gewisses Standing haben. Sie genießen in Deutschland einen guten Ruf.
Von zivilgesellschaftlichen Organisationen erwartet man, dass sie sich engagieren. Unternehmen können jetzt noch einmal andere Menschen abholen und zum Nachdenken anregen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Wirtschaft jetzt an der Seite der Zivilgesellschaft haben. Es gibt ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass auch sie durch die demokratischen Strukturen, die ihnen erst mal gegeben werden, profitieren. Daher sollten sie sich dementsprechend auch für diese Strukturen einsetzen.
Unterschätzen wir Unternehmen in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung bisher?
Unternehmen existieren nicht im Vakuum. Arbeit ist mehr als reine Lohnarbeit, sie ist der Ort, an dem wir extrem viel Zeit verbringen und sie ist auch der Ort, an dem wir Erfahrungen machen, die entscheidend für unsere Haltung gegenüber der Demokratie sind. Da geht es um Beteiligung, Selbstwirksamkeit, Solidarität, Anerkennung und natürlich auch die Sicherheit der eigenen Existenz. Die Arbeitswelt ist einer der wenigen analogen Orte, an dem Menschen mit verschiedenen Werten noch aufeinandertreffen.
Was ist denn jetzt der erste Schritt, wenn ein Unternehmen sich positionieren will?
Der erste Schritt ist, eine positive und gleichzeitig unmissverständliche Haltung zu formulieren. Es ist wichtig zu erklären, warum sich das Unternehmen für die Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzt. Der zweite und nachhaltig wirkende Schritt ist dann, dass man zum Beispiel ein gemeinsames Leitbild entwickelt und das in der Organisationstruktur verankert. Wichtig sind auch Qualifizierungsmaßnahmen und die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen– wie es viele kommunale Unternehmen schon machen. Das fördert langfristig die demokratische Kultur in der Region.
"Rechtsextreme Einstellung wirken sich negativ auf die Arbeitskultur aus."
Wichtig ist, die Mitarbeitenden in ihrem demokratischen Handeln zu stärken und ihnen dafür auch Zeit einzuräumen. Man darf nicht vergessen, rechtsextreme Einstellung wirken sich am Ende negativ auf den kollegialen Zusammenhalt aus, auch auf die Arbeitskultur. Wenn Unternehmen sich glaubwürdig für ein vielfältiges, diskriminierungsfreies und demokratisches Arbeitsumfeld einsetzen, dann fühlen sich Rechtsextreme dort einfach auch nicht wohl.
Gibt es eine klare rote Linie, wenn es um Mitarbeiter mit extremen Gesinnungen geht?
Die rote Linie liegt bei Aussagen, die demokratiefeindliche, rassistische, antisemitische, sexistische oder anderweitige Diskriminierung beinhalten oder sogar den Holocaust leugnen oder verharmlosen. Um diese Linie umzusetzen, braucht es Haltung und klare Ansagen, auch von der Führungsebene, und auch Zivilcourage, insbesondere in Form von Gegenrede in der Belegschaft. Und das kann man tatsächlich trainieren. Bei konkreten Fällen empfehlen wir, sich Beratung zu holen, etwa durch eine der Beratungsstellen (hier finden).
Wie wichtig ist es denn, dass sich eine Geschäftsführerin äußert?
Es ist total gut, wie wir es aktuell beobachten, erstmal eine Haltung von der Führungsebene zu kommunizieren. Das ermutigt Mitarbeitende, und sie wissen, wo sie anknüpfen und sich positionieren können. Führungskräfte sind hier Vorbilder.
Die Praxis zeigt allerdings, dass gemeinsam gestaltete Veränderungsprozesse in Unternehmen besser ankommen und angenommen werden. Idealerweise werden die Mitarbeitenden eingebunden. Prozesse wie zum Beispiel die Formulierung einer Vision sollten am besten partizipativ organisiert werden, so nimmt man alle mit. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit bestärkt die Menschen schlussendlich in ihrer Einstellung zur Demokratie.
"Das ist natürlich beim aktuellen Fachkräftemangel nicht zu unterschätzen."
Für Unternehmen hat Partizipation auch ein weiteres Plus: Mitarbeitende fühlen sich oftmals stärker mit dem Unternehmen verbunden. Das ist natürlich beim aktuellen Fachkräftemangel nicht zu unterschätzen.
- Mehr zum Thema: Zwei Kommunikationsexperten erklären auf zfk.de, was Unternehmen Rechtsextremismus entgegenstellen können und warum ein Post auf Linkedin nicht ausreicht.
Das Interview führte Pauline Faust.



