Von Andreas Lorenz-Meyer
Die Stadtwerke Mühldorf am Inn haben in den Jahren vor 2022 immer schwarze Zahlen geschrieben. In den Jahren 2020 und 2021 zum Beispiel wurde ein Gewinn von über 600.000 Euro erzielt, 2019 lag dieser sogar bei fast 1,4 Millionen Euro. Doch 2022 war das anders: In dem Jahr hätten die Stadtwerke ein Minus von sieben Millionen Euro erwirtschaftet, wie regionale Zeitungen zuletzt berichteten.
Die Fraktionen von CSU, Grünen und SPD übten scharfe Kritik an den Stadtwerken, besonders am Aufsichtsratsvorsitzenden und Bürgermeister Michael Hetzl von den "Unabhängigen Mühldorfern". Von Intransparenz war die Rede und sogar von Vertuschung. Der Bau eines neuen Hallenbads, eines der wichtigsten Projekte der Stadt in den kommenden Jahren, sei gefährdet.
Anfang dieser Woche haben CSU, Grüne und SPD nun den Bürgermeister dazu aufgefordert, eine nicht öffentliche Sondersitzung abgehalten, in der geklärt werden soll, wie es zu dem "nicht nachvollziehbaren" Millionen-Minus von 2022 kommen konnte.
Hetzl selbst hatte in der vergangenen Woche von "Wahlkampfscharmützeln" im Vorfeld der Kommunalwahlen im März 2026 gesprochen. Die Stadtwerke seien eine GmbH mit Geschäftsführung und ihrem vom Stadtrat gewählten Aufsichtsrat als zuständigem sowie haftendem Kontrollgremium. Es seien keinerlei Aufklärungspflichten verletzt worden, weil solche gegenüber dem Stadtrat überhaupt nicht bestünden.
Massive Preissteigerungen
Worum geht es genau? Auf die ZfK-Anfrage zu den Ursachen für das Millionen-Minus reagierten Stadt und Stadtwerke zurückhaltend und stellten lediglich ein schriftliches Statement von Stadtwerke-Chef Alfred Lehmann aus der letzten Woche zur Verfügung. Lehmann hatte darin erklärt, dass es 2022 nicht – wie sonst in den Vorjahren – möglich gewesen sei, mit den Gewinnen aus dem Strom- und Wasservertrieb das jährliche Defizit des Freizeitbereichs (Eisstadion, Frei- und Hallenbad) bilanziell auszugleichen, da "der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die damit verbundene Energiekrise" zu massiven Preissteigerungen bei Gas und Strom geführt hätten.
Die Stadtwerke hätten zu "extrem hohen Preisen" einkaufen müssen. "Teilweise lag der Börsenpreis mehr als zehnmal höher als in Vorjahren, die durch Lieferverpflichtungen gegenüber Kunden noch nicht eingedeckt waren." 2022 hätten wegen der Insolvenz anderer Anbieter zudem mehr Haushaltskunden als geplant in die Grundversorgung aufgenommen werden müssen. Dies alles habe "erstmalig zu einem negativen Jahresergebnis" geführt, das "in eben diesem Gesamtzusammenhang zu bewerten" sei.
Stadtwerke-Chef: "Keine Auswirkungen auf Neubau des Hallenbades"
Einen Kredit in Höhe von 5,98 Millionen Euro, von dem in den Zeitungen die Rede gewesen sei, hätten die Stadtwerke nicht aufgenommen. Die Darlehensaufnahme im Jahr 2022 habe eine Million Euro betragen, die für die Sanierung der Wasserversorgung verwendet worden sei. "Das ist für ein Unternehmen unserer Größenordnung angesichts der geschilderten Zusammenhänge absolut im Rahmen – auch im Vergleich mit den Vorjahren", sagte Lehmann.
Der Aufsichtsrat sei beim Thema Energiebeschaffung 2022 und den eventuellen Auswirkungen frühzeitig eingebunden worden und habe das Vorgehen der Stadtwerke einstimmig beschlossen. Der Verlust habe keine Auswirkung auf die wirtschaftliche Substanz der Stadtwerke. "Auch nicht auf einen eventuellen Neubau des Hallenbades, da die Jahresergebnisse für 2023 und die Entwicklung seither sehr ordentlich sind." Für das Jahr 2023 rechnen die Stadtwerke vorläufig mit einem Plus von 2,8 Millionen Euro.
Streit mit der Versicherung
Wie hoch der Verlust aus dem Jahr 2022 nun wirklich ausfällt, ist noch unklar. Die sieben Millionen Euro sind eine vorläufige Zahl, erklärt Werner Kurzlechner, Pressesprecher der Stadt Mühldorf. Von Wirtschaftsprüfern testierte Jahresabschlüsse für die Jahre 2022, 2023 und 2024 lägen aktuell noch nicht vor. Ein Bericht für das Jahr 2022, der im Unternehmensregister abrufbar ist und ein Plus von rund einer Million Euro ausweist, sei nur eine "unbestätigte Vorab-Version".
Aber warum die ganze Verzögerung? Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Stadtwerke derzeit Streit mit ihrer Versicherung haben. "Es geht hier nicht um eine Versicherung gegen einen Jahresverlust, sondern um einen konkreten Schadensfall im betrieblichen Ablauf, für den nach Auffassung der Stadtwerke die Versicherung aufzukommen hat", erklärt Kurzlechner.
Täte sie das, hätte das Auswirkungen auf die Höhe des Jahresverlustes. Das Minus von sieben Millionen Euro könnte sich also noch verkleinern. Eine Einigung über die Anerkennung des Schadens und die Höhe gibt es laut Kurzlechner aber noch nicht. Gegenüber der ZfK machten weder Stadtwerke noch Stadt genauere Angaben zu dem Fall. "Das Thema wird aber voraussichtlich auf dem Rechtsweg entschieden werden", teilte Kurzlechner mit.
Kommunalwahlen und Parteipolitik spielen eine große Rolle
Er kommentiert auch die aktuellen parteipolitischen Streitigkeiten. Die Kommunalwahlen im März 2026 spielten dabei "eine sehr entscheidende Rolle". Allein ein Blick auf das Timing zeige, dass der Wahlkampf ein "nicht zu negierender Faktor" sei.
Das gilt für alle aktuell in Stadt und Landkreis diskutierten Themen – das neue Hallenbad genau wie das Landkreiswerk, das 23 Kommunen und der Landkreis Mühldorf im Juli als Initiative des Landratsamtes gegründet hatten. Mit Mühldorf und Waldkraiburg sind die beiden mit Abstand größten Städte des Landkreises, die als einzige Kommunen eigene Stadtwerke haben, bislang nicht beigetreten.
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