Neuer Chef, neue Finanzchefin und neuer Betriebschef. Seit der Verstaatlichung hat sich die Konzernspitze des Gasimporteurs Uniper mit einer Ausnahme runderneuert. Anders ist die Lage bei der Vertriebstochter Uniper Sales Energy. Hier führt weiterhin Gundolf Schweppe die Geschäfte – und das seit mittlerweile mehr als fünf Jahren.
Dabei hinterließ der russische Angriffskrieg auf die Ukraine samt seiner massiven Folgen für Strom- und Gasmärkte auch bei der Uniper-Vertriebstochter Spuren. "Wir waren vertrieblich zwar immer da und haben als einer der ganz wenigen Marktakteure durchgehend Preise gestellt und für Versorgungssicherheit gesorgt", sagt Schweppe. "Aber natürlich haben sich strukturell einige Sachen geändert."
"Die Krise ist nicht vorbei"
Die gute Nachricht sei: Die mit dem Einstieg des Bundes einhergehende Kapitalerhöhung sowie das genehmigte Kapital würden nach jetzigem Stand ausreichen, um die Verluste aus der teureren Gasbeschaffung bis Ende 2024 abzudecken. "Wichtig ist aber auch zu betonen, dass wir uns auf die neuen Marktgegebenheiten einlassen und die richtigen Lehren daraus ableiten müssen."
Für Entwarnung sei es trotz stark gefallener Gaspreise in den vergangenen Wochen noch zu früh, findet der Uniper-Manager. "Die Krise ist nicht vorbei." Zudem habe sich der Markt strukturell "dramatisch verändert". Doch was heißt das für Unipers Produktportfolio?
Weitestgehende standardisierte Produkte
"Bei der Beschaffung im kundeneigenen Bilanzkreis trägt der Kunde die wesentlichen Risiken bei Struktur, Preis und Temperatur selbst", sagt Schweppe. "Die Produkte, die wir anbieten, sind weitestgehend standardisiert."
Kunden mit eigenem Bilanzkreis biete Uniper Bänder und Fahrpläne mit Festpreis, Tranchen und indexierten Preisstellungen an. "Früher gängige Produkte mit Flexibilität sind bei Angeboten in den Kundenbilanzkreis inzwischen eher die Ausnahme."
Uniper als Vollanbieter
Bei der Beschaffung in Vollversorgungskonzepten übernehme Uniper hingegen weiterhin in Abstimmung mit dem Kunden einen großen Teil der Risiken. "In diesem Fall kann der Kunde selbst entscheiden, welches Risiko er tragen soll."
Uniper sei hierbei für die komplette Bilanzkreisbewirtschaftung, das Mengen- und Temperaturrisiko verantwortlich. "Der Kunde kann frei entscheiden, wann er die vertraglich gesicherten Mengen preislich fixiert. Uniper sieht sich hier als Vollanbieter."
Scharfe Stadtwerke-Kritik
In den vergangenen Wochen sahen sich Vorlieferanten scharfer Kritik ausgesetzt. Selbst verstaatlichte Konzerne versuchten, infolge fallender Marktpreise eigene Risiken auf Energiehändler, Stadtwerke und Regionalversorger abzuwälzen, warnte Thüga-Chef Michael Riechel. (Die ZfK berichtete.)
Die steigenden Sicherheitsanforderungen seien für Stadtwerke kaum mehr zu stemmen. Hintergrund der Debatte ist, dass Termingeschäfte, die in der Hochpreiszeit geschlossen wurden, im fallenden Markt in den Büchern der Verkäufer deutlich höhere Risiken aufzeigen.
"Völlig marktkonformes Verfahren"
Uniper-Vertriebschef Schweppe verweist darauf, dass erhöhte Sicherheitsanforderungen ein "völlig marktkonformes, übliches und auch zwingendes Verfahren" seien, wenn Kreditlinien, die unter normalen Umständen angemessen seien, durch extreme Preisunterschiede nicht mehr genügten.
"Dass ein verbindliches Risikohandbuch sinnvoll ist, lehren uns die vielen Negativbeispiele in der Vergangenheit – auch im kommunalen Umfeld."
Uniper: Marktwirtschaft gilt auch bei Staat
Zudem gelte Marktwirtschaft auch beim Staat. "Der Einstieg des Bundes bei Uniper hat nichts daran geändert, dass wir vernünftig mit Marktrisiken umgehen müssen", erläutert der Manager.
"Im Gegenteil. Die Sicherheiten decken grob vereinfacht das Risiko einer Insolvenz ab. Uniper ist dem Steuerzahler verpflichtet, vernünftig mit seinem Investment umzugehen."
Wettbewerbs- und Beihilferecht
Außerdem werde vielfach vergessen, dass das Wettbewerbs- und Beihilferecht eine wesentliche Rolle spiele. „Uniper hat harte Auflagen der EU erhalten, seinen Marktanteil weder auszuweiten noch seine Position als Staatskonzern gegenüber dem Wettbewerb missbräuchlich zu nutzen."
"Würden wir unsere Sicherheitsanforderungen deutlich senken und vom üblichen Bewertungsmaßstab im Markt abweichen, könnte im Raum stehen, dass Uniper unmittelbar bessere Konditionen anbietet als andere Lieferanten dies können. Das wäre wettbewerbsrechtlich mindestens bedenklich und droht gegen Auflagen zu verstoßen."
Situation auch für Uniper unbefriedigend
Insgesamt sei die derzeitige Situation auch für Uniper unbefriedigend, sagt Schweppe. Trotzdem sei ihm eine Versachlichung der Diskussion wichtig.
"Ich teile die Meinung ausdrücklich nicht, dass kommunale Kunden systematisch vom Beschaffungsmarkt ausgeschlossen werden. Das entspricht nicht meiner Wahrnehmung aus der Praxis."
Dialog mit Branchenverbänden
Kurzfristig erfolgten bereits viele Maßnahmen, die spürbar für Entlastung sorgten, erklärt der Manager. "Es ist ständige Praxis bei Uniper, die Linien zu prüfen und sie anzuheben, wenn das entsprechend üblicher Risikobewertungen vertretbar ist. Dies wird gepaart mit einer breiten Anwendung von anderen Instrumenten über Vorkasse, Bürgschaften, Gesellschafterzusagen oder sonstigen Garantien."
Darüber hinaus sei Uniper auch mit den Branchenverbänden BDEW, VKU sowie anderen kommunalen Vertretern im intensiven Dialog, um nachhaltige Lösungen zu finden, sagt der Vertriebsexperte. "Ich denke, wir sind hier auf einem guten Weg."
"Uniper kann Problem nicht lösen"
Ferner kann sich Schweppe vorstellen, öffentliche Institutionen stärker einzubeziehen, um Stadtwerke zu unterstützen, die ihren Pflichten gegenüber Lieferanten infolge unvorhersehbarer Preisentwicklungen nur schwer nachkommen könnten. Denn eines stehe fest: "Das Problem kann Uniper nicht allein lösen." (aba)


