Florian Bieberbach steht seit Anfang 2013 an der Spitze der Stadtwerke München. Der Konzern ist mit einem Umsatz von zuletzt 9,7 Milliarden Euro das größte deutsche Stadtwerk.

Florian Bieberbach steht seit Anfang 2013 an der Spitze der Stadtwerke München. Der Konzern ist mit einem Umsatz von zuletzt 9,7 Milliarden Euro das größte deutsche Stadtwerk.

Bild: © SWM

ZfK: Kritik an komplizierten Rechnungen, Forderungen nach mehr Transparenz, Rufe nach schärferer Missbrauchsaufsicht: Zuletzt sind die Fernwärmeversorger in die Schusslinie geraten. Hat die Energiebranche hier ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Bieberbach: In der Vergangenheit waren die Fernwärmepreise ein Thema für Expertinnen und Experten. Denn die Kunden sind in der Regel nicht Privatpersonen, sondern die Wohnungswirtschaft oder Hausverwaltungen. Aufgrund der komplizierten gesetzlichen Regelungen sind auch die Verträge kompliziert und nicht für jedermann verständlich. Jetzt sind in einer Phase starker Preissteigerungen viele Menschen irritiert, schauen sich die Formeln an und verstehen sie nicht. Aber auch hier darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Schließlich gab es bei der Fernwärme mit der derzeitigen Regulierung jahrzehntelang eine allgemeine Zufriedenheit der Kundinnen und Kunden. Da es im Fernwärmenetz aber keinen Wettbewerb gibt, stand gleichzeitig die Sorge der Verbraucherschützer vor erhöhten Preisen im Raum. Insofern finde ich die eingeleiteten Schritte zu einer deutschlandweiten Transparenzplattform richtig.

Ich denke, es würde uns in der Kommunikation helfen, wenn sich die Fernwärmepreise vor allem an den Produktionskosten orientieren.

ZfK: Was soll man tun, um die Preisgestaltung transparenter und allgemein verständlicher zu gestalten und die Akzeptanz zu erhöhen?

Bieberbach: Ich finde, man muss darüber nachdenken, ob man nicht den rechtlichen Rahmen verändert. Das in die Preisindizes einfließende Marktelement bedeutet ja bis auf weiteres, dass der Fernwärmepreis stark vom Gaspreis abhängig ist. Der Grund ist natürlich, dass der Wärmemarkt außerhalb der Fernwärme immer noch vom Gas dominiert ist. Perspektivisch wird es, gerade wenn man die Fernwärme zu großen Teilen auf erneuerbare Energien umgestellt hat, immer schwieriger zu erklären, warum der Gaspreis immer noch der entscheidende Faktor ist. Offenbar gibt es in der Politik Überlegungen, dieses Marktelement einzuschränken. Ich denke, es würde uns in der Kommunikation helfen, wenn sich die Fernwärmepreise vor allem an den Produktionskosten orientieren und nicht so sehr an der Marktentwicklung fossiler Brennstoffe. Aber natürlich gibt es auch eine Kehrseite. Denn falls der Gaspreis wieder auf Dauer sinkt, würden sich alle das Marktelement wieder zurückwünschen. Insofern verstehe ich, dass man sich das im Bundeswirtschaftsministerium sehr gut überlegt.

Ich habe das Gefühl dass wir in der Energiebranche eine unglaubliche Inflation von Zertifizierungen und Testaten haben.

ZfK: Wären nicht auch Testate ein Weg, um die Gemüter zu beruhigen und die Glaubwürdigkeit zu erhöhen?

Bieberbach: Mit Testaten kann man immer arbeiten. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in der Energiebranche eine unglaubliche Inflation von Zertifizierungen und Testaten haben. Am Ende sind wir nur noch damit beschäftigt, Zertifizierungen und dafür notwendige Unterlagen vorzubereiten. Das kostet alles Zeit und Geld. Ob das wirklich hilfreich ist, da habe ich meine Zweifel.

ZfK: Wie stehen Sie zu dem strittigen Thema Anschluss- und Benutzungszwang bei der Fernwärme?

Bieberbach: Da gibt es von der Philosophie her eine seltsame Nord-Süd-Grenze. Im Süden Deutschlands und auch in München ist man da eher skeptisch. Wir verlassen uns auf den Wettbewerb und darauf, dass die Leute selbst entscheiden, was für sie die beste Lösung ist. Aber natürlich gibt es auch Situationen mit einem Dilemma: Wenn etwa bei einer Reihenhauszeile sich die Eigentümer der Eckhäuser Luftwärmepumpen in den Garten stellen können, das aber für die Mittelhäuser keine Option ist, weil die Abstände nicht eingehalten werden können. In solchen Fällen könnte ein Anschluss- und Benutzungszwang sicher volkswirtschaftlich sinnvoll sein. Aber generell sehe ich in München keinen politischen Willen, einen Anschluss- und Benutzungszwang durchzusetzen.

ZfK: Apropos volkswirtschaftliches Kalkül: Für viele in der Branche ist es schwer vermittelbar, in Fernwärmeausbaugebieten auch noch Wärmepumpen staatlich zu fördern.

In München ist es ganz klarer Konsens, dass die Stadt in Ausbaugebieten kein Fördergeld für Wärmepumpen genehmigt.

Bieberbach: Dieser Einschätzung schließe ich mich an, dass ist volkswirtschaftlich Unsinn und Geldverschwendung. In München ist es ganz klarer Konsens, dass die Stadt in Ausbaugebieten kein Fördergeld für Wärmepumpen genehmigt. Ob man deswegen einen Anschluss- und Benutzungszwang braucht, ist eine andere Frage. Man kann klar sagen, eine Förderung für Wärmepumpen gibt es dort, wo es eine effiziente Lösung ist.

ZfK: Wie planen sie den Rückbau des Gasnetzes, speziell mit Blick auf die Kommunikation mit den Kunden.

Bieberbach: Unsere Haltung dazu ist klar: Solange es Kunden von uns gibt, die eine Gasheizung haben, werden wir Gas liefern. Solange, bis es niemandem mehr mit Gasheizung gibt. Nach jetzigem Stand wird es im Jahr 2045 nicht mehr erlaubt sein, eine Gasheizung zu betreiben. Die Stadt München hat dazu einen sogenannten quartiersbezogenen Ansatz ins Leben gerufen. Die Überlegung ist, dass Energieberater von Quartier zu Quartier ziehen und mit jedem einzelnen Hausbesitzer, jeder Hausbesitzerin sprechen, wie ein Konzept jenseits der Öl- oder Gasheizung aussehen kann. So wird für ganze Quartiere ein Konzept zur Klimaneutralität erarbeitet. Im Idealfall setzt man das Konzept innerhalb weniger Jahre um und kann dann auf einen Schlag das ganze Gasnetz im Quartier stilllegen. Rückbauen werden wir die Gasnetze nicht, das wäre Wahnsinn. Aber zumindest stilllegen. Ausnahmen gelten natürlich dort, wo es perspektivisch Wasserstoffkunden gibt.

Stand heute gehen wir für die nächsten 30 Jahre nicht davon aus, dass es großflächige Wasserstoffnetze in München geben wird.

ZfK: Wie hoch schätzen sie die Nachfrage nach Wasserstoff ein?

Bieberbach: Nach vielen Gesprächen mit Kundinnen und Kunden, die nur geringes Interesse äußern, sind es unserer Einschätzung nach nur wenige Teile des Gasnetzes, die wirklich mit Wasserstoff weiterlaufen werden. Es hängt natürlich von politischen Entwicklungen und der Regulierung ab, die ich auch nicht vorhersehen kann. Aber Stand heute gehen wir für die nächsten 30 Jahre nicht davon aus, dass es großflächige Wasserstoffnetze in München geben wird. Wir glauben, dass der grüne Wasserstoff noch lange Zeit zu teuer und nur in geringen Mengen verfügbar sein wird. Deshalb suchen sich die Leute wahrscheinlich andere Lösungen. In der Regel wird es die Wärmepumpe oder die Fernwärme bzw. ein Nahwärmenetz sein.

Das Interview führten Klaus Hinkel und Hans-Peter Hoeren.
Im in der kommenden Woche erscheinenden zweiten Teil des ZfK-Interviews äußert sich der SWM-Chef u. a. zur Kraftwerkstrategie der Bundesregierung und wie sich die Stadt München auf die Kommunale Wärmeplanung vorbereitet.

Lesen Sie auch:

"Greifen der Regulatorik vor": SWM veröffentlichen Nachhaltigkeitsstrategie

Stadtwerke München halten an Zielen fest

                

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper