Von Hans-Peter Hoeren
Nicht nur die Kommunalwirtschaft sucht nach Wegen, um die Finanzierungsherausforderungen der nächsten Jahre im Zuge der Energiewende vor Ort zu stemmen. Auch die Finanz- und Versicherungswirtschaft diskutiert intensiv über entsprechende Finanzierungsinstrumente.
"Wir haben zu wenig Eigenkapital-Finanzierung in unserer Volkswirtschaft", konstatierte der frühere Kurzzeit-Bundesfinanzminister, Finanzstaatssekretär und ehemalige Bankmanager, Jörg Kukies, bei der Tagung "Zukunft finanzieren" der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in Frankfurt am Main. In Kanada und Schweden etwa würden die Pensionsfonds beim Thema Eigenkapital-Finanzierung eine deutlich größere Rolle spielen als in Deutschland.
"Es ist ausreichend privates Kapital in Deutschland vorhanden und es gibt auch genügend Investoren, die das Asset Infrastruktur attraktiv finden. Die Frage ist, wie kann ich privates Kapital für die Transformation gewinnen, wie müssen diese Finanzierungen strukturiert sein und welche Rahmenbedingungen sind erforderlich, um dies zu fördern", verdeutlichte Daniel Wrobel, Bereichsvorstand Financial Institutions und Corporates bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).
"Die deutsche Transformationsfinanzierung ist ein sehr gutes Asset für die Versicherungsindustrie. Eine Anlage in Stromnetze, die einer eigenen Regulierung unterliegen, ist für uns sicherlich hoch interessant", bekräftigte Roland Oppermann, Vorstand der Sparkassenversicherung.
Gelder aus Lebensversicherungen in Stromnetz-Ausbau anlegen
Oppermann appellierte, beim Thema neue Finanzierungsinstrumente für die Transformation der Energieversorgung ganzheitlich zu denken und eine Art Geldkreislauf zu initiieren. Da die private Altersvorsorge an Bedeutung gewinnt, könnte die Lebensversicherung ein mögliches Anlagevehikel sein.
Damit die Erträge daraus nach einer Ansparzeit von dreißig Jahren oder mehr steuerfrei blieben, könnte man dies an die Voraussetzung koppeln, dass die Gelder in regulierte Assets wie den Stromnetzausbau investiert würden. In der Auszahlungsphase könnten die Mittel zweckgebunden für energetische Sanierungen, die Tilgung von Wohneigentum oder die Sicherstellung einer lebenslangen Rente verwendet werden.
Investoren wollen Mitsprache- und Kontrollrechte
Die Diskussion über ein derartiges Modell wird offenbar in der Versicherungsbranche seit Längerem geführt. "Stromnetzbetreiber brauchen zusätzliches Eigenkapital, um dann wieder mehr Fremdkapital generieren zu können", erklärte Oppermann. Dies könne man nur mit einem Branchenprodukt lösen.
Da Eigenkapital im Insolvenzfall aber nachrangig gegenüber Fremdkapital sei, wolle jeder Investor ein entsprechendes Mitspracherecht haben. Um hier ein besseres Verständnis und einen Interessenausgleich zwischen Eigenkapitalgeber und dem Stromnetzbetreiber herzustellen, könnte eine Kapitalsammelstelle, die jeweiligen Eigenkapital-Investments der Versicherungen oder anderer instiitutioneller Investoren bündeln und auch deren Kontroll- und Mitspracherechte wahrnehmen.
Die zusätzlichen Mittel könnten dann beispielsweise auch über Bürgerbeteiligungen in Form von Sparkassenbriefen oder sogenannte Eltifs (European Long Term Investment Funds, das sind spezielle von der EU regulierte Fonds, die etwa langfristig in Infrastruktur investieren) refinanziert werden. Um die Finanzierungskosten für die Stromnetzbetreiber in einem machbaren Rahmen zu halten, seien zudem Garantien der Länder oder des Bundes hilfreich. "Das kann helfen, um die Risiken aus Investorensicht abzumildern und so die Renditeanforderungen senken", so Oppermann.
Klare Renditeerwartungen
Die Transformationsfinanzierung im kommunalen Bereich werde allerdings erst durch eine Standardisierung effizient, ergänzte Georg Schormann, Geschäftsführer des institutionellen Anlegers Tecta Invest. Das Unternehmen verwaltet rund 50 Milliarden Euro an Kapitalanlagen als Asset Manager des Konzerns Versicherungskammer. "Damit eine Eigenkapitalfinanzierung Sinn macht, benötigen wir eine Rendite von sieben Prozent nach Kosten", verdeutlichte Schormann. Das Unternehmen ist seit Jahren im Bereich Infrastrukturfinanzierung tätig und hat nach eigenen Angaben auch in ein Gasnetz investiert.
Burkhard Wittmacher, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, sieht hier insbesondere auch die Finanzmarktaufsicht gefordert, um die Transformation finanzierbar zu machen.
Für Tanja Gröger, Leiterin Konzernfinanzen und Risikomanagement beim Regionalversorger EWE, braucht es für ein Gelingen der Transformationsfinanzierung auch neue Kompetenzen und Partnerschaften. EWE wird in den kommenden Jahren seine Investitionen auf 16 Milliarden Euro vervierfachen. "Das können wir allein aus operativer Kraft nicht stemmen", verdeutlichte Gröger. Sie wünscht sich vor allem Finanzierungsinstrumente, die eine "echte Eigenkapital-Wirkung erzielen und idealerweise für die gesamte Laufzeit der sich abzeichnenden künftigen Investitionsherausforderungen, das heißt für 15 bis 20 Jahre, zur Verfügung stehen.



