Karsten Specht, Vizepräsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) und Geschäftsführer des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands (OOWV).

Karsten Specht, Vizepräsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) und Geschäftsführer des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands (OOWV).

Bild: © S. Seeberge

Grundsätzlich ist ja die Wasserversorgung in Deutschland sicher. Aber die Grundwasserstände sinken vielerorts. Was sind die größten Herausforderungen für Wasserversorger in dieser Situation?
Die Trocken- und Hitzeperioden führen dazu, dass das gesamte Wassersystem gestresst ist. Dabei gibt es zwei Themen. Das eine ist die Verfügbarkeit der Ressource Wasser: Einerseits sinken die Grundwasserstände vielerorts, andererseits wachsen viele Standorte, zum Beispiel der Frankfurter oder Hamburger Raum, aber auch die Region des OOWV, und brauchen deshalb mehr Wasser. Gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, neue oder die alten Wasserrechte in gleichem Umfang zu bekommen.

Was müsste sich ändern?
Dort, wo die Grundwasserressourcen angespannt sind, arbeiten die Wasserversorger mit verschiedensten Maßnahmen von Kooperationen bis Infrastrukturanpassungen daran, die Versorgung sicherzustellen. Dabei investieren sie viel Geld, um das System klimaresilient zu machen. Aber wir brauchen auch bei der Erteilung von Wasserrechten das Verständnis für den gesetzlich vorgesehenen Vorrang der öffentlichen Wasserversorgung. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Außerdem werden die Verfahren immer länger und komplizierter. Wir müssen zusätzliche Gutachten einreichen, manchmal kommen von der EU neue Vorschriften, sodass die zuständigen Behörden das ganze Wasserrechtsverfahren neu aufsetzen müssen. Was wir brauchen, ist Klarheit: Wir brauchen eine klare, stringente Führung in Wasserrechtsverfahren, die deutlich kürzer sein müssen als bisher.

Was ist das zweite Thema für eine sichere Wasserversorgung?
Unsere zweite große Sorge gilt den Netzen und Infrastrukturen, die wir an die stärkeren Belastungen durch den Klimawandel anpassen müssen. Während es beispielsweise für den Ausbau der erneuerbaren Energien Beschleunigungsgesetze gibt, wird die Wasserinfrastruktur fast gänzlich außer Acht gelassen. Dabei bräuchten wir auch hier mehr Tempo bei Maßnahmen und Projekten. Denn das Jahr 2018 hat gezeigt, was der Klimawandel bedeutet. Unsere Systeme gelangen an ihre Grenzen, und wir müssen sehr viel investieren.

Wie hoch sind Ihre Investitionen?
Beim OOWV haben wir in den letzten Jahren jeweils etwa 50 Millionen Euro in die Wasserversorgung investiert. In diesem Jahr werden es 80 Millionen Euro sein. Mittelfristig wird es einen weiteren Anstieg geben.

Müsste die Finanzierung des Wassersektors auf neue Beine gestellt werden?
Die Wasserwirtschaft investiert jährlich etwa acht Milliarden Euro in die Infrastruktur der Wasserver- und die Abwasserentsorgung. Durch den Klimawandel kommen neben den planmäßigen Investitions- und Instandhaltungsmaßnahmen noch die Anpassungsmaßnahmen hinzu, das heißt zum Beispiel  der Bau von Fernleitungen, Speicherbehältern, Wasserwerken und Brauchwasseranlagen. Diese zusätzlichen Kosten führen dazu, dass die Unternehmen finanziell über die Grenze des Machbaren hinaus belastet werden. Sie sind also gezwungen, entweder die Wasserpreise für die Kunden zu erhöhen, oder es müssen neue Förderprogramme aufgesetzt werden.

VKU-Vizepräsident und OOWV-Chef Karsten Specht

Reichen die derzeitigen Förderprogramme nicht aus?
Sicherlich gibt es sehr viele Fördermittel. Kürzlich wurde das „Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz“ mit einem Volumen von vier Milliarden Euro verabschiedet. Allerdings geht es dort im Wesentlichen um Maßnahmen zur Renaturierung von Gewässern und um den natürlichen Wasserhaushalt. Das ist durchaus sinnvoll, aber reicht angesichts der Größe der Herausforderung nicht aus. Gut wäre die Aufnahme der Finanzierung der Klimaanpassung in eine Gemeinschaftsaufgabe.

Können Sie das näher erläutern?
Der OOWV beispielsweise wurde vor genau 75 Jahren, also im Jahr 1948 gegründet. Damals ging es darum, eine funktionierende Wasserversorgung aufzubauen. Diese gewaltige Aufgabe ist meiner Meinung nach mit der heutigen Situation vergleichbar. Wir müssen sozusagen eine zweite Leitung vom Friesland in die Wesermarsch bauen, um die Folgen des Klimawandels zu bewältigen.

Wie könnte die Antwort auf den Klimawandel aussehen?
Wir müssen die Wasserversorgung weiterentwickeln. Hier an der Nordseeküste zum Beispiel werden jährlich 900 Millionen Kubikmeter Süßwasser über die Deiche gesielt. Zur Einordnung: Ein großer Wasserversorger wie der OOWV liefert 80 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr. Wir müssen in Zukunft mehr Wassermengen zurückhalten und dafür sorgen, dass sie in den Grundwasserkörper einsickern können.

Kann die Industrie noch mehr Wasser einsparen?
Für unsere Region kann ich sagen, dass viele Unternehmen sehr wassereffizient arbeiten. Sie sind unsere besten Partner, in dem Sinn, dass sie immer den weiteren Weg gehen, dass sie versuchen, immer noch mehr Wasser einzusparen oder auch den Ablauf einer Kläranlage zu nutzen.
Bei der Brauchwassernutzung sind wir in Deutschland gerade erst am Anfang. Wir als OOWV zählen in Deutschland zu den Pionieren in diesem Bereich. Dieses Jahr haben wir den ersten Industriekunden, den wir nur deshalb ansiedeln können, weil wir eine Kläranlage zur Verfügung haben. Unsere Wasserrechte sind zu 90 Prozent ausgeschöpft. Wir hätten dieses Unternehmen an diesem Standort nicht mit der nötigen Wassermenge versorgen können.

Die Wasserstoffwirtschaft soll in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Ist der Bedarf der jungen Branche ein relevanter Faktor für die Wasserwirtschaft?
Ja, durchaus. Das ganze System steht ohnehin unter Druck. Wenn dann ein zusätzlicher Player, wie die Wasserstoffindustrie, dazukommt, werden weitere Wassermengen benötigt. Und wenn man ohnehin Schwierigkeiten hat, in angemessener Zeit neue Wasserrechte zu bekommen, dann sind die Wasserstoffprojekte eine große Herausforderung, insbesondere wenn sie bereits in den Jahren ab 2026 in Betrieb gehen sollen.

In der Nationalen Wasserstrategie wird unter anderem vorgeschlagen, dass man für den Fall von Nutzungskonflikten eine Art Blaupause erstellt, um schneller zu Lösungen zu kommen. Ist der Ansatz richtig?
Es kann durchaus sinnvoll sein, wenn man in zeitlich befristeten Situationen auf kommunaler Ebene eine Reihenfolge festgelegt: erst Mensch, dann Tier und dann der Rasen und sich in gewisser Weise auf diese Fragestellung vorbereitet. Den Vorteil, dass der Bund das einheitlich regelt, sehe ich nicht. Grundsätzlich bin ich der Meinung, man sollte die Interessen von Haushalten, Industrie und Landwirtschaft nicht gegeneinander ausspielen. Am besten wäre es, Nutzungskonflikte durch intelligente Lösungen erst gar nicht entstehen zu lassen. Da liegt die Wasserstrategie richtig, wenn sie zunächst bessere Infos vorsieht, wer wann auf welche Wasserressource zugreift und wenn man ungenehmigte Zugriffe deutlich einschränken will.

Das Interview führte Elwine Happ-Frank

Mehr zu dem Thema können Sie in der am Montag, den 7. August, erschienenen Print-Ausgabe der ZfK lesen. Zum Abo geht es hier.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper