Berufe der Abwasserwirtschaft konkurrieren in einem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt um Nachwuchs und Fachpersonal.

Berufe der Abwasserwirtschaft konkurrieren in einem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt um Nachwuchs und Fachpersonal.

Bild: @ AdobeStock/krissikunterbunt

Strategische Fragen in Abwasserbetrieben ähneln sich. Das "Netzwerk Unternehmensführung" des IKT – Institut für Unterirdische Infrastruktur will Wissen bündeln und den Blick erweitern. Es bringt Entscheider:innen aus kommunalen Abwasserbetrieben zusammen, um Führungsfragen praxisnah zu diskutieren.

Serdar Ulutaş, Leiter des Netzwerks, beschreibt den Ansatz pragmatisch: "Bewusst geht es nicht um fertige Konzepte, sondern um die Frage, welche Themen Führungskräfte aktuell tatsächlich bewegen – von Gebührenregelungen bis hin zu der Frage, wo Digitalisierung sinnvoll eingesetzt werden kann."

Imageprobleme auch in Herne

Sascha Köhler kennt das Problem des Fachkräftemangels aus dem Arbeitsalltag. Als Technischer Betriebsleiter der Stadtentwässerung Herne erlebt er täglich, was Talentsuche konkret bedeutet: eine zunehmend schwierige Suche nach qualifiziertem Personal.

Die personelle Lage im öffentlichen Dienst verschärft für ihn die Dimension der Herausforderung. Rund 5,4 Millionen Menschen sind deutschlandweit im öffentlichen Dienst beschäftigt, davon sind 1,8 Millionen kommunale Angestellte.

Gleichzeitig bleiben etwa 570.000 Stellen unbesetzt. Bis 2036 werden zudem rund 1,3 Millionen Beschäftigte altersbedingt ausscheiden. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen könnten bereits 2030 bis zu einer Million Fachkräfte fehlen.

Diese strukturellen Engpässe wirken sich auch auf die kommunale Abwasserentsorgung aus. Die Unternehmen konkurrieren damit in einem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt um Nachwuchs und Fachpersonal.

Technischer Betriebsleiter Sascha KöhlerBild: @ Christoph Möschke

"Berufe der Abwasserentsorgung werden oft übersehen oder unterschätzt", beobachtet Köhler. In der öffentlichen Wahrnehmung halten sich hartnäckig Vorurteile gegenüber dem Berufsfeld. Der Job gelte vielfach zu Unrecht als schmutzig, die Tätigkeiten als einfach oder unbedeutend. Zudem wird häufig angenommen, dass Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt und die Bezahlung wenig attraktiv seien.

Steigerung der Attraktivität des Berufsfeldes

Diese Zuschreibungen stünden jedoch im Widerspruch zur tatsächlichen Entwicklung der Branche. Köhler sieht erhebliche Chancen, das Image des Berufsfeldes neu zu positionieren. Das Berufsbild sei heute spannender denn je. Technisierung und Digitalisierung hätten die Tätigkeiten in den vergangenen Jahren grundlegend verändert.

Immer mehr technische Systeme halten Einzug in die Betriebe, wodurch die Arbeitsprozesse vielseitiger und zugleich anspruchsvoller werden. Zu den relevanten Entwicklungen zählen unter anderem:

  • Mess-, Steuer- und Regeltechnik (MSR) zur Überwachung und Automatisierung von Anlagen
  • KI-Anwendungen im Kanalnetz, beispielsweise zur Zustandsbewertung und Prognose von Alterungsprozessen
  • VR-Technologien für Schulung, Training und realitätsnahe Einsatzsimulation

Berufe der Abwasserentsorgung werden oft übersehen oder unterschätzt.

Sichtbarkeit erhöhen, Stärken positionieren

Hinzu kämen Vorteile, die aus Sicht vieler Bewerber:innen häufig unterschätzt würden. Die Stadtentwässerung Herne stehe exemplarisch für klassische Stärken kommunaler Versorgungsunternehmen: Dazu gehört beispielsweise eine Tarifbindung mit klaren und transparenten Regelungen, ein deutlich höherer Kündigungsschutz im Vergleich zur Privatwirtschaft sowie eine zusätzliche Altersvorsorge.

Was die Attraktivität des Berufsfelds anbelangt, gewännen digitale Sichtbarkeit, eine aktive Online-Präsenz, Social Media sowie authentische Imagefilme zunehmend an Bedeutung. Hier könne sich das Netzwerk gegenseitig noch mehr Hilfestellung geben, empfiehlt Köhler.

Quereinstieg als strategischer Ansatz

Neben klassischen Rekrutierungsmaßnamen setzt die Stadtentwässerung Herne gezielt auf die Weiterqualifizierung von Quereinsteiger:innen. Für Köhler ist das ein Ansatz, der sich in seinem Betrieb klar bewährt hat.

"In den vergangenen Jahren verzeichneten wir eine sehr geringe Fluktuation, die überwiegend auf Renteneintritte zurückzuführen ist. Offenbar fühlen sich die Mitarbeitenden hier wohl", erklärt der Betriebsleiter. Fakt sei jedoch auch, dass man bei der Nachbesetzung zunehmend auf Quereinsteiger:innen angewiesen war.

Die Zahlen aus Herne verdeutlichen, wie stark diese Gruppe inzwischen den aktuellen Mitarbeitendenbestand prägt: Bei 30 neu eingestellten Fachkräften lag der Anteil der Quereinsteiger:innen bei 80 Prozent. Von acht Technikern und Meistern kamen 50 Prozent über den Quereinstieg, bei den Ingenieur:innen betrug der Anteil 55 Prozent. In der Verwaltung lag die Quote bei 43 Prozent.

Entwicklung durch Qualifizierung

Neben den statistischen Auswertungen verweist Köhler auf konkrete Erfolgsbeispiele. Exemplarisch nennt er den Werdegang eines Mitarbeiters, der den Aufstieg vom Hilfsarbeiter zum stellvertretenden Betriebshofleiter geschafft hat. Perspektivisch ist die Übernahme der Betriebshofleitung vorgesehen.

Aufstieg nach Plan

Ein weiteres Beispiel aus Herne zeigt, dass der systematische Qualifizierungsansatz nicht auf einzelne Karrierewege beschränkt bleibt: Ein Techniker wurde 2025 auf einer Ingenieurstelle eingesetzt und übernahm Aufgaben unter anderem in der Bauleitung sowie bei Kanalrenovierungen und Kanalreparaturen. Nach weiteren Stationen in der Aus- und Weiterbildung winkt dem zertifizierten Kanalsanierungsberater nun die Position als Bauleiter in der Kanalsanierung.

Für Köhler steht fest: Ohne die aktive Förderung von Quereinsteiger:innen gehen den Abwasserbetrieben wichtige Potenzialträger verloren. Bei konsequenter Qualifizierung und Weiterentwicklung werden sie jedoch zu einem zentralen Erfolgsfaktor für die Zukunft der Branche.

In Teil 2 der ZFK-Serie lesen Sie ein Interview mit Nadine Krogull, Geschäftsbereichsleiterin Stadtentwässerung bei den Wirtschaftsbetrieben Duisburg zum Thema “Wie Raumgestaltung Mitarbeitende bindet und Zusammenarbeit stärkt".

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