Das anhaltend hohen Erdgaspreise haben die Wirtschaftlichkeit der Steinkohlekraftwerke des Energiekonzerns Steag signifikant verbessert. Das schlägt sich in einem deutlich verbesserten Konzernergebnis und der Rückkehr in die Gewinnzone nieder und gibt dem in einer Restrukturierung befindlichen Unternehmen zusätzlichen Schub bei der Transformation.
„Die guten Geschäftszahlen auch im ersten Quartal geben uns Rückenwind. Wir sehen uns außerdem gut aufgestellt für den Investorenprozess“, sagte Andreas Reichel, Sprecher der Steag-Geschäftsführung, gegenüber der ZfK. Die Attraktivität des Unternehmens als Ganzes sei durch die Neubewertung der Kraftwerke gestiegen. Und damit haben sich laut der Geschäftsführung auch die Chancen verbessert, einen neuen Käufer für das Unternehmen zu finden.
Im Laufe des kommenden Jahres soll der Verkaufsprozess im besten Fall abgeschlossen sein. Guntram Pehlke, der Chef des größten Steag-Einzelaktionärs, der Dortmunder Stadtwerke, hatte sich Anfang April zuversichtlich gezeigt, dass dies gelingen wird.
Alle relevanten Stakeholder haben der Aufteilung im Grundsatz zugestimmt
Um die strategischen Optionen mit Blick auf die Investorensuche zu erhöhen, soll die Steag ab Anfang 2023 in einen "schwarzen" und in einen "grünen Unternehmensteil" aufgeteilt werden. Das gesamte Kohlekraftwerksportfolio, einschließlich dem jungen Steinkohlekraftwerk Walsum 10 und den Anlagen im Ausland, soll Anfang kommenden Jahres gesellschaftsrechtlich und strukturell von dem regenerativen Wachstumsgeschäft getrennt werden. Beide Geschäftsfelder sollen aber weiterhin unter dem Dach der Steag weitergeführt werden.
Die Aufteilung sei bereits im Grundsatz beschlossen und mit allen beteiligten Stakeholdern, unter anderem den kommunalen Anteilseignern, der Gewerkschaft IG BCE, den Arbeitnehmervertretern und den Banken einvernehmlich abgestimmt worden, teilt die Steag mit. Die endgültige Entscheidung soll voraussichtlich Ende des Jahres fallen.
"Die Steag-Kraftwerke haben an Wert gewonnen"
Das kommunalen Steag-Gesellschafter, das Unternehmen gehört sechs nordrhein-westfälischen Städten, wollen das Unternehmen im Laufe des Jahres 2023 verkaufen. Die klare Aufteilung würde dem Unternehmen nach eigenen Angaben weitere strategische Optionen verschaffen. „Angesichts der zuletzt positiven wirtschaftlichen Entwicklung haben die Steag-Kraftwerke an Wert gewonnen. Die Chancen, dass das zweigeteilte Unternehmen als Ganzes verkauft werden kann, sind zuletzt deutlich gestiegen“ unterstreicht Andreas Reichel.
Denkbar wäre die Einbringung der Steinkohleaktivitäten in eine Stiftung. Diese Idee hatte die Berliner Ampel-Koalition in ihrem Koalitionsvertrag ins Spiel gebracht. „Durch eine Stiftungslösung könnten Kohlekraftwerke wieder im Markt mitspielen und für gesicherte Leistung stehen. Sie könnten für einen gewissen Zeitraum als eine Art kleine Brücke die Rolle der benötigten, zusätzlichen Gaskraftwerke einnehmen, die jedenfalls deutlich später kommen werden, als bislang angenommen“, so Reichel. Auch RWE zeigt sich auf Anfrage mit Blick auf seine Kohlekraftwerke offen für eine derartige Lösung.
Wirtschaftsministerium prüft Einrichtung einer Kohlestiftung zurzeit noch
Eine derartige Lösung wäre laut Steag für einen Investor attraktiver, weil er den "schwarzen Teil" entweder selber weiterführen könne als Teil des Unternehmens oder aber an die Stiftung übertragen könnte. Gleichzeitig ließe sich in diesem Konstrukt mittelfristig auch der Rückbau der Kohlekraftwerke und ihrer Mannschaften organisieren.
Der Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung sieht vor, dass die Kohleverstromung in Deutschland idealerweise bis 2030 beendet werden soll. In diesem Zusammenhang soll auch die Errichtung einer Stiftung oder Gesellschaft geprüft werden, die den Rückbau der Kohleverstromung und die Renaturierung organisiert. Diese Prüfung führe das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz zurzeit durch, heißt es dort auf Nachfrage.
Deutlich höherer Umsatz und Gewinnsprung
Der mit Blick auf der seit 2020 gesetzlich verankerte Beendigung der Kohleverstromung in Deutschland komme planmäßig voran. Für die Steag ist das mit dem Abbau von rund 1000 Stellen verbunden. Die Mitarbeiterzahl sank 2021 um knapp 400 auf 5700.
Operativ hat sich das Gesamtbild für den Energiekonzern deutlich aufgehellt. Der Konzernumsatz erhöhte sich im Geschäftsjahr 2021 um 37,1 Prozent auf knapp 2,8 Mrd. Euro (2020: 2,0 Mrd.). Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern verbesserte sich um 20 Prozent auf 234 Mio. Euro. Das Konzernergebnis nach Steuern, das 2020 noch bei – 170,3 Mio. Euro gelegen hatte, stieg auf 307,6 Mio. Euro.
Künftige Wachstumsgeschäfte mit wichtigem Ergebnisbeitrag
Für diesen Ergebnissprung sind auch Einmaleffekte, etwa Ausgleichszahlungen oder Zuschläge bei Stilllegungsauktionen verantwortlich. Nicht nur der Kohlebereich, sondern auch das künftige Wachstumsgeschäft habe von den hohen Strompreisen profitiert und bereits mehr als 100 Mio. Ebit beigetragen. Besonders hervorgehoben wurden hier die Ergebniszuwächse bei Großbatteriespeichern, im Geschäftsfeld dezentrale Anlagen und im Bereich thermische Abfallentsorgung.
„Wir nutzen die Ergebnissituation, um die Eigenkapitalbasis zu verbessern und für Wachstumsinvestitionen. Das Eigenkapital ist seit dem ersten Quartal 2022 wieder deutlich im positiven Bereich, die Liquiditätsbasis hat sich deutlich verbessert“, erklärte Andreas Reichel. Das Konzerneigenkapital hatte Ende 2020 noch bei – 108,9 Mio. Euro gelegen, Ende 2021 in etwa bei einer schwarzen Null. Aufgrund der mit den Banken geschlossenen Finanzierungsvereinbarung war die Liquidität in Summe aber bis Ende 2021 deutlich um 150 Mio. auf 351,1 Mio. Euro zurückgegangen.
Wachstumsinvestitionen in Erneuerbare und dezentrale Anlagen
Wachstumsinvestitionen plant das Unternehmen im Bereich der Erneuerbaren, die Projektpipeline in Europa liegt bei knapp 5000 MW. Künftig soll ein noch stärkerer Fokus auf Deutschland gelegt werden, vor allem mit Blick auf PV. Der zweite Wachstumspfeiler ist der Bereich dezentrale Anlagen und Dekarbonisierungslösungen.
Der Aufwärtstrend der Steag hat sich im ersten Quartal fortgesetzt mit einem Umsatz von 1,28 Mrd. Euro und einem Ebit von 195,3 Mio. Euro. Aufgrund des guten Jahresstarts erwartet die Steag-Geschäftsführung für das gesamte Geschäftsjahr bei allen relevanten Kennzahlen eine deutliche Verbesserung gegenüber 2021. (hoe)
Steag-Konzern in Zahlen (nach IFRS in Mio. Euro)
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2021 |
2020 |
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Umsatz |
2,76 Mrd. Euro |
2,02 Mrd. Euro |
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Ebitda |
376,8 Mio. |
370,5 |
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Ebit |
234,0 |
195,0 |
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Ebit-Marge in % |
8,5 |
9,7 |
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Konzernergebnis n. Steuern |
307,6 Mio. |
– 170,3 |
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Investitionen |
295,8 |
155,1 |
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Liquidität |
351,1 |
507,6 |



