Richtig offensiv sagt es noch keiner, dennoch zeichnet sich ab, dass die kommunalen Steag-Gesellschafter ihr Engagement bei dem Essener Energiekonzern unterm Strich wohl mit einem nennenswerten Gewinn abschließen werden. Anlass ist die am Freitagabend bekannt gewordene Unterzeichnung der Verkaufsverträge über sämtliche Steag-Anteile mit dem spanischen Infrastrukturfonds Asterion. Der WDR spekulierte gestern auf zusätzliche Erträge von mehreren hundert Millionen Euro.
Man werde mit einem „guten Plus aus der Sache“ herauskommen, sagte der Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke Bochum und Koordinator der kommunalen Steag-Konsorten, Dietmar Spohn, gestern auf einer Pressekonferenz der Kommunalen Verwaltungsgesellschaft (KSBG). Gemeinsam mit den Städten würden die jeweiligen Konsorten künftig entscheiden, wie die Gelder eingesetzt werden. Hier hätten die Kommunen mit Blick auf Energie- und Wärmewende aber auch eine „Menge an Investitionen vor der Brust“.
Möglich wird das, weil das Ergebnis bis zum Abschluss der Verkaufstransaktion und dem Vollzug durch die Kartellbehörde den jetzigen Eigentümern zusteht. "Das ist so auch in den Verkaufspreis eingepreist", erklärte Ralf Schmitz, Chief Transformation Officer der Steag sowie Mitglied der Geschäftsleitung der KSBG. Das Closing soll Ende des Jahres erfolgen.
Steag-Rekordergebnis in 2022
Seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine sind die Steag-Steinkohlekraftwerke zurück am Markt und haben dem Unternehmen bereits 2022 einen Rekordgewinn von 1,9 Mrd. Euro beschert, der aber erst zum Jahresende verrechnet wird. Und auch für 2023 sind die Ergebnisperspektiven sehr gut.
Ob Beteiligungsquote oder Darlehensverbindlichkeiten, die Situation sei in den betroffenen Städten sehr unterschiedlich. „Es gibt noch keine genauen Zahlen“, erklärte die Aufsichtsratsvorsitzende der KSBG und Dortmunder Stadtwerkechefin, Heike Heim. Dortmund ist mit einer Beteiligung von 36 Prozent der größte Steag-Gesellschafter. Alle Konsorten würden in den kommenden Tagen erste Schätzungen zu den finanziellen Auswirkungen vornehmen, den Anfang machen die Dortmunder am heutigen Dienstag (29. August).
Rund 2,6 Mrd. Euro zahlt Asterion für den Steag-Konzern als Ganzes, der mittlerweile in einen grünen Teil (Iqony) und einen fossilen, schwarzen Teil (Steag Power) aufgeteilt ist. Dem stehen Pensionsverpflichtungen und Verbindlichkeiten von rund 1,5 Mrd. Euro entgegen. Die kommunalen Gesellschafter hatten die Steag Anfang der 2010er Jahre für rund 1,2 Mrd. Euro in zwei Tranchen erworben.
Asterion: "Wir wollen Steag als Ganzes fortführen"
Der spanische Infrastrukturfonds hatte sich auf der Zielgerade gegen ein Konsortium bestehend aus dem tschechischen EPH-Konzern und der RAG-Stiftung durchgesetzt. Für Asterion ist der Steag-Erwerb gleichbedeutend mit dem Markteintritt in Deutschland. „Wir wollen die Steag als Ganzes fortführen“, sagte Nicole Hildebrand, Partnerin bei Asterion. Sowohl Iquony als auch Steag Power böten die besten Voraussetzungen, um einen großen Beitrag zur Wärmewende und zur Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa zu leisten.
Asterion will nach der geplanten Übernahme von Steag auf dem deutschen Markt die Augen offen halten. «Ja, wir haben Interesse, uns andere Dinge anzusehen», sagte Hildebrand. Nähere Einzelheiten nannte sie nicht. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben einer der größten auf Infrastruktur fokussierten Fonds in Europa und verwaltet ein Vermögen von rund 5 Milliarden Euro.
Etwa die Hälfte der bisherigen Investitionen des Unternehmens entfiel auf den Energiesektor: Im Jahr 2019 etablierte das Unternehmen mit Asterion Energies eine Entwicklungsplattform, die ein Projektportfolio mit insgesamt 7.700 Megawatt (MW) erneuerbarer Energie in Spanien, Italien und Frankreich verwaltete. Die Plattform wurde Ende letzten Jahres an den spanischen Energiekonzern Repsol verkauft.
Gewerkschaftschef Vassiliadis spricht von "ermutigendem Signal"
Der Verkauf an Asterion trägt laut Steag-Geschäftsführung auch zur Arbeitsplatzsicherung bei. «Die jetzt getroffene Entscheidung sorgt für größere wirtschaftliche Handlungsspielräume bei anstehenden Zukunftsinvestitionen», erklärte Steag-Vorstandschef und Arbeitsdirektor Andreas Reichel am Montag laut einer Mitteilung. Insofern trage der Verkauf perspektivisch auch zur Sicherung der bestehenden Arbeitsplätze bei.
Zustimmung findet die Transaktion, die Ende des Jahres vollzogen sein soll auch bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie. „Wir sind zufrieden mit dem Ergebnis des Verkaufsprozesses. Mit Asterion hat die Steag als Ganzes nun einen starken Partner, der gewillt ist, aber auch über die notwendigen Finanzmittel verfügt, dem Unternehmen und seinen beiden Teilkonzernen Power und Iqony eine gesicherte Zukunftsperspektive zu eröffnen“, kommentierte IGBCE-Chef Michael Vassiliadis. Nach dem schmerzlichen Arbeitsplatzabbau in den vergangenen wirtschaftlich für Steag sehr schwierigen Jahren sei das ein ermutigendes Signal.
Die IGBCE werde darauf achten, dass der neue Eigentümer sein nachhaltiges und langfristiges Zukunftskonzept auch in „unserem Interesse umsetzt und Standorten wie Beschäftigten neue Perspektiven“ biete. Derzeit beschäftigt der Konzern weltweit rund 5300 Menschen, davon etwa 2300 bei Iqony (1900 in Deutschland) und gut 3000 bei Steag Power (1000 in Deutschland). (hoe/dpa)



