Bienenwiese statt Ackerland: Ein Landwirt in der Region Rastatt kann den Boden nicht für den Anbau von Agrarprodukten nutzen, weil er mit PFAS belastet ist.

Bienenwiese statt Ackerland: Ein Landwirt in der Region Rastatt kann den Boden nicht für den Anbau von Agrarprodukten nutzen, weil er mit PFAS belastet ist.

Bild: © Uli Deck/dpa

Von Elwine Happ-Frank

Die Region Rastatt kämpft seit 2013 sowohl technisch als auch juristisch gegen eine Verschmutzung des Grundwassers mit PFAS. Die Ursache ist wohl die Ausbringung von kontaminierten Papierschlämmen auf Feldern. Die Stadtwerke Rastatt filtern seither unter Einsatz von speziellen Anlagen die Belastungen aus dem Trinkwasser.

Die Ausbreitung der PFAS wird regelmäßig gemonitort. Bei neuen Untersuchungen hat sich nun herausgestellt, dass die Verunreinigungen mittlerweile weit großflächiger sind als angenommen.

Das hat das Technologiezentrum Wasser (TZW) auf Basis von aktuellen Tests festgestellt. Das neu berechnete Volumen an Grundwasser hat sich gegenüber der letzten Erhebung mit Daten von 2020 fast verdreifacht, die betroffene Fläche verdoppelt.

Fläche in der Größe des Chiemsees betroffen

Auf der Datenbasis von 2020 kam das TZW noch auf eine verunreinigte Gesamtfläche an Grundwasser von rund 58 Quadratkilometern; das entspricht etwa der Größe des Ammersees. Mit Daten bis Juli 2023 hat sich die betroffene Fläche auf rund 127 Quadratkilometer ausgeweitet. "Die Fläche ist also jetzt eineinhalb Mal so groß wie der Chiemsee, der drittgrößte See Deutschlands", gibt Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der Stadtwerke Rastatt, zu bedenken.

Bei der Volumenabschätzung sind die aktuellen Werte noch bedrückender: Das TZW geht jetzt von rund 490 Millionen Kubikmetern belastetem Grundwasser aus gegenüber 170 Millionen Kubikmetern bei der vorherigen Erhebung. "So viel Trinkwasser verbraucht die gesamte Bevölkerung Baden-Württembergs ungefähr pro Jahr“, veranschaulicht der Stadtwerke-Chef die Zahl.

Prognosen bis 2033

Aktuellen Simulationen, die die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) auf Basis der TZW-Daten angefertigt haben, zeigen die derzeitige Situation für drei verschiedene Tiefenbereiche des Grundwassers und prognostizieren die räumliche Ausdehnung der PFAS-Verunreinigung bis zum Jahr 2033. Die interaktiven Karten können über die Webseiten der LUBW abgerufen werden.

"Für alle Betroffenen ist wichtig, im Vorfeld möglichst genau abschätzen zu können, wie sich in den kommenden Jahren die Schadstoffe im Grundwasser weiterbewegen“, so Ulrich Maurer, Präsident der LUBW. "Deshalb haben wir unsere Prognosen erweitert." Auch in Oberflächengewässern, selbst in Badeseen, sind die problematischen Substanzen nachweisbar, wie der Landkreis Rastatt und der Stadtkreis Baden-Baden ermittelt haben.

Hohe Kosten für die Stadtwerke-Kunden

Die Kosten für die Entfernung der PFAS aus dem Trinkwasser sind horrend. Sie machen bei einem Durchschnittshaushalt in Rastatt bereits mehr als ein Viertel der Trinkwasserrechnung aus, rechnen die Stadtwerke vor. Bei einem Verbrauch von 150 Kubikmetern pro Jahr zahlt man in Rastatt in diesem Jahr 568,76 Euro für Trinkwasser, ohne PFAS wären es 403,50 Euro.

"Ohne PFAS wären die Stadtwerke Rastatt mit Abstand der günstigste Wasserversorger in der Region, weil wir sehr effizient aufgestellt sind", informiert Kaspryk. Das zeige sich auch daran, dass die Preise der Stadtwerke Rastatt selbst mit den Kosten für PFAS im baden-württembergischen Vergleich noch niedrig seien.

Derzeit testen die Stadtwerke Rastatt zusammen mit TZW im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts ZeroPM einen neuen Prozess zur Entfernung der persistenen Stoffe. Im Wasserwerk Rastatt-Rauental wird in einer Pilotanlage ein innovatives hybrides Verfahren eingesetzt. Es kombiniert granulierte Aktivkohle und ein regeneratives Ionenaustauscher-Harz, um sowohl die hydrophoben (schwer wasserlöslichen) als auch die hydrophilen (wasserlöslichen) PFAS zu behandeln.

Der Schlüssel zur Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit dieses Verfahrens liege darin, dass die Lebensdauer der Aktivkohle verlängert wird, stellt das TZW fest. Außerdem soll das Ionenaustauscher-Harz so regeneriert werden, dass so wenig Material wie möglich verwendet wird.

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