Ein Vorziehen des bisher vorgesehenen Zeitplans für den Braunkohleausstieg ist laut RWE-Chef Markus Krebber nur durch eine deutliche Beschleunigung des Erneuerbaren-Ausbaus und des Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft möglich. „Je schneller wir mehr grüne Energieträger bekommen, desto eher werden fossile Anlagen aus dem Markt gedrängt“, bekräftigte er auf Journalisten-Anfrage bei einem Call anlässlich der Vorstellung der Halbjahreszahlen.
So lange nicht genügend Anlagen zur Erzeugung von Ökostrom im Markt seien, um den Energiebedarf annähernd zu decken, führe der aktuelle CO2-Preis zu nichts anderem als höheren Strompreisen. „Die fossilen Anlagen laufen dann trotzdem weiter.“ Um der Energiewende in Deutschland „deutlich mehr Schwung zu verleihen“, müsse die künftige Bundesregierung konkret in fünf Bereichen nach der Wahl schnell wichtige Weichenstellungen treffen, forderte der Energiemanager.
Krebber: "Bei Onshore-Wind sind 80 GW bis 2030 erforderlich. Bei Solarkraft sind 150 GW eine sinnvolle Zielgröße."
1. ) Zusätzliche Flächen und höhere verbindliche Ausbauziele. Bei Onshore seien 80 Gigawatt bis 2030 erforderlich. Für Windkraft auf dem Meer sollten mindestens 25 Gigawatt bis 2030 angestrebt werden. Und für die Zeit danach sollten frühzeitig grenzüberschreitende Kooperationen mit den Nachbarn Deutschlands geknüpft werden, die mehr geeignete Flächen zur Verfügung haben, als sie selbst benötigen. Und bei Solarkraft seien150 Gigawatt bis 2030 eine sinnvolle Zielgröße.
2. ) Die Planungs- und Genehmigungsprozesse beschleunigen. Sowohl bei Windparks als auch beim Netzausbau. Um wichtige Energieprojekte schneller voranzubringen, könnte unter anderem etwa der Bundestag direkt über Infrastrukturinvestitionen entscheiden – etwa beim Netzausbau, um den auf Nord- und Ostsee produzierten Strom in die industriellen Zentren zu bringen.
3. ) Sektorkopplung ausbauen und Elektrifizierung vorantreiben. Dazu sollten die Belastungen aus dem EEG kurzfristig reduziert und mittelfristig vollständig gestrichen werden. Die Steuern und Abgaben auf Strom sollten erheblich sinken. Und die Netzentgeltstruktur sollte so umgebaut werdeh, dass sie deutliche Anreize für die Umstellung auf Strom bietet.
4. ) Mehr Tempo beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft. In einem ersten Schritt sollten dafür die Ausbauziele auf 10 Gigawatt Elektrolyseleistung bis 2030 erhöht werden. Vor allem sei hier mehr Pragmatismus beim Start gefragt, so der RWE-Chef. Es spreche nichts dagegen, anfangs auch Wasserstoff zuzulassen, der blau oder türkis ist; oder zu Beginn im Zweifel auch mit Erdgas hergestellt wird. Wichtig sei, dass es jetzt los gehe. Die Industrie könne nicht viele Jahre warten, bis ausreichend grüner Wasserstoff zur Verfügung stehe.
5. ) Investitionssicherheit und Kapazitätsmarkt für Gaskraftwerke. Um die Versorgungssicherheit weiter auf höchstem Niveau zu gewährleisten, könnten Gaskraftwerke, die für einen späteren Einsatz von Wasserstoff vorbereitet sind, einen wesentlichen Beitrag leisten. Hier seien zügige Regeln, die den Zubau von gesicherter Leistung attraktiv machten, notwendig. Gaskraftwerke brauchten auch für die Zeit eine Vergütung, in der sie „nur“ in Bereitschaft stünden.
Um diese möglichst effizient zu ermitteln, sei ein Kapazitätsmarkt sinnvoll. Außerdem werde ein verbindlicher Plan benötigt, um langfristig angelegten Investitionen auch eine langfristige Perspektive zu bieten. Wer zur Mitte des Jahrzehnts ein neues Gaskraftwerk baue, wolle wissen, wie er es später auch unter der Bedingung Klimaneutralität mit grünem Gas betreiben könne.
Krebber: "Tempo des Konzern-Umbaus ist so hoch wie noch nie"
Der Essener Energiekonzern befindet sich seit längerem in einem tiefgreifenden Transformationsprozess von einem von der konventionellen, fossilen Energieproduktion geprägten Unternehmen hin zu einem führenden Player im Bereich erneuerbarer Energien. „Das Tempo des Umbaus ist so hoch wie noch nie“, versicherte Krebber.
In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres hat RWE die Investitionen in neue Windkraft- und Solaranlagen sowie Batterieprojekte verdoppelt auf 1,8 Mrd. Euro. Aktuell hat das Unternehmen Projekte mit 3,9 Gigawatt (GW) im Bau, die bis Ende 2022 in Betrieb gehen. Damit wächst das Portfolio bis Ende 2022 auf insgesamt mehr als 13 GW von aktuell 9,3 GW.
Parallel dazu läuft der sukzessive Ausstieg aus der Kohle. Die letzten beiden Steinkohlekraftwerke von RWE in Deutschland sind stillgelegt. Bei der Braunkohle laufe die erste Welle der Stilllegungen: Ende des Jahres gehen drei weitere Blöcke im Rheinischen Revier vom Netz. Infolge des Kohleausstiegs würden allein bis Ende 2022 über 3.000 Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut, heißt es.
Sehr gutes Handelsergebnis kompensiert Einbußen durch Wettereffekte
Wirtschaftlich lief es im ersten Halbjahr 2021 für den Energiekonzern sehr gut. Aufgrund eines außerordentlich guten Ergebnisses im Energiehandel hatte RWE bereits vor einigen Wochen den Ausblick für das Gesamtjahr deutlich erhöht. Das bereinigte Ebitda erreichte 525 Mio. Euro und übertraf damit das Vorjahresergebnis von 322 Mio. Euro.
Die nach Aussage des RWE-Finanzchefs Michael Müller „ungewöhnlich gute Performance im Handel“ kompensierte die Ergebniseinbußen aus der Jahrhundertkälte in Texas in Höhe von rund 400 Mio. Euro und die Ertragsrückgänge aufgrund unterdurchschnittlicher Windverhältnisse in nord- und mitteleuropäischen Windkraftstandorten.
RWE will sich besser gegen Extremwetter wappnen
Neben Texas war RWE auch während der Hochwasserkatastrophe im Rheinland massiv von Wettereffekten betroffen, vor allem im Tagebau Inden, wo ein Mitarbeiter einer Partnerfirma in den Fluten ums Leben kam. Den Gesamtschaden bezifferte Krebber dort auf 35 Mio. Euro. Die Zunahme derartiger Extremwetterereignisse gebe ihm zu denken. Das werde dazu führen, dass man den Schutz der Anlagen, aber auch die Absicherung der konkreten Stromliefer-Verpflichtungen anpassen müsse.
Prognose deutlich angehoben, Dividendenziel bleibt unverändert
Das bereinigte Ebitda (bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) des RWE-Konzerns lag im ersten Halbjahr 2021 mit 1,751 Mrd. Euro auf Vorjahresniveau (1. Halbjahr 2020: 1,833 Mrd. Euro). Gleiches gilt für das bereinigte Ebit von 1,042 Mrd. Euro (1. Halbjahr 2020: 1,11 Mrd. Euro). Das bereinigte Nettoergebnis übertraf mit 870 Mio. Euro das Ergebnis des Vergleichszeitraums (1. Halbjahr 2020: 816 Mio. Euro).
Für das laufende Geschäftsjahr 2021 erwarten die Essener nun auf Konzernebene ein bereinigtes Ebitda zwischen 3,0 und 3,4 Mrd. Euro; das sind 350 Mio. Euro mehr als noch im März 2021 prognostiziert. Die Bandbreite für das bereinigte Ebit wurde auf 1,5 bis 1,9 Mrd. Euro angehoben. Beim bereinigten Nettoergebnis erwartet RWE nun 1,05 bis 1,4 Mrd. Euro und damit 300 Mio. Euro mehr. Das Unternehmen strebt für 2021 weiterhin eine Anhebung auf 0,90 Euro je Aktie an.
Eine deutliche Verbesserung errreichte das Unternehmen auch mit Blick auf die Verschuldung. Die Nettoschulden des Konzerns gingen deutlich auf 903 Mio. Euro zurück, Ende 2020 hatten diese noch bei rund 4,4 Mrd. Euro gelegen. Dank der verbesserten Finanzlage soll das hohe Investitionstempo auch in der zweiten Jahreshälfte beibehalten werden. Die RWE-Aktie legte bis zum frühen Nachmittag leicht zu auf 31,41 Euro (Schlusskurs Vortag: 31,36 Euro). (hoe)



