Milliardenschwere Abschreibungen vor allem im Russlandgeschäft haben den Kasseler Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea erwartungsgemäß tief ins Minus gedrückt. Im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hatte die Regierung in Moskau die Tätigkeit westlicher Unternehmen im Land stark eingeschränkt.
So wurden aufgrund neuer Regelungen im Dezember rückwirkend Preise reduziert, zu denen Gemeinschaftsunternehmen ihre produzierten Kohlenwasserstoffe an Gazprom verkaufen konnten. Dies traf auch Wintershall-Dea-Beteiligungen. In der Folge hatte die mehrheitliche BASF-Tochter im Januar angekündigt, sich komplett aus Russland zurückzuziehen. (Die ZfK berichtete.)
Komplette Nord-Stream-Abschreibung
Dies schlug sich nun auch in der Bilanz nieder. Unter Berücksichtigung nicht zahlungswirksamer Wertminderungen in Höhe von knapp sieben Milliarden Euro häufte sich ein auf die Anteilseigner entfallener Verlust von 4,85 Milliarden Euro an.
Zudem nahm der Konzern auch Wertberichtigungen auf das europäische Gastransportgeschäft der Gesellschaft vor und schrieb die Beteiligung an der Pipelinegesellschaft Nord Stream komplett ab. Für Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren endet damit das Kapitel Russland. "Es gibt kein Zurück", sagte er auf der Bilanzpressekonferenz.
Gewinnzuwachs im operativen Geschäft
Operativ profitierte Wintershall Dea 2022 von deutlich gestiegenen Öl- und Gaspreisen. So legte der Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Explorationskosten auf gut 5,9 Milliarden Euro zu. Ein Jahr zuvor war es ein Plus von rund 3,1 Milliarden Euro gewesen. Inklusive dem Segment Russland betrug das operative Ergebnis knapp 7,7 Milliarden Euro.
Produktionssteigerungen erhofft sich Wintershall Dea kurz- und mittelfristig vor allem an seinen Standorten in Mexiko, Nordafrika und Norwegen. Als Wachstumsmärkte bezeichnete er zudem Algerien und Argentinien. Ferner will sich das Unternehmen verstärkt um die Themen Kohlenstoffmanagement und Wasserstoff kümmern.
"Benötigen mehr Investitionen"
Infrastrukturanbieter im wachsenden Segment Flüssigerdgas (LNG) will Wintershall Dea dagegen weiterhin nicht werden. Die Absage gilt für LNG-Import- und Exportterminals gleichermaßen. "Es gibt [in diesem Bereich] Investoren, die das schon seit einer ganzen Weile machen", sagte Mehren. "Da braucht es kein Wintershall Dea."
Besorgt äußerte sich der Konzernchef über aus seiner Sicht unzureichende Investitionen in neue Öl- und Gasprojekte. "Wir als Industrie haben es nie geschafft, die etwa 500 Milliarden US-Dollar zu investieren, die man laut Experteneinschätzungen bräuchte, um das derzeitige Produktionsniveau zu halten", sagte er. "Wir benötigen mehr Investitionen."
EU muss "ehrlich" zu sich sein
Einmal mehr forderte er die Europäische Union dazu auf, "ehrlich" zu sich selbst zu sein. "Wir brauchen Gas für die folgenden Jahre und sehr wahrscheinlich sogar für die kommenden Jahrzehnte", sagte er.
Es sei deshalb nicht nur vernünftig, sondern auch erforderlich, insbesondere in neue Gasprojekte zu investieren.



