Die Thüga war der Wunschkandidat der Stadtwerke Konstanz bei der Suche nach einem starken Kooperationspartner. Ernsthafte Verhandlungen machten beide Seiten aber auch von einer breiten Unterstützung im Gemeinderat abhängig. Im Raum stand eine Auslagerung der Energieaktivitäten der Stadtwerke in eine neu zu gründende Tochtergesellschaft, an dieser hätte sich die Thüga mit bis zu 25,1 Prozent der Anteile beteiligen können. Doch die erhoffte, umfassende politische Unterstützung für das Vorhaben blieb aus. Warum und wie es nun weiter gehen soll, sagt Stadtwerkechef Norbert Reuter im ZfK-Interview.
Wir fokussieren uns nun auf andere Möglichkeiten der strategischen Kooperation.
Herr Reuter, die Thüga war Ihr erklärter Favorit als Kooperationspartner, um die Stadtwerke Konstanz auf dem Weg zum Wärmedienstleister und bei der Wärmewende zu unterstützen. Warum ist es nicht gelungen, eine breite Mehrheit im Gemeinderat von den Vorteilen einer Zusammenarbeit mit der Thüga zu überzeugen?
Norbert Reuter: Unser Aufsichtsrat hat diesen Weg eng begleitet und sich klar für eine solche Zusammenarbeit ausgesprochen. Auch ein vom Gemeinderat einberufener Rat Sachverständiger hat dies ebenso mehrheitlich bestätigt. Dennoch ist der Gemeinderat den Empfehlungen aus diesen Gremien nicht gefolgt, obwohl wir diesen bereits frühzeitig eingebunden haben und seit 2021 dort die Herausforderungen aufzeigen, die mit der Energie-, Wärme – und Mobilitätswende auf uns als Stadtwerk zukommen.
Es war jedoch von Beginn an klar, dass eine Entscheidung für eine strategische Partnerschaft nur auf der Basis einer breiten Mehrheit des Konstanzer Gemeinderates erfolgen kann. Diese breite politische Mehrheit war auch für die Thüga von Beginn an eine wesentliche Voraussetzung für eine Kooperation: man stehe gerne als Partner bereit, wenn dies von der Kommune sowie deren Verantwortlichen gewünscht ist. In den vergangenen Tagen hat sich abgezeichnet, dass eine solche breite Mehrheit im Gemeinderat derzeit nicht besteht, weshalb wir uns nun auf andere Möglichkeiten strategischer Kooperationen fokussieren.
Sie haben ehemalige Vorstände von erfolgreichen Thüga-Unternehmen wie Badenova zu Diskussionen nach Konstanz eingeladen, ein Expertengremium gebildet, immer wieder die Öffentlichkeit eingebunden. Woran hat es letztlich gelegen, dass der Gemeinderat in der Breite nicht überzeugt werden konnte?
Die Narrative verschiedener Interessensgruppen wurden von uns in den unterschiedlichen Diskussionsrunden aufgerufen und vorhandene Missverständnisse vielfach ausgeräumt und wiederlegt. Informationen auf Basis von Zahlen, Daten und Fakten standen hierbei leider nicht immer im Mittelpunkt der Gespräche, wie man sich dies eigentlich wünschen würde.
Ich muss mich im Namen der Stadtwerke Konstanz bei allen Thüga-Beteiligungen entschuldigen.
Die Thüga ist teilweise auf eine despektierliche Art und Weise als Klimaschutzverhinderer und Gaslobbyist dargestellt worden, die für mich nicht nachvollziehbar war. Ich muss mich da letztlich im Namen der Stadtwerke Konstanz bei allen Thüga-Beteiligungen entschuldigen, die meines Erachtens ganz hervorragende Arbeit leisten und in vielen Städten beweisen, wie energiewendedienliche Lösungen umgesetzt werden können.
Wie groß ist der Rückschlag für die Stadtwerke Konstanz?
Bisher waren wir in unverbindlichen Gesprächen mit der Thüga. Uns war wichtig, einen grundsätzlichen Gesellschafterbeschluss zu erzielen, bevor man in konkrete Verhandlungen mit der Thüga geht. Es ist deshalb auch ein bisschen unangebracht jetzt von einem Scheitern zu sprechen, weil es ja gar keine ernsthaften Verhandlungen gegeben hat.
Wir haben vor zwei Jahren einen Strategieprozess gestartet und in diesem Rahmen einen Markterkundungsprozess durchgeführt und dabei mit fünf sehr leistungsfähigen Unternehmen gesprochen, die alle für uns als Kooperationspartner interessant sein können, die Thüga hätte unseres Erachtens diese Anforderungen am besten bedient. Dass wir diesen Weg nicht mehr weiter verfolgen, heißt aber nicht, dass wir auf 0 zurückgehen. Das wirft uns vielleicht fünf, sechs Monate zurück, wir werden deshalb sozusagen auf den Stand Januar diesen Jahres zurückgehen und den Prozess ab diesem Zeitpunkt neu ausrichten.
Es war immer klar, dass ein Gemeinderat hinsichtlich einer Minderheitsbeteiligung zu einer anderen Gewichtung kommen kann.
Und wie groß ist die persönliche Enttäuschung bei Ihnen?
Gemeinsam in einem rund zehnköpfigen Führungskräftegremium haben wir im Rahmen unseres Strategieprozesses aktiv den Markt nach geeigneten Kooperationspartnern sondiert. Wir stehen geschlossen zu unserer Empfehlung für die Thüga und hätten dies für die beste Lösung gehalten. Gleichwohl haben wir immer deutlich gemacht, dass mehrere Wege zur Umsetzung unserer Ziele und Strategien möglich sind. Es war immer klar, dass es eine Abwägung der Vor- und Nachteile geben wird und ein Gesellschafter oder ein Gemeinderat hinsichtlich einer Minderheitsbeteiligung zu einer anderen Gewichtung kommen kann.
Wie soll die Suche nach Kooperationspartnern jetzt konkret weiter gehen?
Im Rahmen des Markterkundungsverfahrens haben wir mit sehr leistungsfähigen Energieversorgern gesprochen, mit welchen wir an diese Gespräche anknüpfen wollen. Es sind aber verschiedene Ansätze möglich, deshalb sind sicherlich auch Kooperationsmodelle mit anderen Stadtwerken sowie Joint-Ventures und Projektgesellschaften denkbar. Wichtig wird für uns aber auch sein, dass wir intern entsprechenden Strukturen schaffen, um mit den Projektpartnern fokussiert handeln zu können.
Wir wollen die Geschäftsführung der Stadtwerke Konstanz weiter verstärken.
Was meinen Sie da konkret?
Ein Bestandteil unserer Ausrichtung war, dass wir uns in der Geschäftsführung der Stadtwerke Konstanz weiter verstärken und damit zusätzliche Führungskapazitäten zur Umsetzung unserer Ziele und Strategien schaffen. Konkret suchen wir eine Geschäftsführerin oder einen Geschäftsführer mit den Schwerpunkten Energiedienstleistungen und Energievertrieb. Die entsprechende Suche sollte nach einem Beschluss des Letter of Intent mit der Thüga starten.
Nachdem es dazu nicht kam, werden wir ein Stellenangebot jetzt unabhängig davon auf den Weg bringen. Ein nächster Schritt wird sein, dass wir auch die operative Ebene für das deutlich zunehmende Projektgeschäft und die damit verbundene Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern ausrichten.
Eines der wichtigsten Wärmewende-Projekte in Konstanz ist der Bau neuer Nahwärmenetze, hier werden Investitionskosten von rund 500 Mio. Euro veranschlagt. Wie soll es mit diesem Großprojekt jetzt weiter gehen?
Die Thüga hätte uns bei der Machbarkeitsstudie, der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung und auch beim Finanzierungsmodell mit eigenen Investoren unterstützt. Das müssen wir jetzt anders lösen. Die nächsten Schritte sind konkrete Machbarkeitsuntersuchungen,Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen und auf dieser Basis die Beantragung der BEW-Fördermittel. Ich bin zuversichtlich, dass wir da zwei bis drei der geplanten Projekte gleichzeitig stemmen können, über BEW-Mittel hebeln und die Restmittel über Bürgerbeteiligung, Altersvorsorgefonds und Banken finanzieren können.
Für Maßnahmen, die nicht wirtschaftlich, aber notwendig sind im Sinne der Daseinsvorsorge werden wir immer eine Gegenfinanzierung benötigen.
Ihr Finanzierungskonzept basiert auf bis zu 100 Mio. Euro aus Bürgerbeteiligung an den Wärmenetzen. Hier hätte die Thüga auch entsprechendes Know-how mitgebracht. 100 Mio. Euro ist schon eine Hausnummer, wie realistisch ist diese Annahme?
Tatsache ist, dass diese Modelle eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung haben. Die Region Bodensee ist eine der wohlhabendsten in Deutschland. Insofern sind die Voraussetzungen grundsätzlich gut. Wie viel , wir da genau einwerben können, muss sich zeigen.
Die Stadt Konstanz unterstützt zusätzlich die Stadtwerke durch die Erhöhung des jährlichen Bäderzuschusses auf 5,4 Mio. Euro. Reicht das auf Dauer aus, um ausgeglichene Ergebnisse zu erzielen und die Zukunftsherausforderungen zu bewältigen?
Angesichts der Ziele und Vorhaben der Stadt lässt sich das heute nicht beantworten. Wir sind beispielsweise aufgefordert, am Bahnhof von Konstanz ein Fahrradparkhaus zu bauen, das vermutlich nicht wirtschaftlich betrieben werden kann. Das Projekt ist der Stadt aber wichtig. Für solche Maßnahmen, die nicht wirtschaftlich, aber notwendig sind im Sinne der Daseinsvorsorge, werden wir immer eine Gegenfinanzierung benötigen.
Aber auch grundsätzlich wirtschaftliche Projekte, wie der Bau von Wärmenetzen werden ein Stück weit vorfinanziert werden müssen, weil sich Haushalte erst im Laufe der Jahre sukzessive zu einem Anschluss entscheiden werden. Vermutlich wird es uns deshalb nicht gelingen, über die Zeit der Anschubfinanzierung Defizite aus dem ÖPNV und den Bädern unverändert ausgleichen zu können.
Wir haben über viele Jahre den Bäderzuschuss, der damals noch bei 2,9 Mio. Euro lag, nur zu Hälfte in Anspruch genommen. Hinsichtlich der Herausforderungen der Energie-, Wärme und Mobilitätswende und der damit verbundenen Investitionserfordernisse ist für uns wichtig, alle Maßnahmen mit Blick auf die Auswirkungen auf unser Eigenkapital zu überprüfen, und dieses dauerhaft auf dem vorhandenen Niveau zu stabilisieren.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
