Herr Thiel, die Branche steht vor Herausforderungen, etwa die Dekarbonisierung oder die Energiekrise. Welche Strategie verfolgen Sie, um eine sichere und bezahlbare Versorgung zu gewährleisten?
Unsere Aufgabenstellung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wir wollen unsere Dekarbonisierungsziele erreichen, dabei aber wirtschaftlich handeln und die Bezahlbarkeit für unsere Kundinnen und Kunden gewährleisten. Um diese Aufgabe zu bewältigen, haben wir in den letzten Monaten unser Zielbild geschärft – wir nennen das Transformation 2030.
Die Transformation der Energieversorgung ist eine Jahrhundertaufgabe. Hier sind wir als Möglichmacher der Energiewende vor Ort gefragt, diese komplexe Aufgabe zu lösen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass sich die meisten Menschen auch weiterhin nicht groß um ihre Energieversorgung kümmern, aber einen vernünftigen Preis haben möchten. Wir wollen daher Komplexität aus den Produkten nehmen und es dem Kunden möglichst einfach machen.
"Kurzfristigen Trends hinterherzulaufen, ergibt keinen Sinn"
Kurz nachgefragt: Hat sich Ihre Beschaffung verändert?
Nein. Unsere Strategie im Bereich der Haushaltskunden und Kleingewerbekunden war schon immer, dass wir zwei bis drei Jahre im Voraus sukzessive die Energie einkaufen. Das hat sich in den Krisenjahren enorm bewährt. Ich glaube, es ergibt keinen Sinn, kurzfristigen Trends hinterherzulaufen. Aber wir werden definitiv noch ein Kurzfristprodukt, also ein Spotmarktprodukt, anbieten. Das bieten wir heute bereits Kunden mit einem intelligenten Messsystem an.
Schauen wir auf das abgelaufene Geschäftsjahr, Sie haben ein Ergebnis von 145,2 Millionen Euro erzielt. Sind Sie zufrieden?
Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis – das zweithöchste unserer Unternehmensgeschichte. Allein auf den Verkauf der Steag-Anteile entfallen 77,6 Millionen Euro. Mit dem Verkaufserlös sind wir zufrieden. Das wäre vor ein bis zwei Jahren vielleicht noch anders gewesen. Auch darüber hinaus haben wir alle unsere Ziele in einer herausfordernden Phase für die Energiewirtschaft erreicht.
"Wir konnten mit vielen unserer Kunden Spotmarktverträge abschließen"
Wie lief es für den Vertrieb? Der Absatz von Strom und Gas war ja rückläufig…
…aber wir haben erstmals mehr als eine Milliarde Euro Umsatz. Das sehen wir mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge, da der Umsatz auch über hohe Preise zustande kam, die eben in den Vorjahren mit den Kunden vereinbart wurden. 2023 hatten wir dann deutlich gesunkene Preise an den Handelsmärkten. Das zu kommunizieren war nicht einfach. Erfreulich war die Entwicklung im Großkundenbereich. Wir konnten mit vielen unserer Kunden Spotmarktverträge abschließen. Diese Kunden haben dann von den Entwicklungen an den Märkten profitiert und waren sehr zufrieden. Und das, obwohl die Gespräche im Vorfeld schwierig waren, weil auch unsere Großkunden gewohnt sind, mit festen Preisen zu kalkulieren.
Konnten Sie Kunden längerfristig dazu gewinnen?
Unsere Philosophie ist es, Kunden Verlässlichkeit und einen fairen Preis zu ermöglichen. Der ist nicht immer der billigste, aber vor allem langfristig attraktiv. 2022 haben wir zum Beispiel unsere Strompreise nicht angepasst. Es gab eine Phase, da riefen täglich Menschen an, die anderswo extrem hohe Preise hatten oder denen gekündigt worden ist. Aber ehrlich gesagt konnten wir gar nicht so schnell gucken, wie sich viele dieser Kunden wieder umorientiert haben. Doch so ist das Geschäft. Wir haben noch immer einen Marktanteil von über 75 Prozent im Haushaltskundenbereich, den wir behaupten und ausbauen möchten.
"Dass sich Infrastruktur nicht im ersten Jahr rechnet, ist nichts Neues für uns"
Sie haben Glasfaser und Ladeinfrastruktur als Wachstumsfelder definiert. Was sind Ihre Ziele?
Das Glasfasernetz wollen wir bis 2030 flächendeckend ausgebaut haben. Ursprünglich war unser Ziel, den Ausbau bis 2032 abzuschließen. Wir kommen allerdings sehr gut voran und gehen davon aus, dass wir zwei Jahre früher als ursprünglich geplant fertig werden. Jeder Bochumer hat die Möglichkeit, sich kostenfrei an unser Glasfasernetz anschließen zu lassen.
Bei der öffentlichen Ladeinfrastruktur haben wir uns vorgenommen, perspektivisch 30 Prozent des Bochumer Marktes zu besetzen. Derzeit betreiben wir 300 Ladepunkte, davon etwa 46 Schnellladepunkte und sind damit klarer Marktführer in Bochum. Dass sich Infrastruktur nicht im ersten Jahr rechnet, ist nichts Neues für uns. Wir glauben aber fest an das Geschäftsfeld Elektromobilität und entwickeln es deshalb auch strategisch weiter.
All das kostet Geld. Mit welchen Investitionen rechnen Sie?
Bis zum Jahr 2030 rechnen wir mit einem Investitionsvolumen von etwa 1,2 Milliarden Euro. Dies beinhaltet die Umsetzung der Energiewende in Bochum, inklusive Glasfaser, die Transformation der Wärmeversorgung und auch den Ausbau und die Ertüchtigung des Stromnetzes. Zwar haben wir in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und einen Teil unserer Gewinne thesauriert. Aber klar ist: Die Energiewende ist eine Jahrhundertaufgabe und wir werden sie auch in Bochum nicht aus der Portokasse bezahlen können. Da hoffen wir auf öffentliche Förderung – zum Beispiel mit einer Art Energiewendefonds.
"Wir haben durchdacht, welche Heizkraftwerke sich für eine Umrüstung auf Wasserstoff anbieten"
Welche Rolle wird Wasserstoff spielen?
Ein Wasserstoffnetz werden wir in Abstimmung mit unseren größeren Kunden aus der Industrie angehen. Wir sind aber noch nicht so weit, zu sagen, dass wir hier eines bauen. Das geplante Wasserstoff-Kernnetz soll aber durch Bochum führen. Unsere Ausgangslage ist daher gut. Erste Szenarien, welche Heizkraftwerke sich für eine Umrüstung auf Wasserstoff anbieten, haben wir bereits durchdacht. Wir gehen allerdings davon aus, dass dies frühestens Mitte der 30er Jahre konkret werden dürfte.
Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die Wärmewende und die kommunale Wärmeplanung. Können Sie Details nennen?
Die kommunale Wärmeplanung wird derzeit unter Federführung der Stadt Bochum erarbeitet. Wir bringen uns hier selbstverständlich maßgeblich ein. Parallel arbeiten wir an der Dekarbonisierung unserer Fernwärme. Fakt ist, dass wir bis 2030 30 Prozent unserer Fernwärme aus erneuerbaren Quellen gewinnen müssen. Konkret treiben wir hierfür eine Reihe von Projekten voran. Beispielsweise das einer Großwärmepumpe am Klärwerk Oelbachtal. Mit dieser und vielen kleineren Maßnahmen werden wir den Anteil von jetzt 10 auf dann 30 Prozent erhöhen.
Außerdem wollen wir die Fernwärmegebiete verdichten und erweitern. Also zum einen da, wo heute ein Fernwärmenetz vorhanden ist, planen wir, links und rechts die Fernwärme auszubauen. Hier arbeiten wir mit der Wohnungswirtschaft aus Bochum – etwa LEG, Vonovia und VBW – und der Stadt Bochum eng zusammen. Zum anderen gilt es Kunden, die aktuell nicht an das Fernwärmenetz angeschlossen sind, obwohl sie in einem Fernwärmegebiet liegen, von der Fernwärme zu überzeugen. All das nimmt nicht die kommunale Wärmeplanung insgesamt vorweg. Wichtig ist uns aber, dass wir nicht wie das Kaninchen vor der Schlange auf den finalen Plan warten und in dieser Zeit nichts tun.
Ich danke Ihnen für das Gespräch!



