Handlungsoptionen zur Lösung von Nutzungskonflikten

DVGW-Vorstand Wolf Merkel auf der gat wat 2022. Im Rahmen der diesjährigen Messe gibt es ein neu konzipiertes Praktikerforum mit Vorträgen zum Technischen Regelwerk, Projekteinblicken und Technologie-Updates.
Bild: © Trenkel/Bildschön
Seit einigen Jahren ist in Deutschland eine Ausweitung des Anbaus von landwirtschaftlichen Kulturen mit Bewässerungsbedarf feststellbar. Dies sorgt in Kombination mit zunehmenden sommerlichen Trockenperioden für einen steigenden Wasserbedarf für Bewässerungsmaßnahmen.
Eine Folge davon ist in einigen Regionen Deutschlands eine bereits heute zugespitzte Konkurrenz um die begrenzte Ressource Wasser zwischen der öffentlichen Wasserversorgung und der landwirtschaftlichen Bewässerung. Um diese erwartbar zunehmenden Konflikte zu entschärfen, erarbeitete der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfachs (DVGW) im Forschungsprojekt „Vertikal“ im Rahmen des Zukunftsprogramms Wasser Ansatzpunkte und Verfahren zum Management von Nutzungskonflikten zwischen Wasserversorgern und Landwirtschaft.
Die Kernpunkte
Das Konzeptpapier basiert auf einer Literaturrecherche und Experteninterviews von Forschenden des DVGW-Technologiezentrums Wasser TZW und dem IWW Rheinisch-Westfälischen Institut. Es adressiert die erforderlichen Voraussetzungen, aber auch die Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Akteure (Landwirtschaft, Genehmigungsbehörden, Wasserversorger) und dient als Hilfestellung, um in betroffenen Regionen fallspezifische Lösungen erarbeiten zu können, erläutert der DVGW.
Für eine konfliktarme bzw. konfliktfreie Bewirtschaftung der Ressource Grundwasser benennt das Papier folgende Kernpunkte:
- eine robuste Planungsgrundlage mit quantitativen Informationen über den lokalen Wasserhaushalt, inklusive aller Entnahmen von Grundwasser und deren Nutzung
- partizipative Planungsprozesse
- die Verfügbarkeit und Finanzierbarkeit alternativer Wasserquellen
- der Zusammenschluss von Landwirten in einem Verband, durch den die Bewässerung organisiert und mit den Genehmigungsbehörden abgestimmt wird.
Gemeinsamer Planungsprozess
Für die nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen müssen laut DVGW-Vorstand Wolf Merkel alle Nutzergruppen an einem Strang ziehen. Ein partizipativer Planungsprozess und die finanzierbare Erschließung alternativer Wasserquellen seien ebenso notwendig wie eine umfassende Datenkenntnis des lokalen Wasserhaushaltes vor Ort.
„Dafür benötigen wir klare Governance-Strukturen, die den Dialog zwischen den betroffenen Akteuren sicherstellen, zum Beispiel durch die Einberufung von Runden Tischen, die aber auch Konflikte klar adressieren und im Notfall Nutzungsbeschränkungen aussprechen“, benennt Merkel die wichtigsten Erkenntnisse der Studie.
Solide Datengrundlage als Ausgangsbasis
Ganz konkret formuliert das Konzeptpapier relevante Faktoren für die beteiligten Akteure. Basis sollte die Etablierung einer fachlich robusten Datengrundlage für Dialog und Planung sein. Empfohlen wird hier etwa die Messung der Wasserflüsse in einem Einzugsgebiet, um die regionale Wasserbilanz zu regulieren und dadurch Konflikte zu mindern sowie Erfolge von Anpassungsmaßnahmen zu belegen.
Dazu zählt auch die Beobachtung der Grundwasserstände in ausreichend hoher zeitlicher und örtlicher Dichte und deren Verwendung als einheitlicher und gut zu messender Indikator. Außerdem sollen alle zuströmenden Volumina (Grundwasserneubildung) erhoben und alle Abschlüsse und Entnahmen der Wasserversorgung und der Industrie sowie von Privat- und Beregnungsbrunnen ermittelt werden.
Klimaresiliente Fruchtarten
Zu den Handlungsoptionen der Landwirtschaft zählen unter anderem die Substitution von Grundwasser durch Alternativen, die pflanzenbedarfsgerechte Bewässerung und die Nutzung von Bodenfeuchtedaten zur Abschätzung der Bewässerungsnotwendigkeit. Außerdem soll die Optimierung der eingesetzten Bewässerungstechnik oder der Anbau klimaresilienter Fruchtarten geprüft werden.
Den Genehmigungsbehörden empfehlen die Studienautoren unter anderem die Registrierung sämtlicher Beregnungsbrunnen, die jährlich fortlaufende Aufnahme des Wasserverbrauchs sowie regelmäßige Bodenfeuchtemessungen auf den Beregnungsflächen. Des Weiteren sollten die Behörden Vorgaben zur Qualitätsüberwachung des Grundwassers durch Nitrat machen.
Handlungsoptionen der Versorger
Die Handlungsmöglichkeiten der Wasserversorger umfassen laut Studie unter anderem die Unterstützung bei der Betriebsführung von Aufbereitungsanlagen inkl. Know-how-Transfer, die Infiltration von Oberflächenwasser zur Grundwasseranreicherung, die Unterstützung der Behörden bei der Bestandsaufnahme der Beregnungsbrunnen oder – sofern eine Klimastation vorhanden ist – die Prüfung der Datenbereitstellung für die Landwirtschaft.
Die Themen Wasserverfügbarkeit und Wassernutzungskonflikte stehen gleich am ersten Tag der Branchenveranstaltung wat 2023, die am 6. und 7. September in Köln stattfindet, auf der Agenda. Unter anderem berichtet dort der Fachgebietsleiter für übergreifende Angelegenheiten Wasser und Boden beim Umweltbundesamt, Jörg Rechenberg, über Anpassungsmaßnahmen an Trockenheit und Dürre in Deutschland.
Mit dem Thema multi-sektorale Wasserbedarfsszenarien für Deutschland beschäftigt sich Sebastian Sturm,Abteilungsleiter Wasserversorgung am Technologiezentrum Wasser des DVGW, und der Leiter des mitteldeutschen Klimabüros am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Andreas Marx, präsentiert die neue Web-Plattform „Wasserressourcen-Informationssystem Deutschland“. (Michael Nallinger)

