Deutschland steht vor einem Paradigmenwechsel in der Energiepolitik: Weg von rein netztechnischem Denken, hin zu systemischem Handeln. Für die Geschäftsführer der Stadtwerkekooperation Trianel Sven Becker und Oliver Runte bedeutet das, dass Batteriespeicher, flexible Kraftwerke und Marktregeln als ein Ganzes betrachtet werden müssen. Ihr Appell: Systemdienlichkeit darf kein Nebenaspekt mehr sein – sie muss zur politischen Leitlinie werden.
Die Trianel fordert eine sogenannte Flex-Agenda, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Was ist damit gemeint?
Sven Becker: Wir sind überzeugt, dass Flexibilität der Schlüssel für die Energiewende ist und daher fest in der energiepolitischen Agenda verankert werden muss. Diese Flex-Agenda muss drei Kernbausteine umfassen. Denn die Energiewende gelingt nur, wenn die volatilen Erneuerbaren in den Markt integriert, das heißt Erzeugung und Verbrauch zeitgleich synchronisiert werden.
Zentraler Baustein: ein Marktdesign, das gesicherte Leistung und sämtliche Flexibilitäten honoriert. Alle Technologien, die gesicherte Leistung bereitstellen können, sollen technologieoffen teilnehmen. Wir sprechen uns für einen Kapazitätsmarkt wie in Belgien aus: Versorgungssicherheit wird zentral festgelegt, und alle, auch dezentraleTechnologien, können ein Angebot machen.
Zweiter Baustein: investitionsfreundliche Rahmenbedingungen für Batteriespeicher. Baukostenzuschüsse und das Auslaufen der Netzentgeltbefreiung sorgen aktuell für massive Unsicherheiten. Die Marktrolle von Batteriespeichern ist ungeklärt – sie liefern netto keine Energie, gleichen aber Lasten aus. Systemdienlichkeit muss über Netzdienlichkeit gestellt werden. Netzdienlichkeit bedeutet, dass es nur dem Netz dient, Systemdienlichkeit impliziert, dass es für das Gesamtsystem gut ist, also alle Akteure profitieren. Dieser Fokus muss gesetzt werden.
Dritter Baustein: eine Kraftwerksstrategie, die Investitionen in wasserstofffähige Gaskraftwerke anreizt. Ohne Kraftwerksstrategie kann der Kohleausstieg nicht gelingen. Wir brauchen auch künftig gesicherte Leistung. Und die Umstellung auf Wasserstoff ist zugleich die Grundlage für den Wasserstoffhochlauf.
Oliver Runte: Stabile und verlässliche Rahmenbedigungen – das muss Credo der Energiepolitik der nächsten Jahre sein.
OIiver Runte, Trianel
Die deutschen Energieimporte nehmen zu. Wie wirkt sich das auf Versorgungssicherheit, Preise und Handel aus und könnte da eine weitere Europäisierung hilfreich sein?
Runte: Der Zubau an Erneuerbaren bei gleichzeitig zunehmend fehlender steuerbarer Leistung stellt uns vor neue Herausforderungen. Deutschland muss auch deshalb teilweise Importe beziehen, insbesondere aus Frankreich und Dänemark, früher auch aus der Schweiz. Es ist für die Zukunft sinnvoll, die Abhängigkeit zu begrenzen und eigene Kraftwerkskapazitäten bereitzustellen. Es gibt dabei keine Alternative als neue Gaskraftwerke.
Die Märkte wachsen immer mehr zusammen. Wenn wir in Deutschland handelsseitig tätig sind, geht das nicht, ohne den EU-Markt zu verstehen. Daher haben wir unser Geschäft stark europäisiert. Das geht, weil heute immer mehr über die Börse gehandelt wird. Das war früher anders, als vor allem physisch gehandelt wurde. Da musste man in die einzelnen Märkte rein. Mit dem Markt-Know-how auch der Nachbarländer ist es uns möglich, bessere Preisprognosen für Deutschland zu erstellen. Wenn man die Handelsmärkte und die Preisbilungssystematik verstanden hat, wenn man dieses Markt-Know-how aufgebaut hat, dann kann man Stadtwerke beraten und unterstützen.
Becker: Ein europäischer Ansatz kann Flexibilitätsressourcen besser bündeln – von Batteriespeichern bis zu Reservekraftwerken. Dafür brauchen wir klare Regeln und ein Marktdesign, das alle fair behandelt.
Auf der anderen Seite entflammt in Deutschland wieder die Debatte über die Strompreiszonenteilung.
Runte: Diese Debatte ist nicht neu. Da hilft ein Blick zu der Trennung der deutsch-österreichischen Strompreiszone. In Österreich sind in der Folge die Preise gestiegen. Die Aufteilung in Preiszonen kann signifikante Auswirkungen auf Marktpreise und Handel haben.
Schlüsselfaktor ist auch hier der Netzausbau. Wenn der nicht vorangetrieben wird, dann können wir nicht bei den alten Marktregeln bleiben. Andersrum: Wenn wir kostengünstig und schnell Netze ausbauen, dann brauchen wir keine Trennung. Wenn wir das nicht schaffen, müssen wir ernsthaft über Strompreiszonen nachdenken. Ich bin kein Fan von Strompreiszonen, aber ohne Netzausbau könnte es notwendig sein.
Becker: Frau Katherina Reiche hat sich aber in ihrem 10-Punkte-Plan deutlich positioniert und sich für eine einheitliche Stromgebotszone ausgesprochen. Und hat erkannt, dass Liquidität und Preisspitzen den Ausbau von Flexibilitäten gezielt fördern!
Wie beurteilen Sie die Lage der Gasspeicher aktuell, insbesondere hinsichtlich Vermarktung und Befüllungsvorgaben?
Runte: Der Befüllungszustand ist aktuell niedriger als in den Vorjahren. Bei kälterer Witterung kann dies zu Preisspitzen im Winter führen. Der Befüllungszustand unseres eigenen Speichers in Epe ist derzeit hoch, was allerdings mehr mit bergbaurechtlichen Vorgaben zu tun hat. Als Händler hätten wir gern mehr Freiheitsgrade, um zu entscheiden, wie wir den Speicher optimal fahren. Aus regulatorischer Sicht, aber auch wegen der geologischen Beschaffenheit unseres Speichers sind hier die Freiheiten begrenzt. Das Marktumfeld ist zusätzlich herausfordernd, da die Sommer-Winter-Spreads unnatürlich gering sind. Das freut keinen.
Becker: Das Speichergeschäft wird spannender, wenn wir über die Speicherung von Wasserstoff nachdenken. Aber soweit sind wir noch nicht.
Oliver Runte, Trianel
Auch die Speicherung von CO2 wurde zuletzt wieder thematisiert. Wie sehen Sie das?
Becker: CCS ist vor allem für Hard-to-Abate-Industrien relevant, wo CO2 nicht anders vermieden werden kann. Die Tür für Gaskraftwerke zu öffnen, ist technisch denkbar, wirtschaftlich aber fraglich. Für ein Gaskraftwerk, das nur 1000 bis 2000 Stunden im Jahr läuft und einen geringen CO2-Ausstoß hat, eine komplexe CCS-Anlage zu bauen, das wäre sehr teuer. Wir verfolgen das Thema derzeit nicht.
Dafür aber das Thema Wasserstoff?
Becker: Wir entwickeln ein Elektrolyseurprojekt am Standort Hamm mit 20 MW, gemeinsam mit drei Stadtwerken, die ihren ÖPNV und ihre Entsorgungsflotte auf Wasserstoff umrüsten. Das Projekt hat eine Förderbewilligung vom Land NRW, stockt aber, weil die Absatzseite unsicher ist. Das Interesse einiger Industrieunternehmen hat sich zuletzt abgeschwächt, weil THG-Quoten oder andere Mechanismen zur Abnahme fehlen. Wir können erst investieren, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen klar sind. Denn die Genehmigungen liegen bereits vor.
Die Signale aus Berlin erzeugen Verunsicherung. Wasserstoff spielt eine Schlüsselrolle für Klimaziele, um neben Strom auch Wärme und Mobilität zu dekarbonisieren. Im Verkehrssektor gibt es zwar einen Referentenentwurf zur THG-Quote bis 2040, was wir als ein positives Zeichen werten, jedoch sind langfristige Rahmenbedingungen erforderlich, idealerweise parteiübergreifend.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Artjom Maksimenko
Das Interview mit Sven Becker und Oliver Runte ist in der aktuellen ZfK-Printausgabe in einer gekürzten Fassung erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Lesen Sie im ersten Teil des Trianel-Interviews, welches Zwischenzeugnis beide Geschäftsführer der Bundesregierung ausstellen und wie sie der zunehmenden Komplexität im Handel begegnen.
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