Die Berliner Wasserbetriebe bewältigen steigende Spitzenverbräuche an heißen Tagen trotz weniger Brunnen, die wegen Naturschutzauflagen und PFAS-Belastungen zur Zeit nicht verfügbar sind. Bei nur noch wenigen Prozent Reserve arbeiten sie an der Reaktivierung alter Wasserwerke für das Bevölkerungswachstum. Schwammstadt-Konzepte und eine noch stärkere Reinigung des Abwassers sollen die Wasserversorgung bis 2050 sichern, unterstützt durch den städtischen Masterplan Wasser.
Die Berliner Wasserbetriebe hatten in der Hitzeperiode im Juni besondere Herausforderungen. Wie machten sie sich bemerkbar?
Grundsätzlich ist unser System auf hohe Fördermengen ausgelegt. Zusätzlich haben wir im Frühjahr ein Sonderprogramm gestartet, mit dem wir möglichst viele Brunnen vor der Sommerspitze in Betrieb genommen haben. Insgesamt haben wir in diesem Jahr aber nicht so viele Kapazitäten zur Verfügung wie in der Vergangenheit. Wir haben Einschränkungen durch den Naturschutz, durch Belastungen mit PFAS aus Altlasten des Flughafens Tegel, wir müssen für Erneuerungen oder den Neubau von Brunnen komplizierte Genehmigungsverfahren durchlaufen und auch das Baustellenmanagement wird immer aufwendiger.

Wie entwickelt sich der Wasserverbrauch in Berlin an heißen Tagen?
Berlin hat einen Spitzenfaktor von 1,6 – das bedeutet, dass wir bis zu 60 Prozent mehr Wasserverbrauch an heißen Tagen haben. Dann müssen alle Brunnen ohne Störungen laufen. Die hohe Auslastung hat auch damit zu tun, dass 75 bis 80 Prozent unserer Kunden Privathaushalte sind, 20 bis 25 Prozent sind Gewerbe/Industrie. Der hohe Verbrauch korreliert unserer Erfahrung nach stark mit der Bodenfeuchte – das heißt also, dass der Mehrverbrauch vor allem zur Bewässerung von Gärten eingesetzt wird.
Wie viel Luft nach oben haben Sie an solchen Tagen in Ihrem Versorgungssystem?
Der Spitzenfaktor ist ja eine relative Zahl. Für einzelne Tage haben wir noch Reserven – man braucht sie ja auch für mögliche Havarien. An den heißen Tagen dieses Jahr hatten wir noch wenige Prozent Reserve, aber nicht die üblichen 20 Prozent, die ein Wasserversorger gerne hätte. In Berlin haben wir immerhin ein vermaschtes Netz mit mehreren Wasserwerken, die sich gegenseitig unterstützen können. Aber wenn man nur wenige Prozent Reserve hat, wird man schon ein bisschen nervös.
Ist ein Wasserversorger, der zu 80 Prozent Haushalte versorgt, hinsichtlich der Spitzenbedarfe mehr gefordert als Versorger, die größere Anteile an Industrie und Landwirtschaft haben?
Definitiv, denn die Versorgung ist schwerer steuerbar. Daseinsvorsorge bedeutet, Menschen ausreichend zu versorgen. Wenn man viel Industrie und Gewerbe mit Wasser beliefert, könnte man theoretisch mal einen Großbetrieb abkoppeln, um ein Krankenhaus zu versorgen. Kleinere Versorger haben solche Notfallpläne in der Schublade – bei uns ist das nicht möglich. Bei einem hohen Anteil an Haushalten kann man Öffentlichkeitsarbeit machen und zum sparsamen Umgang aufrufen. Um für extreme Versorgungsengpässe gerüstet zu sein, sind wir mit der Senatsverwaltung dabei zu prüfen, wie man rechtliche Einschränkungen wie Rasenspreng-Verbote umsetzen könnte.
Fruchten denn Sparappelle oder Ermahnungen, sparsam mit Wasser umzugehen? Und welche Kommunikationsinstrumente setzen Sie dafür ein?
Bislang hatten wir dafür keinen Bedarf. Nach der Corona- und der Ukrainekrise sank der spezifische Wasserbedarf deutlich – vermutlich durch höhere Energiepreise für Warmwasser. Viele Wasserversorger berichten aber von positiven Effekten durch Wasser-Ampeln: Wenn sie auf Gelb/Rot stehen, schränken sich die Leute ein. Aktuell setzen wir auf eine neue Kampagne mit einem kleinen Wassertropfen, der zeigt, worum es geht: Man muss Wasser beschützen und sorgsam damit umgehen.
Berlin ist eine wachsende Stadt. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Das schauen wir uns schon seit einigen Jahren an. Seit 2020 haben wir ein Resilienzkonzept und mit der Senatsverwaltung einen Masterplan Wasser erstellt. Die Bevölkerung im Raum Berlin wird zunehmen, das heißt also, wir werden zukünftig mehr Wasser zur Verfügung stellen müssen – weniger in der Spitze, aber im Durchschnitt übers Jahr gesehen und in der Gesamtmenge. Deshalb prüfen wir unter anderem eine Reaktivierung von nach der Jahrtausendwende stillgelegten Wasserwerken.
Warum wurden sie nicht mehr genutzt?
In den 1990er-Jahren ging der Verbrauch bei uns um 30 bis 40 Prozent zurück – von 300 auf 200 Millionen Kubikmeter jährlich. Unausgelastete Wasserwerke verursachen nur Kosten. Jetzt reaktivieren wir zwei ehemalige Standorte.
Wird das ausreichen oder müssen Sie weitere Quellen erschließen?
Wenn wir Richtung 2050 schauen, reicht das als wesentliche Maßnahme aus. Grundsätzlich haben wir ausreichend Wasser im System. Die Prognosen für die Niederschläge in diesem Zeitraum sind stabil bis tendenziell steigend. Die durch Verdunstung zurückgehende Grundwasserneubildung können wir durch Grundwasseranreicherung ausgleichen. Wichtig sind der Ausbau der Oberflächenwasser-Infiltration, der Umbau des Waldes zu mehr Mischwald, der mehr Infiltration erlaubt, stabilere Abflussverhältnisse und Schwammstadt-Konzepte.
Das Thema Schwammstadt ist interessant und wichtig, aber auch sehr zäh?
Das Wichtige ist das Umdenken in den Köpfen. Kleinere Veränderungen bringen große Effekte. Bei Neubauten ist keine Regenwasser-Einleitung ins Mischwassersystem mehr vorgesehen – das Wasser muss auf dem Grundstück bewirtschaftet werden. Eine komplette Stadtumgestaltung dauert natürlich Jahrzehnte, aber man muss damit anfangen. Wir arbeiten mit der Senatsverwaltung und den Bezirken zusammen, um überholte Regularien zu ändern. Zum Beispiel bauen die Bezirke derzeit Regenwasserbehälter für die Grünflächenbewässerung, statt als Trinkwasser zu nutzen.
Berlin liegt in einer besonders trockenen Gegend. Sie entnehmen sehr viel Wasser aus der Spree, um Uferfiltration durchzuführen. Allerdings ist die Spree immer wieder im Gespräch wegen Niedrigwasser, deshalb wird eine Elbe-Einleitung diskutiert. Ist das ein Projekt, das aus Ihrer Sicht durchgeführt werden muss?
Vielleicht muss man klarstellen: Die Spree ist in Berlin staugeregelt. Das heißt, wir halten die Wasserstände konstant. Selbst wenn wir wenig Abfluss haben, können wir über Klärwerkseinleitungen mehr Wasser in die Spree geben als wir dann indirekt über Uferfiltrat entnehmen. Das Problem ist also weniger die Menge als die Qualität des Oberflächenwassers.
Was heißt das konkret?
Wenn wir wenig Zufluss haben, dann gibt es auch weniger Verdünnung. Dementsprechend konzentrieren sich möglicherweise Stoffe, die vielleicht doch noch im gereinigten Abwasser sind, auf. Deshalb haben wir natürlich auch ein Interesse daran, dass ein gewisser Mindestabfluss in der Spree vorhanden ist. Insofern sind die verschiedenen Diskussionen zu Überleitungen durchaus sinnvoll. Aber man muss sich das genau anschauen. Zunächst sollte man prüfen, ob wir die Speicher im Oberlauf der Spree ausbauen können. Denn wenn ich Niedrigwasser in der Spree habe, dann werden andere Flüsse wie Elbe, Oder und Neiße wahrscheinlich auch wenig Wasser führen. Außerdem müssten für den Wassertransport viele Pumpen eingesetzt werden, mit entsprechendem Energiebedarf – das sind Ewigkeitskosten. Vielleicht bringen weniger invasive Maßnahmen den gleichen Effekt.
Sauberes Abwasser ist in Berlin nochmal wichtiger als in anderen Regionen Deutschland. Sie gehören ja zu den Vorreitern, was den Bau von vierten Reinigungsstufen betrifft. Wie weit sind Sie mit Ihrem Programm?
Die Flockungsfiltration zur Nährstoffentfernung ist weitgehend umgesetzt. Zusätzlich installieren wir Reinigungsstufen zur Spurenstoffentfernung. Im Klärwerk Schönerlinde bauen wir derzeit eine sehr große Ozonungsanlage mit Filtration. Das Projekt werden wir in zwei Jahren abschließen. Sukzessive werden die anderen Klärwerke folgen. Die weiteren Schritte nehmen wir dort vor, wo der größte Effekt für unsere Wasserwerke zu erwarten ist.
Wie viel Prozent der Trinkwassergewinnung in Berlin basiert denn auf gereinigtem Abwasser?
Der Zusammenhang ist nicht so eindeutig. Man kann nur sagen: Oberflächengewässer haben, wenn sie Berlin verlassen, im Schnitt einen Anteil von elf bis zwölf Prozent gereinigtes Abwasser. Das Oberflächenwasser dient zu 70 Prozent der Ergänzung des Grundwassers. Insgesamt dürfte der Anteil des im Klärwerk gereinigten und dann infiltrierten Abwassers im Trinkwasser im Mittel unter zehn Prozent liegen.
Das Thema Herstellerverantwortung spielt ja in dem Zusammenhang eine große Rolle. Die EU hat eine entsprechende Richtlinie verabschiedet, die nun in nationales Recht umgesetzt werden muss. Allerdings gibt es Klagen dagegen. Wie sind Sie Ihre Signale aus der EU oder aus der Politik?
Eigentlich hat nur Polen Einspruch dagegen erhoben. Wir gehen davon aus, dass die Begründung nicht stichhaltig ist. Auch den Aufschrei über Verteuerungen bei Medikamenten halten wir für verfrüht – man weiß ja noch gar nicht, wie das Fondsmodell ausgestaltet sein wird. Grundsätzlich geht es ja nicht nur um eine finanzielle Entlastung der Kläranlagenbetreiber, sondern auch um eine Steuerungswirkung: Hersteller sollen abbaubare, zielgerichtete Medikamente entwickeln, die besser vom Körper aufgenommen werden.
Sie haben mit dem Berliner Senat einen Partner, der das Thema Wasser auf der Agenda hat. Wie wichtig ist der Masterplan Wasser der Stadt Berlin für Ihre Aktivitäten?
Der Masterplan ist ein sehr guter Rahmen für unsere Aktivitäten. Die Senatsverwaltung hat verschiedene Szenarien durchgespielt, wenn die Spree 50 oder gar 75 Prozent weniger Abfluss hätte. Daraus speist sich unsere Sicherheit: Wir werden im Bereich Spree und Unterhavel keine sinkenden Wasserstände haben, weil wir die Gewässer in Trockenphasen durch gereinigtes Abwasser stützen können. Im Masterplan haben wir zusammen verschiedene Handlungsfelder definiert: Neubau von Wasserwerken, Altlastensanierung, Bewässerungsstrategien, Öffentlichkeitsarbeit. Manchmal ist das alles noch nicht konkret genug, zum Beispiel wer trägt die Verantwortung, wer finanziert die Maßnahmen? Aber der Masterplan ist ein guter Anfang.
Das Interview führte Elwine Happ-Frank.
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