Von Elwine Happ-Frank
Die Einleitungen aus kommunalen Kläranlagen machen im hydrologischen Sommerhalbjahr (von Mai bis Oktober) rechnerisch rund die Hälfte des Neckarabflusses aus. Im ganzen Kalenderjahr liegt der Anteil immerhin noch bei rund einem Drittel, wie das Statistische Landesamt Baden-Württemberg im August mitteilte.
Im Einzugsgebiet des Neckars wohnt rund die Hälfte der Bevölkerung Baden-Württembergs und dort wird ebenfalls rund die Hälfte der kommunalen Kläranlagen des Landes betrieben.
Neben dem Neckar gibt es viele weitere Beispiele. Eine umfassende deutschlandweite Studie des Umweltbundesamtes (UBA) offenbarte bereits 2018 alarmierende Abwasseranteile in deutschen Flüssen.
Die Untersuchung der Fließgewässer im Umfeld von 7550 kommunalen Kläranlagen zeigte erstmals quantitativ, welche Dimensionen das Problem erreicht hat. Besonders betroffen sind Havel, Niederrhein, Maas, Mittelrhein, Main und Ems. Im Rhein haben bei Niedrigwasser 25 Prozent aller Pegel einen Abwasseranteil von über 50 Prozent. In Main, Ems, Weser und Havel beträgt der Anteil 30 bis 50 Prozent.
Bedeutung für das Trinkwasser
Die Ergebnisse haben erhebliche Relevanz für die Trinkwassergewinnung, da etwa 17 Prozent über Uferfiltration oder künstliche Grundwasseranreicherung aus Oberflächengewässern stammen.
Erhöhte Klarwasseranteile in Oberflächengewässern stellen laut der detaillierten Studie, die von Jörg E. Drewes, Professor an der TU München für das UBA durchgeführt wurde, per se kein unmittelbares Gesundheitsrisiko dar, wenn die sogenannte 50-Tage-Linie für Grundwasserentnahme eingehalten wird. Die Bodenpassage könne pathogene Keime zuverlässig inaktivieren.
Problematisch werden jedoch polare organische Spurenstoffe wie Pharmaka-Metabolite, Pflanzenschutzmittel-Rückstände und Industriechemikalien, die biologisch schlecht oder gar nicht abbaubar sind. Diese können nach der Bodenpassage in höheren Konzentrationen im Rohwasser auftreten.
Die Studie zeigt: Überschreitungen des gesundheitlichen Orientierungswertes – ein Richtwert, den das UBA für die Unzahl an belastenden Stoffen festgelegt hat – können immer wieder auftreten. Und zwar sowohl bei niedrigen Uferfiltratanteilen (unter 20 Prozent) mit hohen Abwasseranteilen (über 50 Prozent) als auch bei hohen Uferfiltratanteilen (50 bis 100 Prozent) mit moderaten Abwasseranteilen (um zehn Prozent).
Besonders kritisch wird die Situation, wenn erhöhte Abwasseranteile über mehr als vier Wochen anhalten. In diesem Fall stellen sich entsprechende Spurenstoffkonzentrationen auch in den Förderbrunnen ein – insbesondere bei Fließzeiten von deutlich unter 50 Tagen im Grundwasser.
Im Zuge des Klimawandels werden Abwasseranteile in deutschen Oberflächengewässern weiter zunehmen, warnt die Studie. Längere Trockenperioden und veränderte saisonale Abflussdynamiken werden das Problem verschärfen. Dies wird sowohl für den ökologischen und chemischen Zustand der Gewässer als auch für die Trinkwasserversorgung eine noch größere Rolle spielen.
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