Die beiden Ökostromanbieter Grüüün und Stromee wollen sich zum Monatsende vom Endkundengeschäft verabschieden. Verärgerte Kundschaft, gebrochene Preisversprechen und ein Prüfverfahren der Bundesnetzagentur gegen Münch Energie sind eine Folge davon. Armin Komenda, Vorstandsmitglied der EWS Elektrizitätswerke Schönau eG (EWS), macht das nachdenklich, auch die EWS hatte Kundschaft an Grüüün verloren. Die Marke der Münch Energie warb mit zehn Jahren Preisgarantie für Ökostrom aus eigener Erzeugung.
Herr Komenda, was kann die Branche aus dem Rückzug von Grüüün und Stromee lernen? Sind die beiden Fälle vergleichbar?
Beide Fälle zeigen, wie wichtig Verlässlichkeit im Stromvertrieb ist. Wer langfristige Lieferverpflichtungen gegenüber Kundinnen und Kunden eingeht, muss diese auch wirtschaftlich absichern können. Das klingt selbstverständlich, ist im täglichen Preiswettbewerb aber durchaus eine Herausforderung.
Ob die Ursachen bei Grüüün und Stromee tatsächlich vergleichbar sind, kann ich nicht beurteilen. Dafür fehlen uns die notwendigen Einblicke in die jeweiligen Geschäftsmodelle, Beschaffungsstrategien und wirtschaftlichen Hintergründe. Alles Weitere wäre Spekulation, und daran möchte ich mich nicht beteiligen.
Was beide Fälle gemeinsam haben: Die Kundinnen und Kunden müssen sich kurzfristig um einen neuen Versorger kümmern. Gerade bei steigenden Marktpreisen ist das problematisch.

Können Sie die Begründung von Grüüün nachvollziehen, politische Rahmenbedingungen seien ein Grund für den Rückzug?
Teilweise ja. Die Unsicherheit über die künftigen politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ist ein ernstes Problem für die gesamte Erneuerbaren-Branche. Wer heute in Wind- und Solarparks investiert, muss über viele Jahre planen und rechnen können. Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen.
Allerdings muss man zwischen der Errichtung neuer Erzeugungsanlagen und der Belieferung bestehender Stromkunden unterscheiden. Das sind zwei unterschiedliche Geschäftsaktivitäten.
Benötigte Strommengen lassen sich auch am Markt beschaffen.
Wenn geplante Anlagen nicht realisiert werden können, bedeutet das nicht automatisch, dass bestehende Kunden nicht mehr beliefert werden können. Die benötigten Strommengen lassen sich grundsätzlich auch am Markt beschaffen. Insofern kann ich die Sorge um die zukünftigen Investitionsbedingungen nachvollziehen. Warum deshalb aber die bestehende Strombelieferung innerhalb weniger Wochen beendet werden muss, erschließt sich mir aus der öffentlichen Begründung nicht.
Grüüün warb mit Preisgarantien von bis zu zehn Jahren. Ist so ein Versprechen unseriös oder unter bestimmten Bedingungen darstellbar?
Eine zehnjährige Preisgarantie ist nicht grundsätzlich unseriös. Sie ist aber ein weitreichendes Versprechen, hinter dem eine belastbare Kalkulation stehen muss.
Zunächst muss man unterscheiden, was überhaupt garantiert wird: der gesamte Strompreis oder nur die Energiepreiskomponente? Und wie lange läuft der zugrunde liegende Liefervertrag? Eine solche Garantie kann unter bestimmten Voraussetzungen wirtschaftlich darstellbar sein, wenn die entsprechenden Risiken langfristig abgesichert sind.
Das ist allerdings anspruchsvoll – gerade bei Haushaltskunden mit schwankendem Verbrauch und unterschiedlichen Vertragslaufzeiten. Für mich ist deshalb nicht allein die Länge der Preisgarantie entscheidend, sondern die Frage, ob ein Anbieter das damit verbundene Versprechen auch unter veränderten Marktbedingungen halten kann.
Unsere längste Preisgarantie auf den Energiepreis beträgt 24 Monate. Alles, was darüber hinausgeht, ist schwer zu prognostizieren. Entweder muss man einen hohen Sicherheitsaufschlag einpreisen, den letztlich die Kunden bezahlen, oder das Risiko ist so groß, dass das Modell nicht über fünf oder zehn Jahre trägt.
Welche Rolle spielt die eigene Erzeugung für einen Ökostromanbieter?
Eigene Erzeugungsanlagen sind für uns sehr wichtig. Die Elektrizitätswerke Schönau investieren seit vielen Jahren in Windenergie- und Photovoltaikanlagen. Wir wollen die Energiewende nicht nur durch den Verkauf von Ökostrom unterstützen, sondern selbst in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren.
Es ist aber keine Entweder-Oder-Frage.
Unsere eigenen Anlagen tragen zur Absicherung des Stromportfolios bei. Es ist aber keine Entweder-Oder-Frage. Beides – der Strom aus eigener Erzeugung und die Beschaffung am Markt muss zusammenspielen. Ein Windpark allein macht noch keine verlässliche Stromversorgung. Dafür braucht es zusätzlich ein professionelles Portfolio- und Risikomanagement.
Unsere eigene Erzeugung macht aktuell ungefähr 30 Prozent des Portfolios aus. Wir haben in diesem Jahr weitere Photovoltaikanlagen in Betrieb genommen. Außerdem liegen Genehmigungen für 15 Windenergieanlagen vor. Bis 2030 wollen wir unsere installierte Leistung verdoppeln.
Welche Risiken entstehen, wenn ein Versorger seine Kundschaft überwiegend mit eigener Erzeugung beliefern will?
Das größte Risiko liegt darin, dass die eigene Erzeugung nicht unbedingt zum Verbrauch der Kundinnen und Kunden passt. Wenn beispielsweise weniger Wind weht als erwartet, fehlt Strom, der zusätzlich am Markt beschafft werden muss. Und das möglicherweise gerade dann, wenn die Preise hoch sind.
Entscheidend ist die gesamte Beschaffung und Vermarktung.
Umgekehrt kann es vorkommen, dass die eigenen Anlagen sehr viel Strom produzieren, die Marktpreise aber besonders niedrig sind. Deshalb ist auch bei einer umfangreichen eigenen Stromerzeugung eine professionelle Absicherung notwendig. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Strom man selbst produziert, sondern wie die gesamte Beschaffung und Vermarktung gemanagt wird.
Wie sichern Sie langfristige Lieferverpflichtungen und Preisgarantien konkret ab?
Im Wesentlichen durch unsere strukturierte Strombeschaffung und ein entsprechendes Risikomanagement. Natürlich lassen sich nicht alle Risiken ausschließen. Verbrauchsmengen verändern sich, Kunden kommen hinzu oder verlassen uns, und die Preise am Markt schwanken. Entscheidend ist, dass wir diese Risiken laufend bewerten und unsere Beschaffung entsprechend steuern.
Wichtig ist auch: Eine Preisgarantie darf nicht allein eine Entscheidung des Vertriebs sein. Sie muss immer auch zur Beschaffung und zur wirtschaftlichen Risikotragfähigkeit des Unternehmens passen.
Bekommt die Branche ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn Unternehmen, die mit Transparenz und Kundennähe für ihren Ökostrom werben, ihre Kunden im Stich lassen?
Diese Gefahr sehe ich durchaus. Vertrauen ist schnell verspielt und nur schwer wieder zurückzugewinnen. Gerade Ökostromanbieter stehen häufig für mehr als nur den Verkauf von Strom. Sie verbinden ihr Angebot mit ökologischen Überzeugungen, gesellschaftlicher Verantwortung und dem Anspruch, Dinge anders und besser zu machen.
Ein grüner Stromtarif allein macht noch kein nachhaltiges Geschäftsmodell.
Umso wichtiger ist es, dass diese Werte auch im wirtschaftlichen Handeln erkennbar sind. Ein grüner Stromtarif allein macht noch kein nachhaltiges Geschäftsmodell.
Wir müssen uns daran messen lassen, ob wir unsere Zusagen gegenüber den Kundinnen und Kunden auch langfristig erfüllen können. Das gilt übrigens für alle Energieversorger, unabhängig von ihrer Rechtsform oder Eigentümerstruktur.
Wie ist die Lage für Ökostromanbieter derzeit insgesamt? Könnten weitere Unternehmen mit ähnlichen Geschäftsmodellen in Schwierigkeiten geraten?
Die Beschaffungsstrategien und die wirtschaftliche Situation anderer Unternehmen sind nicht ausreichend bekannt, um solche Aussagen treffen zu können. Die grundsätzlichen Risiken im Stromvertrieb sind allerdings nicht verschwunden. Marktpreise können erheblich schwanken, der Wettbewerb ist intensiv und die Anforderungen an das Risikomanagement sind hoch.
Für Ökostromanbieter kommen die Herausforderungen beim weiteren Ausbau erneuerbarer Energien hinzu. Wir brauchen verlässliche politische Rahmenbedingungen, wirtschaftlich tragfähige Investitionen und eine professionelle Vermarktung. Entscheidend ist, dass die Geschäftsmodelle wirtschaftlich solide aufgestellt sind.
Wie blicken Sie bei der EWS derzeit auf Beschaffung, Kundenentwicklung und Vertrieb?
Der Wettbewerb im Stromvertrieb ist nach wie vor intensiv. Das spüren natürlich auch wir. Mit unserer langfristig ausgerichteten Beschaffung waren wir in den vergangenen Jahren nicht immer der günstigste Anbieter am Markt. Das hat sich auch auf unsere Kundenentwicklung ausgewirkt. Wir haben uns aber ganz bewusst für diesen Weg entschieden. Wir wollen nicht um jeden Preis Kunden gewinnen, sondern wirtschaftlich solide und langfristig verlässlich beliefern.
Unsere Beschaffungsstrategie hat uns geholfen, extreme Preissprünge abzufedern.
Unsere Beschaffungsstrategie hat uns während der Energiekrise geholfen, extreme Preissprünge abzufedern. Auf der anderen Seite konnten wir die später gesunkenen Marktpreise nicht sofort vollständig weitergeben. Unsere Wettbewerbsfähigkeit müssen wir deshalb ständig überprüfen und uns im Vertrieb weiterentwickeln. An den Grundsätzen einer verantwortungsvollen Beschaffung werden wir aber festhalten.
Wir kaufen keine Kunden von fremden Vertrieben, die ihr Geschäft aufgeben, und wir arbeiten nicht mit hohen dreistelligen Boni. Die Kunden sollen aus Überzeugung zur EWS wechseln – nicht, weil wir der günstigste Anbieter sind. Und damit fahren wir gut: Gerade, weil unsere Kunden überzeugt davon sind, dass die Energiewende am besten mit aktiver Teilhabe umsetzbar ist, sind sie uns in der Regel über sehr lange Zeit treu verbunden.
Hat das Interesse der Kunden an Ökostrom und Nachhaltigkeit nachgelassen?
Wahrscheinlich hat nicht das Interesse nachgelassen, aber die Kundinnen und Kunden setzen oftmals andere Prioritäten als noch vor fünf Jahren. Wir merken das insbesondere im Neukundenmarkt.
Ein Grund sind die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Den Menschen steht weniger Geld zur Verfügung, und sie überlegen genauer, wofür sie es ausgeben. Hinzu kamen die Energiepreiskrise und große Preisunterschiede zwischen verschiedenen Angeboten. Wenn Strom zeitweise nicht nur ein oder zwei Cent, sondern zehn Cent je Kilowattstunde mehr kostet, wirkt sich das auf die Nachfrage aus. Auch die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, der Konflikt im Nahen Osten und die insgesamt schwierigere geopolitische Lage haben die Prioritäten verändert.
Unsere Bestandskunden interessieren sich aber weiterhin für Nachhaltigkeit. Bei der EWS fließen je nach Tarif 0,5 Cent bis 2 Cent je Kilowattstunde in den Ausbau erneuerbarer Energien. Das Geld geht nicht in unseren Deckungsbeitrag, sondern direkt in neue Anlagen. Mit ihrem Stromvertrag setzen die Kunden damit einen zusätzlichen Impuls im Markt.
Kann die genossenschaftliche Struktur Vertrauen schaffen?
Ja, denn die Struktur steht für Transparenz und Mitbestimmung. Vertrauen entsteht darüber hinaus durch Verlässlichkeit und dadurch, dass man zu seinen Zusagen steht. Unsere Mitglieder stellen uns Kapital zur Verfügung, mit dem wir wirtschaften. Wir können nicht einfach auf neue Finanzierungsrunden zurückgreifen, sondern sind auf das Vertrauen unserer Mitglieder angewiesen.
Die Genossenschaftsanteile haben eine Kündigungsfrist von drei Jahren. Wenn wir nicht wirtschaftlich und verantwortungsvoll arbeiten, könnten uns die Mitglieder ihr Vertrauen und damit auch ihr Kapital entziehen.
Dieses Vertrauen wollen wir zurückgeben. Ich glaube, dass wir dabei bisher einen guten Weg eingeschlagen haben. Als ich vor zwölf Jahren in den Vorstand kam, hatten wir ungefähr 3000 Mitglieder. Heute sind es knapp 16.000. Die Mitgliederzahl wächst seither um etwa 1000 pro Jahr.
Die Bundesnetzagentur prüft nun, ob Grüüün seine Transparenzpflichten eingehalten hat. Wie bewerten Sie das?
Bemerkenswert ist, dass sich die Bundesnetzagentur öffentlich mit einem Energieunternehmen auseinandersetzt. Ich hoffe, dass dabei auch die Rolle der Grundversorger und der etablierten Energieversorger stärker gewürdigt wird. In der Energiepreiskrise haben diese Unternehmen die Versorgung aufrechterhalten, auch wenn die Preise hoch waren. Wenn Anbieter aus dem Markt ausscheiden, müssen deren Kunden irgendwohin. Dafür braucht es Unternehmen, die langfristig denken und Verantwortung für die Energieversorgung übernehmen.