Mit der Analyse von historischen Baumdaten wollten die Forscher herausfinden, wie die Wetterextreme der jüngeren Vergangenheit einzuordnen sind.

Mit der Analyse von historischen Baumdaten wollten die Forscher herausfinden, wie die Wetterextreme der jüngeren Vergangenheit einzuordnen sind.

Bild: © dimakp/AdobeStock

Der April 2021 war der kälteste April in Deutschland seit 40 Jahren. Gleichzeitig war der Monat deutlich zu trocken, wie der Deutsche Wetterdienst meldet. Der Regen der letzten Wochen reichte nicht aus, um in tiefe Bodenschichten zu gelangen und dort das Wasserdefizit aus den letzten warmen Jahren auszugleichen. Und mit einem Wetterumschwung mit Sonne und steigenden Temperaturen werden die Böden weiterhin zu trocken bleiben.

Womöglich könnten die Dürren in Deutschland künftig noch extremer ausfallen als in den letzten Jahren. Das berichten Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, jüngst im Fachmagazin "Communications Earth & Environment". „Wir müssen uns darauf einstellen, dass es im Zuge des Klimawandels in Deutschland zu Extremdürren kommen kann, die in der Land- und Forstwirtschaft noch größere Schäden anrichten“, sagt die AWI-Klimatologin und Erstautorin Monica Ionita-Scholz.

Historische Wetterdaten

Um herausfinden, welche Faktoren die Dürren im Detail antreiben, analysierte das AWI-Team Strömungen im Nordatlantik und Luftdruckmuster – also zentrale Faktoren, die das Wetter in Mitteleuropa maßgeblich bestimmen. Und nicht nur das: Die Forschenden werteten auch historische Klimadaten aus dem vergangenen Jahrtausend aus, die Wissenschaftler rund um den Globus auf der Webseite tambora.org zusammengetragen haben. Diese Datensammlung zur Umwelt- und Klimageschichte listet Klimaparameter wie Temperatur, Niederschlag, Stürme oder Überschwemmungen auf, die insbesondere für Deutschland einen prallen Datenfundus liefern.

So stellten die AWI-Forschenden anhand dieser Daten beispielsweise fest, dass es bereits zwischen 1400 und 1480 sowie zwischen 1770 und 1840 auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands Megadürren gab. „Diese jahrzehntelangen Dürreperioden wurden getrieben von einem hohen Niederschlagsdefizit im Übergang von Winter zu Sommer“, sagt Ionita-Scholz. Sie seien vor allem bei schwach schwankenden Ozeanströmungen im Nordatlantik, geringer Sonneneinstrahlung und stabilem Luftdruck über dem Nordatlantik und der Nordsee aufgetreten.

Klima v. Chr.

Diese Megadürren seien aber mit den heutigen Dürreereignissen nicht zu vergleichen, weil derzeit weniger die Niederschläge rückläufig seien, sondern vor allem die Temperaturen steigen. Das habe zur Folge, dass die Verdunstung zunimmt und die Bodenfeuchte dagegen stark zurückgeht, was die Schäden in Land- und Forstwirtschaft auslöst.

Noch weiter zurück in die Vergangenheit ging ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Helmholtz-Zentrums Hereon. Die Wissenschaftler unter Leitung der Universität Cambridge rekonstruierten anhand von Eichenholz historischer Brunnen, Pfahlbauten, Kirchen oder noch lebenden Eichen das Sommerklima zwischen 75 v. Chr. und 2018. Sie erstellten für jede der insgesamt 147 Eichen einen hydrologischen Fingerabdruck, indem sie in jedem einzelnen Baumring die Kohlenstoff- und Sauerstoffisotope analysierten.

Trend von zwei Jahrtausenden

„Da der Kohlenstoffwert von der Photosynthese und der Sauerstoffwert von der Wasserversorgung abhängt, konnten wir so anhand der Baumringe Rückschlüsse ziehen, wie trocken oder feucht das jeweilige Jahr war“, sagt Sebastian Wagner, Paläoklimaforscher am Hereon und Co-Autor der im Fachjournal "Nature Geoscience" erschienenen Studie. Besonders trockene Sommer waren demnach die Jahre 40, 590, 950 und 1510, besonders feuchte Sommer die Jahre 200, 720 und 1100.

Interessant ist vor allem der Langzeittrend, der sich aus diesen Daten ablesen lässt – und der ist eindeutig: Die Sommer in Europa sind in den vergangenen beiden Jahrtausenden allmählich trockener geworden. „Im Vergleich zu den Temperaturänderungen sind die Änderungen hydrologischer Ereignisse wie Niederschläge und Dürren weitaus komplexer und schwieriger auf Änderungen der anthropogen verstärkten Treibhausgas-Konzentrationen wie CO2 und Methan zurückzuführen. Ein Indiz ist allerdings die Häufung dieser Ereignisse über Mitteleuropa in den letzten beiden Jahrzehnten, wie sie innerhalb der letzten zwei Jahrtausende noch nicht stattgefunden hat“, sagt Wagner.

Ursache muss der Mensch sein

Die Intensität und Dauer der Dürren könne ohne den durch den Menschen verstärkten Treibhauseffekt nur schwer erklärt werden. Auch weitere Ereignisse wie zum Beispiel die Veränderung der Neigung der Erdachse zur Äquatorialebene der Sonne reichen dafür nicht aus. Zudem fallen die Sommer der letzten Jahre besonders auf. „Seit 2015 waren die europäischen Sommerdürren beispiellos trocken“, bilanzieren die Autoren.

Außer der Zunahme der anthropogen bedingten Treibhausgase in den vergangenen 20 bis 30 Jahren konnten aber keine größeren Veränderungen in anderen "Klimaantrieben" – also Einflüssen auf das Klimasystem, die zu Änderungen führen – nachgewiesen werden. „Auch mithilfe von Klimamodellen lassen sich die Anhäufung, die Stärke und die räumliche Ausdehnung der Dürren nicht durch natürliche Klimaantriebe erklären“, sagt Wagner.

Öffentlichkeit nimmt das Problem wahr

In das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit sind die Dürren aber nicht schon 2015, sondern erst seit dem Jahr 2018 gedrungen. Zuvor war oft nur von Trockenheit die Rede. „Dürre klang immer weit weg wie in einer Steppe oder Wüste“, sagt Klimaforscher Andreas Marx, der am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Ansprechpartner für den UFZ-Dürremonitor ist. Erst die persönliche Betroffenheit vieler Kleingärtner und Gartenbesitzer, deren Rasenflächen trotz Bewässerung vertrockneten, und der fehlende Sprit an den Tankstellen entlang des Rheins im Spätherbst 2018 hätten dazu geführt, dass die Gesellschaft aufmerksamer geworden sei. „Seitdem hat sich die Wahrnehmung drastisch verändert“, sagt er.

Auch in diesem Frühling hält laut UFZ-Dürremonitor vielerorts die Dürre bis in tiefere Bodenschichten an. „Bäumen reicht im Gegensatz zu vielen landwirtschaftlichen Kulturen ein nasser Oberboden alleine nicht. Die Wälder gehen aktuell in die vierte Vegetationsperiode mit insgesamt zu trockenen Böden.“ (hp)

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