Stadtwerke müssen heute nicht nur den Bestand verwalten, sondern auch die Zukunft gestalten: Innovation war das Thema auf dem Trurnit Forum in Leipzig. Unternehmensberater Frank Trurnit und ZfK-Chefredakteur Klaus Hinkel moderierten dazu am Mittwoch, 8. November, eine Diskussionsrunde.
„Wir müssen Unternehmer sein“, sagt Karsten Rogall, Geschäftsführer der Leipziger Stadtwerke, „das hat die Energiebranche erst in den letzten Jahren zu lernen gehabt. Wir hatten ein komplexes Geschäft, aber eines, welches wir über Generationen beherrscht haben.“
Jetzt sei das Geschäftsmodell „auseinandergeflogen“. „Wir brauchen nun den Mut ein Geschäftsmodell für die nächsten 30 Jahre zu entwickeln, was genau das ist, wissen wir noch nicht.“ Dafür brauche es unternehmerisches Denken und die Fähigkeit, Entscheidungen in Phasen großer Unsicherheit zutreffen.
Kommunikativ stellt diese Unsicherheit die Stadtwerke vor Herausforderungen – insbesondere in der internen Kommunikation. „Entscheidungen über langfristige Investitionen treffen nicht immer die Zustimmung der einzelnen Unternehmensbereiche“, sagt Rogall.
Es sei daher wichtig, die Entscheidungen gut zu begründen und auch Widersprüche transparent zu machen: „Wir wissen heute nicht, ob wir die richtige Entscheidung treffen, aber wir treffen sie bestmöglich.“
„Jetzt, in Zeiten in denen es uns gut geht, müssen wir uns um Innovation kümmern.“ - Matthias Cord, Thüga-Vorstand
Die Energiekrise und Anforderungen des Gesetzgebers haben die Energiebranche in den letzten Monaten stark gefordert, bleibt da überhaupt Raum für Innovation in den Unternehmen?
„Es ist alternativlos, wir dürfen uns nicht nur auf das Tagesgeschäft konzentrieren“, sagt Matthias Cord, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Thüga. „Jetzt, in Zeiten in denen es uns gut geht, müssen wir uns um Innovation kümmern.“
Kommunale Unternehmen fehle dafür aber oft die Risikobereitschaft, berichtet der Thüga-Vorstand: „Wenn ich mich an einem Start-Up beteilige und es nach zwei Jahren keine schwarzen Zahlen liefert, kann ich nicht damit reagieren, dort Controller hinzuschicken.“ Mögliches Scheitern gehöre zum Innovationsprozess.
„Vorstände müssen Begeisterung verbreiten“
„Wir können nicht glauben, dass man ohne Investment und Risikokapital eine Zukunft gestalten kann“, sagt Hans-Martin Hellebrand, Vorstand der badenova. Diese Bereitschaft muss auch vom Vorstand vorgelebt werden, damit sie sich im Unternehmen verbreite: „Wir als Vorstände müssen eine Begeisterung dafür haben, die Energiezukunft und eine gute Zukunft schaffen zu wollen.“
Hellebrand wolle bei Badenova Menschen motivieren, neue Dinge zu auszuprobieren. „Wir kennen die Zukunft nicht, aber wenn wir vorleben, dass wir begeistert in die Zukunft blicken, können wir unsere Mitarbeiter auf diesem Weg mitnehmen.“
Kunden als Ausgangspunkt für Innovation
Hellebrand erklärt zudem einen Denkfehler bei bisherigen Innovationsprojekten in Stadtwerken: „Wir haben öfter den Fokus auf Technologie gelegt und was man damit machen kann und uns nicht gefragt, was der Kunde will und wie die Technologie das ermöglichen kann.“
Beispiel für ein solches Vorgehen ist die Digitale Energieleitplanung“, die dieses Jahr den ZfK NachhaltigkeitsAWARD in Gold in der Kategorie Digitalisierung gewonnen hat. . Sie soll Kommunen Energieleitplanungen „auf Knopfdruck“ ermöglichen.
Den Kunden ins Zentrum rücken, das ist auch die Botschaft von Melanie Schiller, Head of Brand Communication bei dem jungen Energieunternehmen Octopus Energy Germany. „Man kann noch so innovativ und kreativ sein, wenn die Inhalte bei den Kunden nicht ankommen, ist das verschenkt“, sagt die Kommunikatorin.
Mit Innovationen könne mittelfristig die Versorgungssicherheit gewährleistet werden, sagt Schiller und sieht dabei die Herausforderung, das den Kunden nahezubringen. „Wir haben dynamische Tarife, die sich an Haushalte mit Wärmepumpe oder E-Auto richten, das ist nicht die junge Generation, für die solche digitalen Anwendungen Normalität sind“, sagt Schiller.
Starker Wind, günstiger Strom
Ein Projekt, das Octopus Energy gestartet hat, um den Vorteil des dynamischen Tarifmodells zu verdeutlichen, ist eine Rabattaktion: Kunden, die nahe an einem Windrad des Unternehmens wohnen, erhalten bei einer starken Erzeugung dort, einen großen Rabatt.
„Das rechnet sich für uns nicht, aber nicht jede Innovation muss sich rechnen“, erklärt Schiller. „Wenn wir den Kunden mal wirklich ins Zentrum der Innovation stellen würden, dann wäre auch die Kommunikation innovativer denn je.“
(pfa)



