"Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, Potenziale ungenutzt zu lassen"

Grau: "Wir sind kein Großkonzern, aber auch keine Pommesbude – ein typischer Mittelständler eben."
Bild: © Stadtwerke Velbert
Die Stadtwerke Velbert haben den Anteil weiblicher Führungskräfte in kurzer Zeit auf ein Fünftel angehoben. Als der Geschäftsführer Tobias Grau Anfang 2024 seine Position antrat, waren noch keine Frauen auf der Ebene unterhalb der Geschäftsführung beschäftigt. "Seitdem haben wir personell viel umgebaut", sagt Grau. Im Interview mit der ZfK spricht der frühere Eon-Manager und ehemalige Finanzchef der Stadtwerke Essen über Gleichberechtigung, den Wandel in der Kommunalwirtschaft und Digitalisierung.
Herr Grau, die Stadtwerke Velbert haben im Oktober den zweiten regionalen Stammtisch des ZfK-Frauennetzwerks NRW ausgerichtet. Warum?
Der Anteil weiblicher Führungskräfte in der Kommunalwirtschaft lag im Jahr 2024 bei nur etwa 28 Prozent. Die Teilhabe von Frauen auf Führungsebene muss gestärkt werden, andernfalls wird eine ganz wesentliche Ressource unserer Gesellschaft verschwendet. Es hat unterschiedliche Gründe, weshalb die Ausgangssituation für Frauen ist, wie sie ist. Wichtig ist, dass wir es uns schlicht nicht mehr leisten können, dass es so bleibt. Daran arbeiten wir bereits – und genau deshalb ist ein solches Netzwerk für mich besonders spannend.
Was bedeutet Ihnen dieses Format?
Ich glaube, das Besondere an diesem Netzwerk ist seine ausgeprägte Cross-Funktionalität. Es geht hier nicht um ein bestimmtes Thema, das alle verbindet, sondern um eine große Vielfalt: von Abrechnungsdienstleistern bis zu Wasserwerken, von Geschäftsführungen über IT-Projekte bis hin zu Juristinnen. Diese thematische Breite ist selten, weil Netzwerke in der Regel durch ein gemeinsames Thema zusammengehalten werden.
"Anfang 2024 gab es im Unternehmen keine einzige weibliche Führungskraft [...] unterhalb der Geschäftsführung. Das war nicht der Zustand, den man sich wünscht."
Wie gehen die Stadtwerke Velbert mit dem Thema um?
Als ich Anfang 2024 die Verantwortung übernommen habe, gab es im Unternehmen keine einzige weibliche Führungskraft auf der Ebene unterhalb der Geschäftsführung. Das war nicht der Zustand, den man sich wünscht. Seitdem haben wir viel personell umgebaut, insbesondere auf der Führungsebene. Etwa die Hälfte der neu besetzten Führungspositionen konnten wir mit Frauen besetzen – und das in Bereichen, die man auf den ersten Blick oft als "klassische Männerdomänen" bezeichnet, wie den Betrieb von Gas- und Wassernetzen oder das zentrale Controlling.
Wie sieht es bei der Belegschaft insgesamt aus?
Insgesamt besteht unsere Belegschaft zu rund einem Drittel aus Frauen. Auf der direkten Führungsebene unterhalb der Geschäftsführung liegt der Anteil derzeit bei etwa 20 Prozent. Das ist weiter ausbaufähig. Die Stadtwerke Velbert beschäftigen rund 300 Mitarbeitende. Hinzu kommt eine Schwestergesellschaft für den Bäderbetrieb, in der zusätzlich etwa 45 Mitarbeitende inklusive Saisonkräfte tätig sind. Ich sage immer: Wir sind kein Großkonzern, aber auch keine Pommesbude – ein typischer Mittelständler eben.
Wie verlief diese Entwicklung und welches Ziel haben Sie sich gesetzt?
Ehrlich gesagt, ist diese Entwicklung einfach organisch entstanden. Ich habe bei allen Besetzungen stets nach den besten Personen für die jeweilige Position gesucht. Vielleicht ist das eines der wichtigsten Learnings: Wenn man gezielt nach weiblichen Führungskräften sucht, findet man sie – aber man muss auch aktiv danach suchen.
Haben Sie Unterschiede im Bewerbungsverfahren wahrgenommen?
Frauen präsentieren ihre Erfolge tendenziell zurückhaltender. Da ist es wie eine Trüffelsuche: Man muss auch hinter die Fassade schauen, sich Zeit nehmen und gezielt nach Talenten suchen, die nicht sofort im Vordergrund stehen. So haben wir jetzt ein gemischtes Führungsteam, das fachlich wie menschlich überzeugt.
"Digitalisierung ist für uns ein effizientes Arbeitsmittel – kein Selbstzweck."
Auch andere Bereiche sind im Wandelt, vor allem durch die Digitalisierung. Verfolgen Sie eine Strategie?
Wir setzen auf pragmatische Lösungen statt auf 60-seitige Strategiepapiere. Der Maschinenraum muss laufen: Marktkommunikation, Abrechnung, Prozessdigitalisierung – dafür investieren wir gerade mehrere Millionen Euro in eine neue IT-Plattform. Parallel testen wir gezielte Digitalprojekte wie sensorbasierte Überwachung in den Bädern oder einen Chatbot im Kundenservice. Digitalisierung ist für uns ein effizientes Arbeitsmittel – kein Selbstzweck.
Und gleichzeitig halten Sie am klassischen Kundencenter fest?
Ja. Wir bieten digitale Services, aber viele Menschen möchten weiterhin persönliche Ansprechpartner. Gerade ältere oder weniger technikaffine Kundinnen und Kunden schätzen das. Diese Kundennähe gehört zu uns.
Die Transformation stellt darüber hinaus das Gasnetz infrage. Wie gehen Sie in Velbert damit um?
Velbert liegt im Bundesdurchschnitt: Rund 60 Prozent der Haushalte heizen noch mit Gas. Aber langfristig wird das zurückgehen. Wir werden einen großen Teil des Gasnetzes bis 2045 wohl stilllegen müssen – Erdgas wird für die Raumwärme dann kaum noch eine Rolle spielen. Wasserstoff? Eher für Industrie, nicht für Wohngebiete. Wir haben deshalb schon 2023 begonnen, die Restbuchwerte des Netzes degressiv abzuschreiben. Gleichzeitig bauen wir unser Stromnetz aus und bereiten uns auf alternative Wärmelösungen wie Wärmepumpen vor.
Damit gehören Sie zu den Vorreitern – viele Stadtwerke haben hier noch keine Entscheidung getroffen.
Ein offizieller "Ausstiegsbeschluss" ist es nicht, aber wir reagieren auf die Gesetzeslage und die Marktbedingungen. Am 15. November veranstalten wir zum Beispiel einen Wärmepumpen-Infotag für Bürgerinnen und Bürger. Es ist wichtig, transparent zu informieren und als Lösungspartner präsent zu sein – auch jenseits des Gases.
Wenn wir fünf Jahre weiterdenken: Was wünschen Sie sich für die Stadtwerke Velbert?
Dass wir noch stärker als verlässlicher Partner wahrgenommen werden – für Strom, Wasser, digitale Angebote und vor allem Wärmelösungen. Wir wollen den Menschen Antworten geben und Teil ihrer Lösung sein, nicht des Problems.
Das Interview führte Daniel Zugehör

