Olaf Schneider ist seit über zehn Jahren Geschäftsführer der EVH Halle GmbH. Der 52-Jährige war zuvor fünf Jahre als Direktor für den Gasverkauf der VNG in Deutschland verantwortlich und davor in verschiedenen Führungspositionen im RWE-Konzern.

Olaf Schneider ist seit über zehn Jahren Geschäftsführer der EVH Halle GmbH. Der 52-Jährige war zuvor fünf Jahre als Direktor für den Gasverkauf der VNG in Deutschland verantwortlich und davor in verschiedenen Führungspositionen im RWE-Konzern.

Bild: © EVH Halle

In der Energiekrise haben zahlreiche Discounter die Energielieferungen komplett eingestellt, die betroffenen Kundinnen und Kunden wurden von den Grundversorgern aufgefangen. Einige dieser Anbieter sind jetzt wieder auf den Vergleichsportalen aktiv. "Genau vor dieser Gefahr hatten die Stadtwerke bereits 2021 gewarnt", schreibt Olaf Schneider, Geschäftsführer der kommunalen Energieversorgung Halle GmbH. In seinem Beitrag für die ZfK kritisiert er auch das vertriebliche Geschäftsgebaren einiger vom Staat geretteter Gasversorger und des Marktführers im deutschen Energievertrieb. Die EVH ist Teil der Klägergemeinschaft mehrerer Energieversorger gegen den Eon-RWE-Deal.

Die sinkenden Preise am Großhandelsmarkt, die Füllstände der Gasspeicher und nicht zuletzt die Entlastung der Kunden durch die Energiepreisbremsen sollten eigentlich auch bei den kommunalen Versorgern für Entspannung sorgen. Hinzu kommt dort noch das gute Gefühl, auch in der größten Krise der Versorgungswirtschaft den staatlichen Auftrag einer sicheren, preisgünstigen und verbraucherfreundlichen Versorgung umgesetzt zu haben.

"Stadtwerke sind in der Lage, auf extreme Marktbedingungen zu reagieren"

Sicherlich leiden in vielen Fällen die Unternehmensergebnisse und die kommunalen Anteilseigner hätten sich ähnlich großzügige Hilfspakete, wie sie die Bundesregierung für die Rettung von Uniper & Co. geschnürt hat, gewünscht. Aber die Stadtwerke haben im Großen und Ganzen bewiesen, dass sie in der Lage sind, auf extreme Marktbedingungen zu reagieren. Sie haben in Zeiten der Krise auch die Kunden aufgenommen, denen plötzlich der Versorger abhandengekommen ist.

Was zunächst nach einer Erfolgsgeschichte klingt, hat durchaus auch andere – weniger erfreuliche – Seiten. Die kommunalen Versorger stellen sich inzwischen seit fast zwei Jahrzehnten dem Wettbewerb. In der Regel üben sie dabei die Funktion des örtlichen Grundversorgers aus und müssen daher insbesondere Haushaltskunden aber auch – jedenfalls im Rahmen der Ersatzversorgung – Gewerbekunden im jeweiligen Netzgebiet versorgen.

"Vierstellige Mehraufwendungen pro Kunde"

Hierzu gehört eine Beschaffungsstrategie, die im Interesse der Kunden möglichst stabile Preise bietet und Risiken ausschließt. Dabei wird meist auf eine mittel- bis langfristige Beschaffung der Energiemengen gesetzt.

Ganz anders positionieren sich andere Anbieter im Wettbewerb. Wer nicht langfristig und unter Vermeidung von Risiken beschafft, kann natürlich Preisbewegungen besser ausnutzen. Das ist Wettbewerb und am Ende politisch auch so gewollt. Welchen Beitrag diese Wettbewerber allerdings zu einem stabilen Energiemarkt leisten, hat sich dann für viele Stadtwerke spätestens im Herbst 2022 gezeigt.

Selbst mittlere Stadtwerke mussten im vergangenen Jahr oft mehrere tausend Erdgas- und noch deutlich mehr Stromkunden auffangen. Das sind Kunden, deren Vertrag vom Lieferant einfach nicht fortgesetzt oder gekündigt wurde. Dabei sind aber auch Kunden, deren vorheriger Anbieter die Preise plötzlich vervielfacht und damit die Kündigung des Kunden provoziert hat. Da für diese Kunden die erforderlichen Energiemengen nicht langfristig beschafft waren, verursachte dies bei den Grundversorgern kurzfristig im Vergleich zu Bestandskunden oft zu vierstelligen Mehraufwendungen pro Kunde für die Beschaffung der Energiemengen.

"Auf Vergleichsplattformen tummeln sich Anbieter, die man sich näher ansehen sollte"

Geld das bundesweit den Stadtwerken und damit den Kommunen fehlt. Hinzu kommt, dass wegen der hinzugewonnenen Kunden auch für das Folgejahr größere Energiemengen benötigt wurden und ebenfalls kurzfristig, also teilweise zu den extrem hohen Preisen des ausklingenden Jahres 2022 beschafft werden mussten. Die Preisanpassungen für die grundversorgten Kunden fielen damit zum Jahreswechsel zum Teil deutlich höher aus, als dies ohne den Zulauf der Kunden von den unwilligen Wettbewerbern der Fall gewesen wäre. Den Preis für stabile Gewinne bei den Wettbewerbern zahlen also alle Kunden des Grundversorgers.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Während die kommunalen Stadtwerke aufgrund ihrer langfristigen Beschaffungsstrategien die sinkenden Großhandelspreise – ebenso wie die Preissteigerungen im vergangenen Jahr – nur mit zeitlichem Verzug an ihre Kunden weitergeben, tummeln sich auf den Vergleichsplattformen Anbieter, die man sich durchaus näher ansehen sollte. Da tauchen Tochterunternehmen von großen ostdeutschen Gaslieferanten auf, die jüngst die Energiekrise nur durch staatliche Hilfeleistungen überlebt haben.

"Genau vor dieser Gefahr hatten die Stadtwerke bereits 2021 gewarnt"

Auch die Anbieter, die die Belieferung ihrer Kunden im vergangenen Jahr komplett eingestellt und die restlichen Gasmengen mutmaßlich zu Höchstpreisen am Markt veräußert haben, sind gut bekannt. Sie sind jetzt wieder am Markt aktiv und bieten Gas und Strom zu sehr günstigen bzw. aggressiven Preisen an. Genau vor dieser Gefahr hatten die Stadtwerke bereits im Jahr 2021 im Zusammenhang mit der Kündigung der Bilanzkreisverträge von gas.de und Stromio gewarnt. Auch damals wurde die Belieferung der Kunden durch die Grundversorger übernommen und die dadurch verursachten Kosten sozialisiert.

Dass der Gesetzgeber im Juli 2022 mit der Neuordnung der Ersatzversorgung und im Dezember 2022 mit der befristeten Notversorgung (vgl. § 118c EnWG) versucht hat, für eine leichte Linderung zu sorgen, tröstet die kommunalen Stadtwerke nur wenig.

"Uniper soll hohe Sicherheitsleistungen verlangen"

Nicht viel besser verhalten sich andere Unternehmen, die im Rahmen der Energiekrise nur mit großen staatlichen Anstrengungen gerettet wurden. Gemeint ist hier Uniper. Im vergangenen Jahr als „systemrelevant“ wegen seiner – unbestreitbaren – Schlüsselfunktion in der Energiekette gerettet, soll das Unternehmen von einigen kommunalen Stadtwerken nach wie vor sehr hohe Sicherheitsleistungen verlangen. Das belastet nicht nur die Liquidität der Stadtwerke, sondern die dafür anfallenden Kosten trägt am Ende der Kunde.

Aber die Kritik geht auch noch in eine andere Richtung. Bereits seit der Anmeldung der Fusion zwischen Eon und RWE warnen einige Stadtwerke vor den negativen Auswirkungen dieses umstrittenen Mega-Deals und lassen die Entscheidung der Europäischen Kommission vor dem Gericht der Europäischen Union überprüfen. Dennoch zeigt sich auch heute, dass gerade der Eon-Konzern mit seinen Discountmarken forsch im Wettbewerb unterwegs ist, aber in den Gebieten, in denen er die Grund- und Wärmeversorgung erfüllen muss, durchaus in der Kritik steht, wie zuletzt das Handelsblatt Anfang März 2023 berichtete.

"Wettbewerb scheint immer am meisten zu lohnen, wenn er von der Allgemeinheit finanziert wird"

Letztlich profitieren die Eon-Kunden ebenfalls von der staatlichen Unterstützung in Form der Energiepreisbremsen. Hier kann man sich natürlich fragen, warum diese Kunden nicht gleich mit dem – offensichtlich vorhandenem – günstigen Strom und Erdgas versorgt werden.

Aber auch hier scheint zu gelten, dass sich der Wettbewerb im Energiemarkt immer dann am meisten lohnt, wenn er von der staatlichen Gemeinschaft gewollt und von der Allgemeinheit finanziert wird.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper