BKW-Chef Robert Itschner setzt bis 2030 auf Milliardeninvestitionen in Erneuerbare, Speicher und Infrastruktur – mit einem klaren Fokus auf Deutschland. Gleichzeitig beobachtet er neue Marktmechanismen genau, bevor weitere Großinvestitionen folgen. Im Interview mit der ZFK erläutert Itschner die Hintergründe der Beteiligung an der Gaskraftwerksausschreibung.
Herr Itschner, Sie investieren massiv in Erneuerbare und Infrastruktur. Wo liegt für Sie der größte Wertschöpfungshebel – und wo gehen Sie bewusst ein höheres Risiko ein?
Für unsere Strategie bis 2030 haben wir konzernweit Investitionen von umgerechnet 4,4 Milliarden Euro vorgesehen. Wir bauen unsere erneuerbare Energieproduktion weiter aus, stärken unsere Flexibilitätsoptionen – insbesondere mit Batteriespeichern – und prüfen auch Beteiligungen an Gaskraftwerken. Zudem stärken wir unsere Tätigkeit im Bereich Planung und Bau von komplexen Infrastrukturen. Wie viel Kapital in welchen Markt fließt, hängt von den jeweiligen Chancen ab. Deutschland ist dabei klar ein Zielmarkt.
Gleichzeitig erhöhen wir unsere Marktpräsenz, etwa durch gezielte Akquisitionen wie Südvolt, um im deutschen Markt noch besser aufgestellt zu sein.
In welche Segmente investieren Sie konkret?
Grundsätzlich baut unsere Strategie darauf auf, dass wir Energielösungen ganzheitlich denken. Es geht nicht nur darum, unseren Kunden Strom zu liefern, sondern effiziente Gesamtlösungen anzubieten. Bei Industriekunden kann das bedeuten, ein ganzes Areal energetisch zu planen – von der Erzeugung der Energie über die Flexibilitätsnutzung bis zu energieeffizienten Anwendungen und der optimalen Einbindung in den Markt. Am Ende zählt das Gesamtpaket aus Versorgungssicherheit, Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit.
Welche Rolle spielen Batteriespeicher in Ihrer Strategie?
Wir wollen bis 2030 Großbatterien mit einer Leistung von über 500 MW aufbauen. In Deutschland sind wir mit einem großen Batteriespeicher in Waltrop und einem kleineren Speicher in Holenbrunn bereits bei über 300 Megawatt Leistung. Wir kommen erstaunlich schnell voran und werden prüfen, ob wir unser Ziel gegebenenfalls nach oben anpassen. Batteriespeicher sind ein zentrales Instrument, um Preisspitzen oder negative Preise zu managen – auch im Zusammenspiel mit der Direktvermarktung.
Wie lange bleibt das Geschäftsmodell Batteriespeicher attraktiv?
Ein kritisches Datum ist Ende 2028, wenn die Netzentgeltbefreiung ausläuft. Das beeinflusst die Wirtschaftlichkeit erheblich. Gleichzeitig gibt es in Deutschland Anschlussgesuche im Umfang von rund 400 Gigawatt – ein Vielfaches dessen, was tatsächlich benötigt wird. Der Markt wird sich also ausbalancieren. Entscheidend bleibt auch der Ausbau der erneuerbaren Energien.
Beobachten Sie bereits eine Wirkung der Speicher auf die Strompreise?
Die Zahl der Negativpreisstunden ist gestiegen, aber die extremen Ausschläge sind weniger geworden. Speicher sind dabei ein wichtiges Instrument, ebenso verbesserte Prognosen und künftige Marktmechanismen, bei denen Vergütungen stärker an tatsächliche Bedarfe gekoppelt werden. All das dient der Netzstabilität.
Wo sehen Sie weiteres Flexibilisierungspotenzial?
Neben Batterien ist das Pooling von Flexibilitäten ein großes Thema – also virtuelle Kraftwerke. Hier sehen wir erhebliches Wachstumspotenzial. Viele Akteure sind aktiv, insbesondere im Zusammenhang mit Redispatch und der Integration erneuerbarer Energien.
Ist Power-to-Gas für BKW ein strategisches Thema?
Wir beobachten die Entwicklung intensiv. Vor zwei oder drei Jahren gab es einen großen Hype. Die Fortschritte sind bisher langsamer als erwartet. In der Schweiz stellt sich zusätzlich die Frage der Wirtschaftlichkeit, da Elektrolyseure hohe Auslastungen benötigen. Zudem spielen regulatorische Fragen und Effizienzverluste eine Rolle. Grüner Wasserstoff wird langfristig wichtig sein, aber das Tempo beim Ausbau ist derzeit noch nicht ausreichend.
Das Netzpaket könnte die Wirtschaftlichkeit von Erneuerbaren-Projekten verändern. Überdenken Sie Ihre Investitionen?
Investitionsentscheidungen basieren auf den Fakten, die zum jeweiligen Zeitpunkt vorliegen. Natürlich kann sich innerhalb von ein oder zwei Jahren das regulatorische Umfeld verändern – das beeinflusst die Renditeerwartung. Aktuell sehen wir jedoch keine konkreten Projekte, die wir grundsätzlich neu bewerten müssten.
Bei Gaskraftwerken beispielsweise warten wir zunächst die finalen Ausschreibungsbedingungen ab. Erst wenn klar ist, wie diese aussehen, können wir entscheiden, ob und zu welchen Konditionen ein Engagement sinnvoll ist.

Reden wir über das Gaskraftwerk. Wie passt es in Ihre Dekarbonisierungsstrategie?
Die BKW strebt bis 2040 als Gesamtkonzern Netto-Null-Emissionen im Scope 1 und 2 an und bis 2050 im Scope 3. Voraussetzung für ein Gaskraftwerk ist für uns, dass es perspektivisch auf Wasserstoff umgestellt werden kann. Zudem sehen wir, dass flexible Leistung in Deutschland gebraucht wird. Gaskraftwerke werden eine wichtige Rolle im Energiesystem spielen. Entscheidend ist aber, ob es ein verbindliches Datum für die Umrüstung auf Wasserstoff gibt und wie sich die Verfügbarkeit entwickelt. Das sind zentrale Fragen für die Wirtschaftlichkeit.
Wann rechnen Sie mit den Details zur Gaskraftwerksausschreibung? Und mit welchen Konditionen?
Bisher sind noch keine Details zu den Ausschreibungen bekannt. Ein wesentlicher Faktor wird sein, ob es klare Vorgaben zur Wasserstoffumstellung gibt und welche Infrastruktur tatsächlich verfügbar sein wird. Wir haben großes Interesse, zu investieren, aber ohne die finalen Rahmenbedingungen können wir keine abschließende Bewertung vornehmen. Stabilität und Verlässlichkeit sind essenziell, um Kapital für 20 Jahre zu binden. Bei solchen Großprojekten braucht es solide Kalkulationen und belastbare Zahlen.
Stabilität und Verlässlichkeit sind essenziell, um Kapital für 20 Jahre zu binden.
Bei der Ausschreibung kooperieren Sie mit der Trianel. Wie sieht die Partnerschaft konkret aus?
Beim Gaskraftwerk in Hamm streben wir eine Beteiligung von 40 Prozent an. Die Trianel und weitere kommunale Partner teilen sich den Rest. Beim Batteriespeicherprojekt in Waltrop mit 900 Megawatt Gesamtleistung haben wir uns 300 Megawatt gesichert. Die Vermarktung übernehmen wir selbst. Partnerschaften sind für uns besonders attraktiv, wenn sich Kompetenzen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sinnvoll ergänzen, etwa bei der Standortentwicklung, dem Netzanschluss, der Kapitalstärke oder der Vermarktung.
Sehen Sie Chancen für Kooperationen mit Kommunen, etwa bei Wärmewende oder Infrastrukturprojekten?
Grundsätzlich ja. Wir sind sehr interessiert an Partnerschaften, insbesondere wenn sie sich strategisch ergänzen. Ob bei Flexibilitätsprojekten, Speicherlösungen oder Infrastruktur – wenn Kommunen spannende Projekte haben und wir Kapital, Know-how und Vermarktungskompetenz einbringen können, sind wir offen für solche Modelle.
Wäre ein finanzielles Engagement denkbar – etwa zur Mitfinanzierung von Fernwärmenetzen?
Wir sind im Wärmesegment in Deutschland über unsere Gesellschaften von BKW Engineering in der Planung tätig. Ein reines Finanzinvestment ohne operative Rolle passt jedoch nicht zu unserem Geschäftsmodell. Wenn wir uns engagieren, dann möchten wir auch die Vermarktung übernehmen, sei es für Wärme oder für den Strom, der dort erzeugt wird.
Wie bewerten Sie den deutschen Energiemarkt im Vergleich zur Schweiz – insbesondere regulatorisch?
Regulatorische Herausforderungen gibt es überall. Das ist kein spezifisch deutsches Phänomen. Mein Eindruck ist, dass Deutschland inzwischen eine klare Strategie verfolgt und Probleme adressiert, wenn sie auftreten. Natürlich dauern Prozesse mitunter lange – in der Schweiz teilweise noch länger. Aber Deutschland hat sehr ambitionierte Ausbauziele, und die Regulierung muss Schritt halten. Je marktnäher und investitionsfreundlicher die Rahmenbedingungen sind, desto besser für die Finanzierbarkeit. Insgesamt wird in Deutschland viel richtig gemacht, auch wenn es Herausforderungen gibt.
Wird in Deutschland inzwischen mehr umgesetzt als diskutiert?
Ja, Deutschland hat in den letzten Jahren sehr viel gebaut: Die Windenergie hat ein beeindruckendes Ausmaß erreicht, die Photovoltaik ist enorm gewachsen. Gemessen an den ursprünglichen Zielen ist Deutschland sehr erfolgreich unterwegs. Dass man im Transformationsprozess nachjustieren muss, ist normal. Beispielsweise hat vermutlich niemand mit 400 Gigawatt Anschlussgesuchen für Speicher gerechnet.
Darauf muss man reagieren. Wenn Anschlussanfragen das System verstopfen, muss man Lösungen finden. Ob einzelne Instrumente optimal sind, darüber kann man diskutieren. Wichtig ist, dass ein roter Faden erkennbar bleibt und nicht ständig Grundsatzdebatten geführt werden. Anpassungen ja – aber ohne die strategische Richtung infrage zu stellen.
Gefährden internationale Gegenbewegungen die Energiewende?
Die Energiedebatte sollte technologisch offen geführt werden. Wir von der BKW sind technologieneutral, entscheidend ist die CO₂-Neutralität.
Fakt ist: Die Energiewende ist weit fortgeschritten. Es wurden Tatsachen geschaffen und massiv in den Ausbau der Erneuerbaren investiert. Ein Zurückdrehen des Rades ist weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll.



