Fast sechs Monate dauert der Iran-Krieg mittlerweile an. Die Preise im Gasgroßhandel schwanken je nach Nachrichtenlage, das Preisniveau liegt aktuell deutlich über dem des vergangenen Jahres. Im Day-Ahead kostete eine Megawattstunde Gas am Handelspunkt TTF am Nachmittag des 17. August 60,84 Euro. Bei den Endkunden ist die Entwicklung bislang kaum angekommen. Das Gros der Energieversorger kauft langfristig ein und ist für das laufende Jahr eingedeckt.

Im Juli gab es zehn Preiserhöhungen; für August und September ist uns aktuell jeweils eine bekannt
Thorsten Storck
Energieexperte beim Vergleichsportal Verivox
Die Neukundenpreise liegen aktuell bei rund 9,94 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Das sei ein Anstieg von knapp 1,5 Cent seit Krisenbeginn, sagt Verivox-Experte Thorsten Storck. Bis Mitte April waren die Preise sogar auf 10,95 Cent gestiegen; Mitte Juli sanken sie bis auf 9,16 Cent. Anpassungen der Gaspreise im Endkundenbereich habe es seit Beginn der Krise am Golf kaum gegeben. "Im Juli gab es zehn Preiserhöhungen; für August und September ist uns aktuell jeweils eine bekannt", sagt Storck.
Kündigungen auf Rekordtief
„Volatilität und geopolitische Risiken gehören derzeit zum Marktumfeld. Die Lage bleibt anspruchsvoll, aber beherrschbar“, sagt Gasag-Vertriebsvorstand Matthias Trunk. Aufgrund der höheren Großhandelspreise seien die Kundenakquisition, aber auch die Kündigungen im deutschen Markt auf einem Rekordtief. Die Kunden seien durch die Krisen der Vergangenheit preissensibler geworden und beobachteten die Preisentwicklungen am Markt sehr genau, sagt Trunk.
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Bis Jahresende blieben die Preise bei der Gasag stabil. Das Unternehmen werde alles tun, um die Preise auch im kommenden Jahr nicht zu erhöhen. Der Berliner Energieversorger sei aber von den Marktentwicklungen der kommenden Monate abhängig. Neben dem Marktpreis sei die Entwicklung anderer Kostenbestandteile wie etwa Netzentgelte und gesetzliche Umlagen relevant.

Es wäre schon überraschend, wenn bei unseren Marktbegleitern zum Jahreswechsel nicht die ein oder andere Preiserhöhung sichtbar wird.
Matthias Trunk
Vertriebsvorstand Gasag
Für den Gesamtmarkt rechnet Trunk generell mit einem "bunten Bild zum Jahreswechsel". Die Beschaffungsstrategien seien schon sehr unterschiedlich. Es wäre schon überraschend, "wenn bei unseren Marktbegleitern nicht die ein oder andere Preiserhöhung sichtbar wird".
Die Gasag setze auf eine breit diversifizierte Beschaffung, laufendes Risikomonitoring und eine schrittweise Eindeckung. Ähnlich klingt es bei Eon, dem mit seinen zahlreichen Tochtermarken größten Energieversorger in Deutschland. „Wir halten die Preise für unsere Bestandskundinnen und -kunden bei Strom und Gas im Jahr 2026 stabil. Eine Prognose darüber hinaus ist aktuell nicht möglich“, sagt eine Eon-Sprecherin.
Rheinenergie und Enercity halten sich bedeckt
Bei der Rheinenergie heißt es: "Wir passen seit geraumer Zeit unsere Neukundenpreise für Laufzeitverträge laufend an die Entwicklungen an." Genaue Angaben zu Preisen für 2027 könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht machen; das sei verfrüht.
Hannovers Energieversorger Enercity kombiniert nach eigenen Angaben in der Beschaffung langfristige Absicherung mit ausreichender Flexibilität, um auf Marktbewegungen reagieren zu können. "Kurzfristig variierende Gaspreise haben jedoch keine Auswirkungen auf vertraglich abgesicherte Privat- und Geschäftskund:innen", schreibt ein Sprecher.
Preisdynamiken würden lediglich Geschäftskund:innen realisieren, die 2026 einen Teil der benötigten Energie kurzfristig über den Spotmarkt beziehen oder für das Lieferjahr 2027 noch keine Preissicherung vorgenommen haben.
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Ahrensburg hat Neukundenakquise seit Monaten ausgesetzt
Deutlich herausfordernder ist die Situation offenbar für die deutlich kleineren Stadtwerke Ahrensburg im Großraum Hamburg. Der reine Gasversorger mit rund 10.000 Endkunden hat seine Neukundenakquise seit Beginn des Iran-Kriegs ausgesetzt. Tarife für Neukunden würden ausschließlich über die eigene Website angeboten.
"Wir wollen weder das Risiko überteuerter Beschaffungspreise noch das Absatzrisiko eingehen, das sich aus der aktuellen Marktunsicherheit ergibt", schreibt Bereichsleiter Marketing und Vertrieb Wolfgang Mohr. Solange man nicht verlässlich kalkulieren könne, verzichte man lieber auf Wachstum. Bis 2025 habe man regelmäßig die Vergleichsportale zur Kundenakquise genutzt; aktuell biete man Neukundentarife ausschließlich über die eigene Website an.
Allenfalls auf Sicht fahren
Der Kurswechsel habe Folgen. Die geplanten Kundenzahlen habe man deutlich verfehlt. "Die Situation bleibt für uns sehr herausfordernd, wir fahren maximal auf Sicht", erklärt Mohr. Das Risikokomitee treffe sich regelmäßig. Die Stadtwerke Ahrensburg müssten die Preise im kommenden Jahr voraussichtlich anpassen; in welchem Umfang, sei noch unklar.
Mohr rechnet damit, dass zum Jahreswechsel einige Preiserhöhungen im Markt sichtbar werden. Insbesondere Discounter, die stärker spotpreisgetrieben einkauften, dürften früher reagieren als klassische Energieversorger mit strategisch langfristiger Beschaffung. Das zeige sich bereits in den Vergleichsportalen.
Verträge mit längeren Laufzeiten sind gefragt
Planbare Energiekosten und Preisstabilität stehen bei vielen Kundinnen und Kunden hoch im Kurs. Eon verzeichnet in den vergangenen sechs Monaten eine deutlich steigende Nachfrage nach Tarifen mit längeren Laufzeiten und Preisgarantien.
Auch die Stadtwerke Rotenburg an der Wümme in der Nähe von Bremen legen im Gasvertrieb aktuell einen besonderen Fokus auf Laufzeitprodukte, teils mit Preisgarantien bis Ende 2027. "Das ist auch strategisch sehr wichtig bei zeitnah auslaufenden Sonderverträgen, aber auch, um Kunden aus der Grundversorgung mit einem attraktiven Angebot längerfristig zu binden", sagt Fabian Gerardu, Leiter Markt bei den Stadtwerken Rotenburg.
Wie viel Bonus Stadtwerke im Schnitt zahlen
Ein höheres Preisniveau wirke sich immer erst mit Zeitverzug auf die Endkundenpreise aus, resümiert Verivox-Experte Thorsten Storck. Am längsten sei der Zeithorizont in der Grundversorgung. "Wir erwarten aktuell nicht, dass viele Grundversorger im Herbst die Preise erhöhen; zum Jahresbeginn kann das aber anders aussehen. Das hängt von sehr vielen Variablen ab und ist letztlich schwer zu prognostizieren."
In der Grundversorgung kostet eine Kilowattstunde Gas aktuell im Schnitt rund 13,4 Cent. Die günstigsten Tarife der örtlichen Versorger, in der Regel Stadtwerke, liegen inklusive Bonus bei 11,5 Cent. Anfang März lagen sie noch bei 10,7 Cent, ohne Bonus liegen die Tarife aktuell bei 11,9 Cent.
Im bundesweiten Schnitt seien bei wettbewerblichen Tarifen rund 200 Euro Bonus üblich. Bei regionalen Versorgern lägen die Boni im Schnitt bei nicht ganz 100 Euro, so Storck.
Deutlich höheres Preisniveau im Großhandel
Die Großhandelspreise für Gas hätten im vergangenen Jahr im Schnitt bei rund 37 Euro pro Megawattstunde gelegen; in diesem Jahr liege der Schnitt bisher bei rund 46 Euro. "Irgendwann müssen diese Mehrkosten wieder reingeholt werden", ist Storck überzeugt.