Aufgrund der massiv gestiegenen Liquiditätsanforderungen und den damit einhergehenden Risiken im Großhandel trennt sich der Offenburger Gas- und Stromanbieter E-Optimum AG von einem Großteil seines Gaskundenportfolios. Betroffen sind laut Pressemitteilung nahezu alle mittelständischen Kunden, die über Verträge mit variablen Gaspreisen verfügen. Diese werden von der MET Germany GmbH, einer seit Ende 2020 in Deutschland tätigen Tochter des Schweizer Gasgroßhändlers MET Group, und der ebenfalls zum MET-Konzern gehörenden vraend GmbH aus Frankfurt übernommen. Die betroffenen Kunden müssen der Übertragung der Verträge zu den aktuell geltenden Großhandelspreisen noch zustimmen.
Das Gas kaufte E-Optimum bisher nach eigenen Angaben ausschließlich am kurzfristigen Spotmarkt ein und reichte die Kosten eins zu eins in einem variablen Preismodell an die Kunden weiter. Das Modell habe in den vergangenen Jahren zu hohen Einsparungen geführt, da Festpreisverträge in der Regel deutlich teurer waren, teilt der Vorstand mit. Leider seien seit über 12 Monaten die Gaspreise kontinuierlich gestiegen und unterliegen einer extremen Volatilität. "Durch das besondere Beschaffungsmodell wird E-Optimum unmittelbar und sehr frühzeitig von dieser Entwicklung getroffen", heißt es weiter.
E-Optimum bezeichnet sich auf seiner Homepage als größte unabhängige Energie-Einkaufsgemeinschaft Deutschlands und beliefert nach eigenen Angaben über 45.000 Gewerbe- und Industriekunden mit über 6 Mrd. kWh Strom und Erdgas. Das Unternehmen hat rund 180 Beschäftigte, bei einem Jahresumsatz von 800 Mio. Euro. Dass sich das Unternehmen vom Gros seines Gasportfolios trennen wird, hatte sich in den vergangenen Tagen bereits angedeutet. So hatte das Handelsblatt über die Kündigung einzelner Gaskunden durch E-Optimum berichtet. Dabei hatte es sich aber laut dem Anbieter um Einzelfälle gehandelt.
"Wir wissen um die wirtschaftlichen Sorgen des Mittelstands in Deutschland"
MET Germany wird die Kunden mit einem größeren Gasverbrauch übernehmen, während die vraend GmbH die Kunden mit geringeren Abnahmemengen beliefern wird, heißt es. In Summe gehe es um einen Jahresverbrauch von rund drei Mrd kWh pro Jahr, präzisierte eine MET-Sprecherin auf Anfrage.
„Die Anforderungen an das Risiko- und Finanzmanagement sind in den vergangenen Wochen für Energieversorger immens gestiegen. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung der E-Optimum AG, sich aus dem Gasgeschäft zurückzuziehen, nachvollziehbar“, erklärte Jörg Selbach-Röntgen, CEO der MET Germany. Er hatte bereits bei der Gas-Union mehr als elf Jahre großindustrielle Kunden und Stadtwerke betreut.
MET betreibt in Deutschland eigene Gasspeicher
MET sei gut gerüstet, auch in dieser turbulenten Zeit, eine zuverlässige Gasversorgung anbieten zu können“. „Wir wissen um die wirtschaftlichen Sorgen des Mittelstands in Deutschland. Wir möchten mit unserer Erfahrung aus dem europäischen Großhandel in den kommenden Monaten individuelle Konzepte hinsichtlich der passenden Beschaffungsstrategie für alle unsere Kunden entwickeln und in engem Schulterschluss möglichst rasch auch wieder Entlastungen weitergeben”, so Selbach-Röntgen weiter.
Dabei ging es vor allem um Großunden, nun wolle MET diese Erfahrungen Stück für Stück auch den Kunden im Mittelstand zugutekommen lassen, ergänzt eine Sprecherin auf Nachfrage. Bei der Übernahme gehe es vornehmlich um die Sicherstellung der Versorgungssicherheit für die Kunden.
MET beliefert in Deutschland und zwölf weiteren europäischen Staaten große Industriekunden sowie Energieversorger wie etwa zahlreiche Stadtwerke mit Erdgas und Strom. Darüber hinaus betreibt MET in Deutschland auch eigene Erdgasspeicher, das Unternehmen hatte unter anderem das Speicherportfolio der Gas-Union erworben. Weiterhin ist die MET auch an der H2 Lubmin GmbH beteiligt, die an der deutschen Ostseeküste den Bau und Betrieb eines Elektrolyseurs zur Produktion von grünem Wasserstoff in industriellem Maßstab plant.
Gasgroßhändler schließt weitere Übernahmen nicht aus
Weitere Übernahmen von Gasgroßkunden in nächster Zeit schließt MET nicht aus. "Organisches Wachstum steht bei uns ganz oben auf der Agenda. Dennoch: Der Markt ist in Sorge und Bewegung, Gespräche über Portfolien sind leider keine Seltenheit. Wir führen ständig Gespräche mit Großkunden und versuchen unsere Unterstützung anzubieten", heißt es weiter.
Der Start in den neuen Markt Deutschland vor knapp zwei Jahren sei trotz widriger Umstände erfolgreich gewesen. "Das Vertrauen von zahlreichen Industrie-, Stadtwerks- und Weiterverteilerkunden bestärkt uns in der Sicht, dass wir in einem sich wandelnden Markt gut positioniert sind", so die Sprecherin weiter. Die Frage, wie viele deutsche Stadtwerke mittlerweile als Kunden gewonnen wurden, blieb aber unbeantwortet. (hoe)
Dieser Artikel wurde am 16. September aktualisiert.



