Voraussichtlich ab 2028 wird Jena erstmals mit leitungsgebundenem Wasserstoff versorgt werden. Erste Informationsveranstaltungen, wie Industrieunternehmen vor Ort die Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff gestalten können, laufen bereits. In Wasserstoff und anderen grünen Gasen sehen die Verantwortlichen des Verteilnetzbetreibers zwei wichtige Zukunftsoptionen für die Weiternutzung der eigenen Gasnetzinfrastruktur. Geschäftsführerin Kristin Weiß wünscht sich grundsätzlich aber noch mehr Dynamik bei der H2-Transformation.
Dritter Teil einer kleinen Interview-Serie zur Gasnetz-Transformation
Im Interview macht sie sich auch für konkrete regulatorische Anreize zur Ablösung bestehender Gasnetzanschlüsse durch alternative Wärmelösungen, wie etwa den Anschluss an ein Wärmenetz, stark. Der Artikel ist Teil einer kleinen Serie mit Einschätzungen von Stadtwerkeverantwortlichen zum Thema Transformation der Gasnetzinfrastruktur. Links zu den bereits erschienenen Interviews aus der Serie und anderen interessanten Artikeln zu dem Thema finden Sie am Ende des Artikels.
Frau Weiß, reicht der aktuelle Regulierungsrahmen aus, damit die Stadtwerkebranche ihr bereits investiertes Geld in die Gasnetzinfrastruktur bis 2045 wieder zurückverdienen kann?
Kristin Weiß: Mit der Ausweitung der bestehenden KANU-Regelung auf Bestandsanlagen („KANU 2.0“) hat die Regulierungsbehörde einen entscheidenden Schritt eingeleitet, um die veränderten Rahmenbedingungen für Gasnetze auch regulatorisch abzubilden und eine Refinanzierung der getätigten Investitionen grundsätzlich sicherzustellen. Bei der Umsetzung sollte das Credo der Entbürokratisierung und Vereinfachung gelten. Zudem ist eine auskömmliche Verzinsung angesichts der erheblichen Unsicherheiten und Herausforderungen im Rahmen der Transformation der Gasnetze weiterhin erforderlich.
"Wir benötigen gedeckelte Netzentgelte auch auf der H2-Verteilernetzebene."
Was wünschen Sie sich von der Politik, damit Sie langfristig tragfähige Entscheidungen rund um die weitere Zukunft Ihrer Gasnetze treffen können?
Grundsätzlich benötigen wir auf Verteilernetzebene eine klare Transformationsperspektive und Planungssicherheit hinsichtlich einer partiellen Weiternutzung unserer Netzinfrastruktur für die Verteilung von grünen Gasen. Für die Transformation der Gasverteilernetze hin zu Wasserstoffnetzen beziehungsweise deren Ablösung durch alternative Wärmelösungen (Anschluss an ein Wärmenetz oder ähnliches) sollten Gasverteilernetzbetreiber Anreize erhalten, beispielsweise regulatorisch in Form eines Bonus für die Anzahl der umgewidmeten Anschlusspunkte.
Weiterhin bedarf es gedeckelter Netzentgelte auf H2-Verteilernetzebene nach dem Vorbild des Wasserstoff-Kernnetzes und eines raschen Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft. Hier ist Deutschland noch weit von seinen selbst gesteckten Zielen bis 2030 entfernt. Gleichzeitig sollten RLM-Netzkunden aus Industrie und Gewerbe beim Umstieg auf Wasserstoff oder andere klimaneutrale Versorgungslösungen und damit bei ihren Transformationsbemühungen insgesamt unterstützt werden.
"Wir dürfen uns auf politischer Ebene keine Pause bei der H2-Transformation leisten."
Bis wann brauchen Sie hier Klarheit? Aktuell sieht es ja so aus als würde die Bundesregierung dieses Thema in der aktuellen Legislaturperiode nicht mehr anpacken.
Infrastrukturentwicklung – auch ihre Stilllegung - muss langfristig unter verlässlichen Rahmenbedingungen geplant werden. In der aktuellen Legislaturperiode wurden bislang einige entscheidende Weichenstellungen für die Wasserstofftransformation angegangen. Allerdings hat die H2-Transformation noch nicht die erforderliche Dynamik angenommen, weshalb wir uns auch auf politischer Ebene keine Pause bei der H2-Transformation leisten können.
Wie gehen Sie generell mit dem Thema Gasnetztransformation um? Gibt es bereits eine Strategie oder erste operative Maßnahmen/Entscheidungen?
Als Stadtwerke Jena Netze sind wir bereits mitten in der H2-Transformation unserer Gasverteilernetze. Wir haben mit Partnern unser komplettes Gasnetz analysiert, um 100 Prozent H2-Tauglichkeit sicherzustellen. Als assoziierter Partner unterstützen wir das Projekt Flow – "making hydrogen happen". Dieses ermöglicht die Anbindung Jenas an die überregionale H2-Versorgung des Kernnetzes. Und als Mitglied der Initiative H2vorOrt haben wir uns dieses Jahr bereits zum dritten Mal an der Erstellung des Gasnetzgebietstransformationsplans (GTP) beteiligt, der das zentrale Planungsinstrument für die Umstellung auf Wasserstoff vor Ort darstellt.
"Alle möglichen Wasserstoffnetz-Ausbaugebiete sollten im Rahmen der Erstellung der kommunalen Wärmeplanung sorgfältig untersucht werden."
Inwiefern nimmt der Druck beim Thema Gasnetztransformation jetzt durch die Kommunale Wärmeplanung zu?
Die kommunale Wärmeplanung sollte stets die lokal sinnvollste Lösung für eine schnelle Dekarbonisierung untersuchen. Die Gasverteilernetze können hierfür ein wichtiges Asset darstellen, sofern sie zeitnah klimaneutrale Gase, das heißt grünen Wasserstoff oder Biogas, verteilen. Während eine 1:1-Transformation der Gasverteilernetze hin zu Wasserstoffnetzen aus unserer Sicht nicht zu erwarten ist, sollten mögliche Wasserstoffnetzausbaugebiete im Rahmen der Erstellung der kommunalen Wärmeplanung ernsthaft und sorgfältig untersucht werden – gerade in zu beplanenden Gebieten, in denen eine zeitnahe Anbindung an das Wasserstoff-Kernnetz erfolgt und eine frühzeitige H2-Transformation der Gasnetze vorgesehen ist.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
Um die Zukunft und Transformation der Gasnetze und die notwendigen Rahmenbedingungen hierfür, aber auch um eine Amortisation der Kosten der Bestandsanlagen bis 2045 zu erreichen, geht es in der aktuellen Ausgabe der ZfK, die am Montag (5. August) erschienen ist. Zum Abo geht es hier.
Mehr zum Thema aus dem ZfK-Archiv:
1. Teil der Serie zur Transformation der Gasnetze:
Eggers: "Ziel ist es, Gasnetze nicht zurückzubauen, sondern stillzulegen"
(Interview mit Gabriele Eggers, Kaufm. Geschäftsführerin von Gasnetz Hamburg)
2. Teil der Serie:
Nath: "All electric gefährdet maßgeschneiderte Lösungen"
(Interview mit Christoph Nath, Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Kreuznach)
"Ob es Stadtwerken gelingt, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, ist völlig offen"
(Interview mit Simon Müller, Chef von Agora Energiewende, zum Thema Gasnetz-Transformation)
"Entwurf zur Gasnetz-Abschreibung ist eine notwendige Anpassung an die Realität"
(Nils Hardow, Syndikusanwalt der Stadtwerkekooperation Norddeutsche Allianz über den Entwurf zur Kanu 2-Richtlinie)
Bundesnetzagentur erlaubt Gasnetz-Abschreibungen bis 2035
"Umgang mit Umbau der Gasnetze und Rückstellungen ist die Gretchenfrage"
(BET-Berater Michael Seidel und Olaf Unruh über Transformationspläne für das Gasnetz)



