In Teil 1 des Interviews geht es um die Klimastudien des DVGW. Danach werden die Niederschlagsmengen in Deutschland bis 2100 nicht abnehmen, sich aber anders verteilen. Trotz mehr Regen wird das Wasserdargebot allerdings nicht steigen. Die Trinkwasserqualität sei sehr hoch, obwohl Belastungen durch Nitrat, Pflanzenschutzmittel und PFAS bestehen.
Herr Merkel, der Vorrang der Wasserversorgung müsse stärker gesetzlich verankert werden, stellte der DVGW in seinen wasserpolitischen Forderungen zur Bundestagswahl fest. Ist das nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit?
Der Vorrang für die öffentliche Wasserversorgung steht im Wasserhaushaltsgesetz des Bundes. Allerdings müsste das auch in den Wassergesetzen der Bundesländer und im Vollzug festgeschrieben werden. Das ist nicht überall mit der gleichen Eindeutigkeit der Fall.
Kommt es tatsächlich vor, dass der Vorrang in Zweifel gezogen wird?
Es kann durchaus sein, dass bei der Genehmigung von bestehenden oder neuen Wasserrechten – was sich im Übrigen viel zu lange, nämlich zum Teil über zehn bis 15 Jahre hinzieht – am Ende die Bezugsrechte des Wasserversorgers gekürzt werden. Gleichzeitig besteht eine große Unklarheit über den Verbrauch der Landwirtschaft, der immer noch nicht genau erfasst wird. Und in der Industrie verfügt so manches Unternehmen über sehr alte Wasserrechte, die nicht in Frage gestellt werden können. Es geht also vor allem um den Vollzug. Hier ist aus unserer Sicht eine Schärfung und Konkretisierung wichtig.
Der DVGW forscht viel zur Sicherheit der Wasserversorgung. Nach einigen sehr trockenen Jahren hat es im letzten und vorletzten Jahr recht viel geregnet. Ist das ebenfalls eine Folge des Klimawandels?
Ja, das ist tatsächlich so. Wir haben eine große Studie mit Prognosen bis zum Jahr 2100 in Auftrag gegeben, in der wir die Entwicklung gemäß dem letzten Stand der Klimaforschung untersucht haben. Der fortschreitende Klimawandel führt dazu, dass die Niederschlagsmengen in Deutschland und Mitteleuropa nicht geringer werden, aber das Niederschlagsmuster sich verändert.
Was heißt das konkret?
Es gibt mehr Regen im Winter und weniger Niederschlag im Sommer, und deutlich mehr Extremereignisse wie Dürren und Starkregen. Gleichzeitig werden die Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren größer. Das sieht man beispielhaft an den vergangenen Jahren mit sehr trockenen Perioden von 2018 bis 2020 und viel Niederschlag in 2022 und 2023.
Die Klimaerwärmung schreitet offensichtlich schneller voran, als viele gedacht haben, und die eigentlich anvisierte Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad ist schon im vergangenen Jahr gerissen worden. Angesichts der derzeit steigenden Jahresniederschläge: Gibt es bis zum Ende des Jahrhunderts einen Punkt, ab dem die Trockenheit wieder zunehmen wird?
In unseren Untersuchungen können wir das nicht bestätigen. Wir haben verschiedene Szenarien durchgerechnet. Selbst in dem pessimistischen Szenario – dem RCP8.5, das davon ausgeht, dass die CO2-Emissionen nicht wesentlich zurückgehen – ist bis zum Jahr 2100 in Deutschland mit einer tendenziell eher zunehmenden Regenmenge zu rechnen.
Wenn es recht viel regnet, steigt dann auch das Wasserdargebot?
Das ist leider nicht zu erwarten. Denn die Wetterextreme nehmen zu – mehr Trockenheit, aber auch mehr Starkregenereignisse. Ein ausgetrockneter Boden kann große Regenmengen nicht so aufnehmen, dass sie ins Grundwasser gelangen. Ein weiteres Klimaphänomen: Sollten die Gletscher abschmelzen, dann fehlt der kontinuierliche Nachschub, der beispielsweise im Sommer in der Rheinschiene zu einer gleichmäßigen Wasserführung führt. Wir müssen also unsere Infrastruktur an die Extreme anpassen.
In Deutschland gibt es – auch vor dem Hintergrund des Klimawandels – große Sorgen um die Wasserqualität. Von den vielen Stoffen, die das Wasser belasten: Welcher macht Ihnen am meisten Sorgen?
Ich möchte zunächst voranschicken: Wir haben beim Trinkwasser eine nachgewiesene sehr hohe Qualität mit einer fast 100-prozentigen Einhaltung der Vorgaben der Trinkwasserverordnung. Dies bestätigt der regelmäßige nationale Trinkwasserbericht des Umweltbundesamts, der alle drei Jahren an die EU-Kommission geschickt wird.
Welche Substanzen haben die Wasserversorger im Blick, um das Trinkwasser in hoher Qualität zur Verfügung zu stellen?
Da ist zunächst die bekannte Dauerbelastung mit Nitrat zu nennen, aber auch mit Pflanzenschutzmitteln und ihren Abbauprodukten (Metaboliten). Außerdem gibt es diverse Mikroschadstoffe, die wir durch immer weiter verbesserte Analysemethoden in niedrigsten Konzentrationen erfassen können. Hier haben sich die Verfahren im Vergleich zu vor 20, 30 Jahren so weit verbessert, dass wir viel detailliertere Erkenntnisse gewinnen können.
Welche Stoffe betrifft das vor allem?
Zum Beispiel Arzneimittel mit hormonwirksamen Substanzen, die über das Abwasser in die Umwelt gelangen und dann gegebenenfalls auch in Spuren im Trinkwasser zu finden sind. Immer mehr in den Fokus rücken derzeit die PFAS.
PFAS bilden ja eine sehr umfangreiche Stoffgruppe. Es gibt Forderungen, die Anzahl der in der Trinkwasserverordnung geregelten PFAS zu erhöhen. Wie sehen Sie das?
Zunächst ist es ein großer Fortschritt, dass die Trinkwasserverordnung ab 2026 die Untersuchung auf 20 PFAS verpflichtend vorschreibt. Die meisten Wasserversorger prüfen diese Substanzen ohnehin seit vielen Jahren, weil sie schon lange von diesen Problemstoffen Kenntnis haben. Im Trinkwasser sind sie in der Regel nicht vorhanden, da die Unternehmen PFAS-belastete Standorte, wie Flugplätze oder Produktionsstätten, nicht zur Wassergewinnung nutzen.
Im Zusammenhang mit der Umsetzung der kommunalen Abwasserrichtlinie sollen die großen Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet werden. Werden dadurch viele Probleme, wie die Belastung mit Spurenstoffen oder Mikroplastik im Trinkwasser, gelöst?
Sicherlich bringt das eine Entlastung, wenn diese Stoffe nicht mehr in die Gewässer gelangen. Aber unser vorsorgender Ansatz geht in die Richtung, dass sie erst gar nicht ins Abwasser und damit in die Kläranlage kommen.
Die EU hat in der Kommunalabwasserrichtlinie im November die Herstellerverantwortung verankert. Was wird sie für den Gewässerschutz bringen?
Wir sehen das sehr positiv. Die Richtlinie mit der konkreten Umsetzung der Herstellerverantwortung muss noch in deutsches Recht überführt werden. Damit wird ein Präzedenzfall geschaffen, das Verursacherprinzip tatsächlich zu einem "scharfen Schwert" zu machen. Wenn es im Bereich der kommunalen Abwasserreinigung gelingt, die Hersteller an 80 Prozent der Kosten für die Entfernung der durch ihre Produkte entstehenden Schadstoffe zu beteiligen, dann wäre das tatsächlich ein Durchbruch. Dann könnte man das auf ähnlich gelagerte Fragestellungen im Bereich der Trinkwasserversorgung ausweiten.
Was meinen Sie damit?
Wir beobachten bei der Umsetzung der Richtlinie in deutsches Recht genau, ob aus diesem Ansatz tatsächlich ein scharfes Instrument wird. Denn die Details sind ja noch nicht geregelt: Wie stellen die Hersteller die Mittel – zum Beispiel in einem Fonds – zur Verfügung? Wie werden die Erstattungen für die Abwasserentsorger geregelt? Das muss jetzt erst einmal im Kontext der Abwasserreinigung umgesetzt werden, danach wird dieses Modell auch für die Trinkwasseraufbereitung zu prüfen sein.
Das Interview führte Elwine Happ-Frank
Das ist der erste Teil des Interviews mit DVGW-Vorstand Merkel.
Im zweiten Teil geht es um die Nitratbelastung, die trotz weniger Düngung steigen könnte, darum, dass die Nationale Wasserstrategie eine Fianzierung braucht und warum der Wasserrohrbruch in Berlin zu Silvester ein Zeichen für eine resiliente Versorgung ist.



