Die rekordhohen Großhandelspreise für Strom und Gas und die massiven Unsicherheiten mit Blick auf den Krieg in der Ukraine werden im Herbst zu deutlichen Preiserhöhungen für Verbraucherinnen und Verbraucher, aber auch Geschäftskundinnen und Geschäftskunden führen. Darin waren ich die Diskussionsteilnehmer bei der Podiumsdiskussion des „Energy für Future Leaders Kongress“ der Energieforen Leipzig einig.
„Wir stehen vor erheblichen Preiserhöhungen“, sagte Stephan Lowis, Vorstandsvorsitzender des Regionalversorgers EnivaM. Die ganze Branche werde in den nächsten zwölf Monaten mindestens einmal die Strom- und Gaspreise erhöhen müssen. Die Bezahlbarkeit von Energie werde das große Thema der kommenden Wochen und Monaten werden.
Eingeschränkte Liquidität an den OTC-Märkten
Auch Maik Piehler, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig, erwartet zum nächsten Jahreswechsel Preisanpassungszyklen. Entscheidend sei, wie hoch und wie schmerzhaft diese ausfielen. „Die Gewährleistung der Bezahlbarkeit ist dabei ganz klar eine sozialpolitische Fragestellung und kann nicht von den Energieversorgern isoliert geleistet werden“, so Piehler.
Die Beschaffung der Stadtwerke Leipzig sei aktuell insbesondere durch die eingeschränkte Liquidität an den OTC-Märkten stark herausgefordert. „Insgesamt ist die Nervosität hoch, auch weil immer das Thema besteht, wie wir diese Belieferung preislich sinnhaft durchgesetzt bekommen".
„Die Teilnahme an den Energiehandelsmärkten ist nur noch mit Sicherheiten möglich, hier haben sich die Spielregeln geändert“, ergänzte Michael Maxelon, Vorstandsvorsitzender der Städtischen Werke AG Kassel. Die notwendigen Energiemengen habe man aber bereits gesichert.
Julien Mounier hofft auf "sozialpolitisches Signal der Politik"
Julien Mounier, der Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke Düsseldorf, würde ein sozialpolitisches Signal der Bundesregierung in den nächsten Wochen begrüßen. Sonst sei die Solidarität der Kundinnen und Kunden schnell aufgebraucht.
Der VKU hat hierzu einen neuen Forderungskatalog an die Bundespolitik vorgelegt, dieser sieht auch Entlastungen für Industrie und Gewerbe sowie Forderungen zur weiteren Liquditätssischerung bei Stadtwerken vor.
Auch in Berlin wird über weitere finanzielle Entlastungen nachgedacht, das Bundeskabinett beschloss am Mittwoch die Abschaffung der EEG-Umlage auf der Stromrechnung.
Industrie sorgt sich um Versorgungssicherheit
Viele besorgte Anfragen zum Thema Versorgungssicherheit und den wirtschaftlichen Folgen von möglichen Abschaltungen von Industriebetrieben aufgrund eines möglichen Gasmangels im Falle eines Energie-Embargos erhält aktuell Rainer Müller, der Geschäftsführer der Stadtwerke Bielefeld.
Im gleichem Atemzug nehme er eine stärkere Regionalisierung und den Wunsch enger mit den Stadtwerken zu kooperieren, etwas bei Themen wie Energieautarktie und Contracting, wahr.
Liebing: "Dezentralität ist die richtige Antwort"
Einig war sich die Runde, dass sich das energiewirtschaftliche Zieldreieck aktuell in Richtung Versorgungssicherheit verschoben habe. „Die Klimaneutralität darf aber künftig nicht hintanstehen. Nicht das Zurück ist die Antwort auf die aktuelle Situation, sondern ein forciertes Voran“, stellte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing klar.
Die Diversifizierung der Energieversorgung sei der richtige Ansatz, um sich aus der Energieabhängikeit von Russland zu lösen. „Hier ist die Dezentralität die richtige Antwort.“ Ein Embargo lehnt er aber mit Blick auf die befürchteten gravierenden wirtschaftlichen Schäden ab.
Lippold: "Es brechen völlig neue Zeiten an"
„Jetzt ist Springen angesagt“, betonte Gerd Lippold (Bündnis 90/Die Grünen), Staatssekretär im Sächsischen Ministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft mit Blick auf die Energiewende.
Hier habe der Freistaat Sachsen mit einer ausgewiesenen Flächenkulisse von 0,2 Prozent von allen Bundesländern einen besonders weiten Weg zu gehen. „Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel, es brechen völlig neue Zeiten an.“
Rainer Müller: "Mehr Investitonsanreize für Wärmewende und ÖPNV"
Die Ukrainekrieg werde den Entwicklungspfad zur Klimaneutralität beschleunigen, ist auch Stephan Lowis von EnviaM überzeugt. Allerdings müsse die Ausbaugeschwindigkeit bei den Erneuerbaren massiv gesteigert werden. EnviaM will bis 2040 klimaneutral sein.
Das ist auch das Ziel der Stadtwerke Bielefeld. Gerade bei den größen Transformationsherausforderungen, der Wärmewende und der Finanzierung der Mobilitätswende im ÖPNV vermisst Geschäftsführer Rainer Müller aber entsprechende Investitionsanreize.
Insbesondere im ÖPNV seien auch neue Finanzierungsmodelle notwendig, wenn die Branche das Ziel eines co2-neutralen Verkehrs erreichen wolle.
"Künftig keine Gasnetze mehr in Düsseldorf"
Die Stadt Düsseldorf und die Stadtwerke streben bis 2035 die Klimaneutralität an. Der Wärmebereich soll dort künftig nur noch auf grüner Fernwärme und Wärmepumpen basieren.
„Wir werden künftig keine Gasnetze mehr in Düsseldorf haben. Die Ukrainekrise zeigt, dass das richtig ist“, erklärte Julien Mounier, der Vorstandsvorsitzende der Düsseldorfer Stadtwerke. Das gelte auch für die Beschleunigung der Energiewende in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.
Die aktuellen Entwicklungen und der instabile Markt machten es aber anspruchsvoller, die Stadt als Gesellschafter davon zu überzeugen, dass die Investitionssicherheit in eine neue Müllverbrennungsanlage oder aber den Wasserstoffausbau gegeben sei. (hoe)



