Helmut Hertle (links), Geschäftsführer der TWS Netz GmbH und Andreas Thiel-Böhm, Geschäftsführer der TWS. Das Foto stammt aus dem Jahr 2019.

Helmut Hertle (links), Geschäftsführer der TWS Netz GmbH und Andreas Thiel-Böhm, Geschäftsführer der TWS. Das Foto stammt aus dem Jahr 2019.

Bild: © TWS

Die jüngsten beschlossenen Änderungen im Gewerbesteuerrecht könnten die Wohnungswirtschaft auch im Stromgeschäft zu einem großen Konkurrenten für Stadtwerke werden lassen, befürchtet Andreas Thiel-Böhm, Geschäftsführer der Technischen Werke Schussental GmbH & Co. KG (TWS).

Einnahmen aus der Erzeugung von erneuerbarem Strom sollen künftig nicht mehr die Gewerbesteuerbefreiung von Mieteinnahmen gefährden – so sieht es die jüngst beschlossene Gesetzesänderung vor.

"Ein super Geschenk für die Immobilienwirtschaft"

„Diese Regelung ist ein super Geschenk für die Immobilienwirtschaft. Uns gefällt nicht, dass die Wohnungswirtschaft hier künftig freie Fahrt hat im Mieterstromsegment“, erklärte er auf Nachfrage bei der virtuellen Bilanzpressekonferenz des mehrheitlich kommunalen Versorgers in Ravensburg.

Er sehe die Gefahr, dass die Wohnungswirtschaft sich im Bereich Mieterstrom nicht mehr mit den regionalen Versorgern abstimmen werde.

„Ich glaube nicht, dass ein Stadtwerk, das im Beritt von großen Konzernen wie Vonovia oder Deutsche Wohnen tätig ist, künftig mit diesen Unternehmen noch einen Vertrag machen kann. Die Immobilie würde für uns dann eine Black Box“, so Thiel-Böhm.

TWS versorgt rund 100 Haushalte mit Mieterstrom

Der Heimatmarkt der TWS sei hingegen geprägt von kleineren Wohnungsbaugesellschaften. Hier bestehe vielleicht die Chance weiter in dem Bereich zu kooperieren, weil diese Unternehmen sich weiterhin auf ihr Kerngeschäft konzentrieren wollten. Gut 100 Haushalte werden von der TWS aktuell mit Mieterstrom versorgt.

Das Coronojahr 2020 hat das Unternehmen, das mehrheitlich den Städten Ravensburg und Weingarten sowie der EnBW gehört, mit einem Überschuss von 4,31 Mio. Euro (2019: 4,82 Mio. Euro) abgeschlossen. „Das Jahr hat uns viel abverlangt. Das am Ende ein solches Ergebnis steht, macht uns stolz und zeigt, wie gut wir aufgestellt sind“, sagte Thiel-Böhm.

Der Umsatz lag mit 154 Mio. Euro leicht über dem des Vorjahres. 3,5 Mio. Euro aus dem Jahresüberschuss fließen an die Anteilseigner, die restlichen 0,8 Mio. stärken die eigenen Rücklagen.

Beteiligungsmodell über Genussscheine stärkt Finanzierung

Die Eigenkapitalquote des Unternehmens liegt bei 45 Prozent. Maßgeblichen Anteil an der erfolgreichen Unternehmensfinanzierung hat die Emission von Genussrechten. Über diese haben sich mehr als 1.000 Personen und Institutionen aus der Region an der TWAS beteiligt. Allein über dieses Vehikel wurden dem Unternehmen 33,7 Mio. Euro zur Verfügung gestellt.

Auch die dritte Auflage dieses Beteiligungsprogramms erfreut sich großer Beliebtheit und läuft voraussichtlich noch bis Ende Juni.

Auf dem Weg zum "Smart Utility Unternehmen"

Dekarbonisierung und eine nachhaltige Energiewende sind die großen strategischen Treiber der TWS. Diese soll in allen drei Sektoren, sprich Stromerzeugung, Wärme und Mobilität umgesetzt werden. Die TWS sieht sich dabei selber auf dem Weg zu einem „Smart Utility Unternehmen“.

Mit rund 83,7 Mio. kWh wurde 2020 dabei so viel Ökostrom wie noch nie erzeugt. Rund 1500 Kunden konnten trotz teils sehr preisaggressivem Auftreten bundesweiter Vertriebe in der Region hinzugewonnen werden, heißt es. Das Unternehmen beliefert Privatkunden ausschließlich mit Strom, der mit dem Label OK Power zertifiziert ist.

Insgesamt 18 Mio. Euro wurden in der Region investiert, der Löwenanteil entfiel dabei auf die Netzgesellschaft TWS Netz. Für das bestehende Gasnetz entwickelt die TWS Netz Ideen für die künftige klimafreundliche Nutzung. Mitbefördert wird dort quasi bereits Biomethan. „Aber auch für grünen Wasserstoff kann es genutzt werden“, sagte Helmut Hertle, Geschäftsführer der TWS Netz GmbH.

150 E-Ladepunkte in der Region

Auch das neue Geschäftsfeld Mobilität entwickelt sich laut Unternehmensangaben gut. Seit vergangenem Jahr sind der Region 18 Fahrradstationen mit zurzeit 128 E-Bikes in Betrieb. Auch das betriebliche Mobilitätsmanagement für die Stadt Ravensburg haben die TWS übernommen. Hinzukommen 150 E-Ladepunkte in der Region und seit kurzem auch ein E-Carsharing-Angebot.

Viel Potenzial sieht das Unternehmen künftig auch beim Wärmeumbau in der Region, unter anderem im Bereich der Nahwärmeversorgung. Viele Heizungen müssten ausgetauscht werden und Gebäudeeigentümer benötigten tragfähige Konzepte.

Für komplexe Lösungen in Quartieren wurde mit der EnBW mit der iQ-Gesellschaft ein eigenständiges Unternehmen gegründet, das sektorübergreifende Energielösungen entwickelt.

Ausgeförderte Anlagen sollen übernommen werden

Im laufenden Jahr planen die TWS unter anderem die Einführung eines eigenen Regionalstromproduktes. Dieses könne mit Strom aus eigenen Solarparks und Windkraftanlagen gespeist werden.

Um die Energiewende zu fördern, will das Unternehmen auch ausgeförderte Anlagen Dritter, für die kein Repowering mehr möglich ist, übernehmen. Auch der dort erzeugte Strom könnte in das künftige Regionalstromangebot fließen, so Helmut Hertle.

2021 wird zudem mit einem Ansteigen der Insolvenzen gerechnet. „Das laufende Jahr dürfte schwieriger werden für die Versorgungswirtschaft als das Vorjahr“, erklärte Andreas Thiel-Böhm. (hoe)

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