Prof. Mark Oelmann,
Fachbereich Wirtschaft/Wasser- und Energieökonomik der Hochschule Ruhr West.

Prof. Mark Oelmann, Fachbereich Wirtschaft/Wasser- und Energieökonomik der Hochschule Ruhr West.

Bild: © MoCons

Wo stehen die Wasser- und die Abwasserwirtschaft bei der Digitalisierung? Das bildet der neue HRW-Digitalisierungsindex ab. Dafür haben Prof. Mark Oelmann von der Hochschule Ruhr West (HRW) und sein Team knapp 190 Telefoninterviews mit Wasserver- und Abwasserentsorgern zu ihrem digitalen Status quo geführt. Unterstützt wurden sie dabei von den Verbänden VKU, DVGW und BDEW.

Wie ist die Idee zur Entwicklung des Index entstanden?
Als ich begann, mich mit dem Thema Digitalisierung in der Wasser- und Abwasserbranche auseinanderzusetzen, stellte ich fest, dass es kein allgemeines Verständnis von der Thematik gibt. Deswegen haben wir die Methode der Reifegrad-Stufen und der Gestaltungsfelder angewendet, um die Entwicklung strukturiert abzubilden

Warum haben Sie diesen Ansatz gewählt?
Unser Modell basiert auf einem Ansatz von Acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften), der in vielen anderen Branchen, wie zum Beispiel dem Maschinenbau oder der Luftfahrtindustrie, angewendet wird. Wir haben das Konzept zusammen mit dem IWW Rheinisch-Westfälisches Institut für Wasserforschung, der MOcons GmbH & Co.KG und dem FiR (An-Institut der RWTH Aachen) zunächst für die Wasserversorgung und dann auch für die Abwasserentsorgung adaptiert.

Wie sind Sie dann weiter vorgegangen?
Wir haben vier Gestaltungsfelder für die Digitalisierung identifiziert: nämlich Ressourcen, Informationssysteme, Organisation und Kultur. Diesen Gestaltungsfeldern haben wir jeweils 15 Kriterien zugeordnet. Diese Punkte haben wir in 188 Telefoninterviews mit Branchenvertretern diskutiert und jeweils mit den Stufen 1 bis 6 bewertet. Dabei haben die Interviewteilnehmer sich jeweils nur zu einer Wertschöpfungsstufe – also z.B. Gewinnung oder Netze oder Verwaltung – geäußert, um in rd. 45 Minuten auch einen entsprechenden Tiefgang zu bekommen.

Was ist das Hauptergebnis?
Unsere Untersuchung hat ergeben, dass die Wasserwirtschaft bei vielen Themen schon weit fortgeschritten ist. Eine grundlegende Erkenntnis ist, dass die Unternehmen nicht Spitzenwerte in einzelnen Bereichen anstreben, sondern eine gleichzeitige Entwicklung aller Felder forcieren sollten.

Was sind die Gründe dafür?
Wir haben gesehen, dass Unternehmen durchaus beachtliche Werte in einem Gestaltungsfeld erzielen. Bei einer gleichmäßigeren Entwicklung über alle Bereiche hinweg wären relativ rasch erhebliche Verbesserungen möglich. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, sich als Unternehmen – möglicherweise unter Zuhilfenahme des Reifegradmodells – zunächst die Frage zu stellen, wo es steht, um dann im Sinne einer Strategieentwicklung auch herauszuarbeiten, wie die nächsten Schritte sein könnten und sollten.

Wie definieren Sie (ganz grob) die Stufen?
Digitalisierung fängt nach meinem Verständnis da an, wo Echtzeit-Daten ermittelt werden. Wenn man in regelmäßigen Zeitintervallen Daten erhebt, hat man einen ersten Blick auf das Geschehen. Wenn man die Möglichkeit hat, Ursache/Wirkungsbeziehungen zu ermitteln, dann ist das etwa Reifegrad-Stufe drei. Wenn man in der Lage ist, Prognosen zu erstellen, die dann Grundlage für eine automatische Steuerung des Systems sind, wäre das Reifegrad-Stufe sechs. Davon sind wir in der Wasserwirtschaft aber noch relativ weit entfernt.

Was sind die nächsten Schritte bei der Digitalisierung?
Die Unternehmen sind schon sehr gut darin, Daten zu sammeln. Aber sie gehen davon aus, dass sie in der vorliegenden Form nutzbar sind. Das ist aber oft nicht der Fall. Denn die Datenstränge haben unter anderem Lücken, Messfehler oder Drifts. Für eine Automatisierung der Prozesse müssen die Daten in eine bessere Qualität gebracht werden. Wenn man einmal Maschinelles Lernen oder Künstliche Intelligenz einsetzen will, dann fehlen häufig Datenspuren. Man kann beispielsweise keine präzisen Prognosen für den Zulauf zu einer Kläranlage erstellen, wenn man keine fundierten, kleinräumigen Niederschlagsdaten und/oder Kanaldaten hat.

Zweitens sollte der Datenpool in einer Form vorliegen, der eine reibungslose Zusammenarbeit der Abteilungen im Unternehmen sowie Schnittstellen nach außen ermöglicht. Die Informationen aus dem technischen, dem kaufmännischen und dem Kundenbereich müssen miteinander kombiniert werden können – das wird ein entscheidender Punkt in den nächsten Jahren sein. Außerdem sollte es Schnittstellen geben, mit denen Lieferanten und andere Partner eingebunden werden können. Dabei müssen natürlich auch Sicherheitsfragen berücksichtigt werden, weil es sich ja um kritische Infrastrukturen handelt.

Drittens müssen die Mitarbeiter mitgenommen werden. Die Digitalisierung ist eine Führungsaufgabe, bei der das Management die Belegschaft darauf einschwören muss, das Thema positiv zu begleiten. Die Mitarbeiter müssen sich wertgeschätzt fühlen, denn sie haben oft wertvolle Tipps, wie man die Dinge besser gestalten kann. In dem Prozess wird es sicherlich auch Digitalisierungsverlierer geben. Ziel sollte sein, sie durch Weiterbildung in alternative produktive Verwendung zu bringen.

Eine weitere wichtige Frage ist, wie sich das Unternehmen bezüglich der Digitalisierung aufstellt: wieviel man selbst machen will, wo man möglicherweise mit anderen Unternehmen kooperiert und wo man externe Dienstleister beauftragt. Bei hochspezialisierten Themen wie Künstliche Intelligenz, Virtual Reality oder Blockchain wird man ohne externes Know-how nicht auskommen. Gleichzeitig muss man im Unternehmen gut ausgebildete Mitarbeiter haben, die die Leitung oder in einem ersten Schritt sogar nur die Beurteilung solcher Projekte übernehmen können.

Sie haben jetzt den ersten Digitalisierungsindex erstellt. Wann kommt die nächste Auflage?
Die Realisierung war ein riesiger Kraftakt und weit aufwendiger, als wir zunächst gedacht haben. Wir haben aber auch eine Menge Erfahrungen für die nächste Umsetzung gesammelt. Eine Wiederholung in drei Jahren würde ich für sinnvoll halten. Eine Frage in diesem Zusammenhang ist sicher die Finanzierung. Aber jetzt wollen wir erst einmal sehen, welchen Mehrwert die Branche darin sieht. Schön wäre sicher, wenn wir in einer nächsten Auflage den Abwasserbereich gleichgewichtig zur Wasserversorgung dargestellt bekämen.

Das Interview führte Elwine Happ-Frank

Den "HRW-Digitalisierungsindex für die Wasserwirtschaft" können Sie hier downloaden.

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