Forscher müssen vermeintliche Gewissheiten hinterfragen – das ist Teil ihres Jobs. So auch im Fall von Legionellen und Sanitäranlagen. Unter Fachleuten gilt seit Jahrzehnten stehendes Wasser als Hauptrisikofaktor für das Wachstum von Legionellen. Der Lockdown vom Frühling 2020, so wurde befürchtet, könnte zu einer massiven Verbreitung der Legionärskrankheit führen. Viele Großgebäude waren wochenlang nicht in Betrieb, die Trinkwasseranlagen wurden nicht genutzt.
«Stagnation ist nur ein Faktor unter vielen, die sich zudem gegenseitig beeinflussen», bilanziert Frederik Hammes, Forscher der Eawag, jüngste Erkenntnisse der Schweizer Forschungsanstalt. Zweifel daran, wie sich Stagnation tatsächlich auf die Vermehrung von Legionellen auswirkt, weckte eine Untersuchung, die im Rahmen des von Hammes geleiteten Projekts „Legionellenbekämpfung in Gebäuden“ (LeCo) im Frühling 2020 durchgeführt wurde.
Ergebnisse einer breit angelegten Beprobung
Dabei wurde ein großes Gebäude während und nach der Stagnation sowie nach der Spülung und während der Inbetriebnahme beprobt. Das Resultat: Die langfristige Stagnation führte nicht zu einer erhöhten Konzentration der Legionellen, sondern wirkte gar leicht vermindernd. Auch der nachfolgende Minimalbetrieb führte nicht zu einer Vermehrung der Legionellen.
Danach führten Hammes und sein Eawag-Kollege William Rhoads eine große Literaturrecherche durch und kamen zum Schluss, dass die verfügbare Evidenz zu den Auswirkungen von Stagnation auf das Wachstum von Legionellen «komplexer und weniger überzeugend» sei, als bisher dargestellt.
Neue Forschungsaufgaben
Die beiden Eawag-Forscher formulierten deshalb präzise Fragestellungen, die es zu klären gebe und die künftige Studien zu den Auswirkungen des Corona-Lockdowns auf Stagnation und die Verbreitung von Legionellen berücksichtigen müssten. Benötigt werden nicht zuletzt eindeutige Definitionen der stark variierenden Begleitumstände einer Stagnation. «Vor dem Hintergrund der hohen Kosten, die damit verbunden sind, eine Stagnation in Gebäuden zu reduzieren», betont Hammes, «braucht es ein besseres Verständnis aller Variablen, um Empfehlungen an die Verantwortlichen von Sanitäranlagen abgeben zu können.»
Das bedeutet nicht, dass Stagnation unproblematisch wäre. «Sie ist durchaus ein Faktor», so Hammes, «der die Wasserqualität beeinträchtigen kann.» Zu besseren Grundlagen soll nun das Projekt «LeCo» zur Bekämpfung von Legionellen in Gebäuden beitragen, das im März 2020 gestartet wurde. In dem auf vier Jahren angelegten Forschungsprogramm arbeiten unter Leitung der Eawag verschiedene Institutionen multidisziplinär zusammen, um die Thematik umfassend zu bearbeiten. Das großangelegte Vorhaben wird von verschiedenen Schweizer Bundesämtern mit insgesamt 2,5 Mio. Franken gefördert.
Weitläufige Gebäudeinstallationen
Ein Teil des Projekts befasst sich mit der Weiterentwicklung, Optimierung und Standardisierung der Entnahme von Wasserproben in Sanitäranlagen sowie der anschließenden Analyse dieser Proben. Denn eines ist klar: «Gebäudeinstallationen sind ein weitläufiges Ökosystem mit unzähligen Nischen, die sich bezüglich Temperatur, Nährstoffangebot und weiterer Faktoren unterscheiden», wie Franziska Rölli von der Hochschule Luzern sagt, die im Projekt «LeCo» mitforscht.
Dementsprechend stark variieren die Artenzusammensetzung und die Anzahl der Mikroorganismen nicht nur zwischen einzelnen Anlageteilen, sondern auch zwischen ganzen Trinkwasseranlagen. Sowohl bei der Beprobung wie auch der Interpretation der Ergebnisse müsse dies entsprechend berücksichtigt werden, stellen die Eawag-Forscher fest. Für die Bekämpfung von Legionellen in Sanitäranlagen gebe es deshalb keine allgemeingültigen Maßnahmen – gefragt seien maßgeschneiderte, den Umständen angepasste Lösungen. (hp)



