Das weiter sinkende Niedrigwasser der Flüsse im trockenen Hochsommer bringt die Binnenschifffahrt ins Schlingern. Das kann in Zeiten von ohnehin gestörten Lieferketten weitreichende Folgen für die Wirtschaft haben, auch für Steinkohlekraftwerke. Die Sorge geht um, dass sich für einen Teil der Frachtschiffe die Fahrt auf dem Mittelrhein in ein oder zwei Wochen gar nicht mehr lohnt. Bereits seit Wochen fahren Binnenschiffe aufgrund des niedrigen Wasserstandes mit reduzierter Lademenge.
Entscheidend ist der Pegelstand Kaub nahe dem Loreley-Felsen im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal als niedriges Nadelöhr der gesamten Rheinschifffahrt, teilt der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) mit.
Der Pegel Kaub bei Rheinkilometer 546,3 stand am bei 42 Zentimetern nach 47 am Vortag. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) hatte kürzlich erklärt, bis zu einem Wasserstand von etwa 30 bis 35 Zentimetern könnten dort flachgehende Binnenschiffe die Mittelrheinstrecke noch passieren. Prognosen gehen von Pegelständen Richtung 30 Zentimeter bis Anfang nächster Woche aus. Dann komme die Rheinschifffahrt in diesem Bereich «tendenziell zum Erliegen», hieß es.
Großkraftwerk Mannheim mit "eingeschränkten Lieferungen"
«Die Kraftwerke am Rhein und die Ölraffinerie MiRO in Karlsruhe sitzen buchstäblich auf dem Trockenen», mahnte der baden-württembergische FDP-Verkehrsexperte Christian Jung. Wo es möglich sei, müsse mit der Bahn angeliefert werden. Das Großkraftwerk in Mannheim bestätigte laut einem Bericht von Bloomberg zwar "eingeschränkte Lieferungen". Die Kohlevorräte sollen aber ausreichen, um auch bei einem wirklichen Lieferengpass noch über Wochen den benötigten Strom produzieren zu können. Die Anlage gehört RWE Generation, EnBW und MVV.
Die MiRO (Mineraloelraffinerie Oberrhein) in Karlsruhe, nach eigenen Angaben Deutschlands größte Raffinerie, sieht allerdings derzeit keine Probleme. Die 14 Millionen Tonnen Rohöl jährlich kämen fast gänzlich über eine Pipeline aus Italien nach Karlsruhe - derzeit völlig ungestört, sagte eine Sprecherin.
Für die Gesellschafter - Phillips 66, Esso, Rosneft und Shell - sei der Abtransport der verarbeiteten Produkte allerdings schwieriger.
Steag rechnet mit keinen Leistungseinschränkungen, dafür mit höheren Transportkosten
Große Steinkohlekraftwerksbetreiber wie Steag und Uniper, die aufgrund der aktuellen Versorgungslage im Herbst wohl noch Anlagen aus der Netzreserve reaktivieren werden, bewerteten die aktuelle Situation auf ZfK-Nachfrage indes optimistisch. "Wir schätzen das Problem mit Blick auf unsere Kraftwerksstandorte, die per Schiff beliefert werden, als händelbar ein, da die Lage für die Schifffahrt in NRW insgesamt noch besser ist als etwa im Bereich des Mittelrheins", erklärte ein Steag-Sprecher. Hinzu komme, dass die Vorratshaltung an den Kraftwerksstandorten selbst aktuell durchweg gut bis sehr gut sei.
Die verminderten Liefermengen pro Schiffstransport seien zwar nicht ideal, aber des drohten deswegen keine Leistungseinschränkungen. "Insofern gehen wir auch davon aus, das die Belieferung der Kraftwerke über den Herbst und Winter hinweg letztlich kein Problem darstellen wird".
Natürlich werde die erzwungene Minderbeladung der Schiffe zu Steigerungen der Transportkosten führen. "Wie hoch diese Kosten letztlich sind, lässt sich nicht präzise beziffern, da die Preisgestaltung bei jedem Transport Verhandlungssache zwischen Kraftwerksbetreiber und Logistikern ist", so der Steag-Sprecher weiter.
Uniper: "Große Herausforderung für die Kohlelieferungen"
"In der Tat stellen die niedrigen Pegelstände der Flüsse eine große Herausforderung für die Kohlelieferungen an die Standorte dar. Die Situation dieses Jahr ist außergewöhnlich", ergänzte ein Unipersprecher. Entsprechende Remit-Meldungen zu Staudinger und Datteln habe man dazu veröffentlicht und darüber informiert, dass man wegen der aktuellen Liefersituation die Stromproduktion in diesen Kraftwerken eventuell in den nächsten Wochen drosseln muss. Das Kraftwerk Staudinger sei aber redundant ausgelegt, könne also auch per Bahn mit Kohle versorgt werden.
Mit einsetzenden Niederschlägen würden aber, mit entsprechendem Zeitverzug, auch die Probleme bei der Verschiffung verschwinden.
Längeres Rhein-Niedrigwasser hätte massive Folgen für Industrieproduktion
Nach Einschätzung des Ökonomen Stefan Kooths vom Kiel Institut für Weltwirtschaft sind die wirtschaftlichen Folgen des Rhein-Niedrigwassers schmerzhaft. «Berechnungen zu den Folgen des Niedrigwasser 2018 im Rhein zeigen, dass die Industrieproduktion um etwa ein Prozent abnimmt, wenn die Pegelstände an der Messstelle Kaub die kritische Marke von 78 Zentimetern für einen Zeitraum von 30 Tagen unterschritten haben», erläuterte Kooths.
In der Spitze sei die Industrieproduktion 2018 um etwa 1,5 Prozent gedrückt worden, so Kooths weiter. Auf Jahressicht dürfte das Niedrigwasser etwa 0,4 Prozent an Wirtschaftsleistung gekostet haben. (hoe/dpa)



