Was hat das TZW bei der Entwicklung der Softwareanwendung zum Risikomanagement genau gemacht?
Gemeinsam mit dem Software-Unternehmen disy Informationssysteme GmbH haben wir eine webbasierte Anwendung entwickelt, die es Wasserversorgern ermöglicht, die Risiken in ihrer Wasserversorgung zu erfassen, zu bewerten und zu dokumentieren. Durch die Einbindung eines WebGIS ist es auch möglich, Risiken, etwa im Einzugsgebiet, kartographisch darzustellen und räumlich differenziert zu bewerten, ohne eine eigene GIS-Software oder Vorwissen zu diesen Anwendungen zu haben. Die Vorgehensweise bildet dabei den internationalen WSP-Ansatz, das Water Safety Plan-Konzept der WHO, ab. Da es aber auch die einschlägigen europäischen und nationalen Normen und Regelwerke, wie die DIN EN 15975-2 oder das DVGW-Merkblatt W 1001 berücksichtigt, erfüllt es auch die künftigen Anforderungen der bis Januar 2023 in nationales Recht umzusetzenden neuen europäischen Trinkwasserrichtlinie.
Wie hätte die Anwendung Wasserversorgern bei den Hochwassern und Starkregenereignissen im Juli geholfen?
Durch den systematisierten Ansatz bei der Einführung eines Risikomanagements werden auch Risiken aufgedeckt, die im Alltagsgeschäft weniger Beachtung finden, weil sie vergleichsweise selten auftreten – wie z. B. Extremwettereignisse. Beispiele für solche Auslöser, wir nennen es im Fachbegriff „gefährdendes Ereignis“, wären die Überflutung von Brunnen oder die Freispülung und der Bruch von Trinkwasser-Transportleitungen.
Für signifikante Risiken wird der Wasserversorger bei der Bearbeitung aufgefordert, bestehende Maßnahmen zur Risikobeherrschung zu überprüfen. Das kann beispielsweise die Überprüfung und Dokumentation von Meldeketten und Havarieplänen umfassen. Wenn keine ausreichenden Maßnahmen zur Risikobeherrschung vorhanden sind, weisen die Auswertungen auf den bestehenden Handlungsbedarf hin.
Allerdings ist neben dem Schadensausmaß die Eintrittswahrscheinlichkeit der zweite Faktor, der die Risikobewertung bestimmt. Extremereignisse waren – bislang – sehr selten. Damit werden sie in der Regel, trotz potenziell gravierender Folgen, beim Risikomanagement für den Normalbetrieb nicht in die höchste Priorität eingestuft. Hier beginnt der Übergang zum sogenannten Krisenmanagement, was auch bedeutet, das „Undenkbare zu denken“. In der Regel können aber nicht für alle erdenkliche Fälle– vom Erdbeben oder Waldbrand bis zum Terroranschlag – konkrete Maßnahmen vorgehalten werden. Zukünftig wird das Zusammenspiel von Risikomanagement und Krisenmanagement auch in der Wasserversorgungswirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen. Denn durch den Klimawandel verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Risiko und Krise. Wasserversorger, die im Normalbetrieb gut aufgestellt sind, um erkannte Risiken zu beherrschen, sind sicher besser vorbereitet, um in Krisen angemessen und rasch reagieren zu können. Eine möglichst reibungslose Einbindung in die Krisenstäbe der Behörden und deren Warn- und Meldeketten ist dabei entscheidend, sodass der Katastrophenschutz möglichst schnell greifen und helfen kann.
Welche Risiken – außer Starkregenereignissen – können Wasserversorger damit noch analysieren?
Das Ziel des Risikomanagements ist es, alle Risiken, die die Wasserqualität beeinträchtigen können, zu erfassen. Zusätzlich können auch Risiken erfasst werden, die die Wassermenge betreffen oder die zu einem Ausfall der Versorgung führen. Dabei können alle Prozessschritte der Wasserversorgung vom Einzugsgebiet über Gewinnung und Aufbereitung bis zu Speicherung und Verteilung betrachtet werden. Der bisherige Schwerpunkt des entwickelten Tools liegt auf dem Einzugsgebiet. Risiken durch Anlagen der Siedlungsentwässerung oder aus der Landwirtschaft können ebenso bewertet werden wie Risiken, die durch fehlerhafte Lieferung von Stoffen für die Aufbereitung oder veraltete Versorgungsleitungen entstehen. Andere methodische Ansätze ermöglichen es, kritische Anlagen und Anlagenteile in einem Versorgungssystem zu identifizieren, sodass mögliche Schwachstellen erkannt werden können.
Können alle Wasserversorger, auch kleinere, das Tool nutzen?
Das Tool ist gerade für kleinere Wasserversorger gut nutzbar. Es ermöglicht eine strukturierte Betrachtung des Systems und fördert eine übersichtliche Dokumentation der Risikobewertung. Gerade bei kleinen Versorgern ist der Aufwand für die Dokumentation im Tagesgeschäft oft eine Herausforderung. Allerdings sollte die Risikoabschätzung transparent erfolgen, denn sie muss ja auch durch Dritte nachvollziehbar sein. Sei es, weil daraus betriebliche Investitionen begründet oder Handlungsbedarf gegenüber Dritten angezeigt werden sollen. Das Tool erspart in der Praxis das umständliche Pflegen von endlos langen Checklisten. Im Idealfall bestätigt das Risikomanagement aber auch, dass die bereits etablierten Verfahren genau die richtigen sind, um die bestehenden Risiken im Griff zu haben.
Das neu entwickelte Tool ist allerdings bislang nur ein praxiserprobter Prototyp. Die zugrunde liegenden methodischen Prozesse und Bewertungssystematiken können jedoch auch nicht-webbasiert erfolgen, sodass sie bereits jetzt ohne das Tool durchgeführt werden können.
Welche Voraussetzungen brauchen sie dafür im Unternehmen?
Um das Risikomanagement durchzuführen braucht es, egal ob mit oder ohne webbasiertem Tool, neben Personalressourcen vor allem die Motivation, aus der Risikoabschätzung einen echten Mehrwert für die Versorgungssicherheit zu ziehen. Für das webbasierte Tool wären zudem ein Internetzugang und die entsprechenden Zugangsdaten erforderlich. Idealerweise sind auch Geodaten zur Gefährdungsanalyse und Bewertung der Schutzwirkung im Einzugsgebiet vorhanden. Gerade kleine und mittlere Unternehmen benötigen eventuell bei der Umsetzung externe fachliche Unterstützung.
Was wird im Folgeprojekt RISK_Plus entwickelt?
Im vom BMBF geförderten und gerade begonnenen Vorhaben RISK_plus soll das Tool zu einem lauffähigen Praxiswerkzeug weiterentwickelt werden, sodass es nach Projektende mit deutlich erweiterten Funktionen und mehr Bedienkomfort den deutschen Wasserversorgern zur Verfügung steht. Im Vordergrund der Entwicklungsarbeiten steht dabei die noch stärkere Berücksichtigung aller Prozessschritte vom Einzugsgebiet bis zur Wasserverteilung. Außerdem sollen vereinfachte Eingangsdaten eingelesen werden können, um so eine software-unterstützte Gefährdungsanalyse vornehmen zu können. Wir denken hierbei an leicht verfügbare Geodaten. Zudem wird das Tool wesentlich um die Aspekte erweitert, die erforderlich sind, um die risikobasierte Probenahme-Planung für die Trinkwasserüberwachung abzuleiten. Diese wird in der neuen europäischen Trinkwasserrichtlinie gefordert. Ziel ist ein automatisierter Import und die Auswertung der vorhandenen Analysedaten. So kann ermittelt werden, welche Parameter seltener beprobt werden können oder anhand von Auffälligkeiten Hinweise auf Risiken geben.
Die Fragen stellte Elwine Happ-Frank. Mehr zu dem Thema finden Sie in der ZfK-August-Ausgabe. Zum Abo geht es hier.



