Von Andreas Lorenz-Meyer
Hitze, Dürren, Starkregen, Hochwasser - im Zuge des Klimawandels treten Extremereignisse häufiger auf und werden heftiger. Wie sich dagegen wappnen? Das seit 2021 laufende, von der EU geförderte Projekt "ARSINOE" versucht, neun besonders stark betroffenen europäischen Regionen zu einer künftigen Klimaresilienz zu verhelfen. Arsinoe ist eine Innovation Action zur Umsetzung des European Green Deal. Das heißt, es geht um Forschung, vor allem aber um die Anwendungsmöglichkeiten, die zur Klimaresilienz und so zur Erreichung der Ziele des Green Deals beitragen.
Die Metropolregion Athen muss etwas gegen Hitzewellen tun, das südwestenglische Devon County besser auf Sturmfluten vorbereitet sein. Eine weitere Fallstudie ist der "Bayerische Main". Die Leitung hat das Department für Geografie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Die Landesgruppe Bayern des Stadtwerke-Verbands VKU bringt als Projektpartner ihre Expertise in Fragen der Daseinsvorsorge und ihre Kontakte in der Region ein. In der Fallstudie geht es um das bayerische Main-Einzugsgebiet, genauer um dessen künftiges Wasserressourcen-Management. Wie mit der Ressource Wasser umgegangen wird, betrifft ja im Grunde alles: Natur, öffentliche Wasserversorgung, Wein- und Gemüseanbau, Häfen, Wasserkraftwerke.
Abflussmengen in Fließgewässern gehen zurück
Das Einzugsgebiet des Flusses umfasst weite Teile Frankens – nicht nur den Uferstreifen, sondern das ganze Gebiet, aus dem Wasser ober- und unterirdisch in den Main gelangt. "Eine vulnerable Region", so Ralf Ludwig, Professor für Angewandte Physische Geografie und Umweltmodellierung an der LMU. Die Folgen des Klimawandels seien bereits deutlich spürbar. Hitzetage und längere Trockenphasen haben im sowieso schon relativ niederschlagsarmen Nordbayern zugenommen.
Die Abflussmengen in Fließgewässern gehen zurück, die Grundwasserpegel sinken weiträumig. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen und verstärken. Wie hart es die Region in Zukunft trifft, zeichne sich immer klarer ab. "Wir wissen: Das Wasserdargebot sinkt, der Wasserbedarf steigt. Bei allen Unsicherheiten, die langfristige Projektionen zwangsläufig begleiten, gibt es einen klaren Trend, der rasches Handeln erfordert."
Für den Umgang mit den nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels brauche es eine durchdachte Klimaresilienz-Strategie - und zwar eine von allen Akteuren gemeinsam erarbeitete. Das ist ein zentrales Element von Arsinoe. Das Projekt richtet sich am "WEFE-Nexus"-Ansatz (Water, Energy, Food, Ecosystems) aus.
Dieser spiegelt wider, dass alles – Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelsicherheit sowie Ökosysteme – untrennbar miteinander verbunden sind und interagieren. Entsprechend müssen Wechselwirkungen zwischen den Sektoren Wasserwirtschaft, Energiewirtschaft und Lebensmittelerzeugung in künftigen Strategien mitgedacht werden - sonst ist jede Klimawandelanpassung zum Scheitern verurteilt. Kurzum: Insellösungen bringen nichts, branchenübergreifend abgestimmte Initiativen sind gefragt.
Gemeinsamer Blick in die Zukunft
Diesem Grundsatz folgt das "Reallabor Bayerischer Main", ein Teil der Fallstudie. Zu Beginn mussten alle wichtigen regionalen Akteure an einen Tisch gebracht werden. "Wir hatten uns vorab überlegt, welche Branchen betroffen sind und uns dazu auch die Einschätzung von Personen geholt, die fest in der Region verwurzelt sind", so Gunnar Braun, Geschäftsführer der VKU-Landesgruppe Bayern. Nach diesem "Stakeholder-Mapping" wurden die Einladungen zu Workshops verschickt: an Kommunalwirtschaft, Industrie, Landwirtschaftsverbände, Naturschutzorganisationen, Bürgerinitiativen, Forstwirtschaft, Fischerei und Schifffahrt, Umwelt- und Landwirtschaftsverwaltung.
Die branchenübergreifenden Workshops bauten aufeinander auf. Zuerst ging es darum, ein gemeinsames Problemverständnis zu schaffen: Was kommt klimatisch auf das Main-Einzugsgebiet zu? Welche Akteure sind wie betroffen? Im weiteren Verlauf tauschten sich die Teilnehmer über ihre Erfahrungen mit saisonaler Wasserknappheit aus und arbeiteten sich von Workshop zu Workshop tiefer in die Materie ein. Schließlich wurde es konkret. Man entwarf eine gemeinsame "Zukunftsvision", wie ein klimaresilientes Main-Einzugsgebiet im Jahr 2050 aussehen soll und welche Entwicklungspfade dorthin führen.
Schwammlandschaften können Wasser speichern
Im Reallabor wurden gleich Dutzende Vorschläge gesammelt, welche Maßnahmen machbar und sinnvoll sind. Unter anderem fand ein digitales Wasserkataster sowie ein dazu passendes Messregime breite Zustimmung. Es zeigt auf, wann wo durch wen wie viel Wasser entnommen wird. Weitere Maßnahmen zielen direkt auf Wasserschutz und Rückhalt ab. Schwammlandschaften zum Beispiel: Sie sind explizit dafür gedacht, Niederschlagswasser in Boden und Grundwasser zwischenzuspeichern.
Im künftigen, von Trockenheit und Dürren unter Druck gesetzten Wasserhaushalt sorgen sie so für Entlastung. Einmal, indem sie die Grundwasserneubildung fördern, weil der Niederschlag im Boden versickert und nicht abfließt. Zweitens dienen sie bei Trockenheit und Dürre als Wasservorratskammern. Obendrein sind sie ein effektiver Schutz vor Starkregenereignissen und Hochwasser.
Ein Thema im Reallabor waren auch mögliche Interessenskonflikte. Bestimmte Anpassungsmaßnahmen sind bei manchen Akteuren eher unpopulär. Beispiel Wasserschutzgebiete: Um die öffentliche Trinkwasserversorgung bei Hitze, Dürren und sinkenden Grundwasserpegeln stabil zu halten, müssen künftig unter Umständen neue Schutzgebiete geschaffen oder bestehende vergrößert werden. Landwirte können diese Bereiche dann nicht mehr klassisch bewirtschaften, Unternehmen dürfen dort keine Rohstoffe abbauen.
Lässt sich dennoch ein Interessenausgleich herstellen? Dafür braucht es einen grundlegenden Bewusstseinswandel und langfristiges Denken, so Braun. "Das Interesse der Bevölkerung an einer sicheren Wasserversorgung muss schwerer wiegen als das Profitstreben Einzelner."
Politische Rückendeckung
Zur deutschen Fallstudie gehörte auch ein Innovationswettbewerb, es gab Kooperationen mit ausländischen Partnern. So wurden in einer Governance-Analyse gemeinsam mit der Universität Tours Aspekte des Ressourcen-Managements vertieft. Nun läuft Arsinoe im September aus, mit einem Abschlusstreffen in Würzburg. Die Erkenntnisse aus vier Jahren Projektarbeit müssen noch für alle neun Fallstudien zusammengefasst und Empfehlungen für die Europäische Kommission formuliert werden.
"Der Einstieg ist geschafft", sagt Braun zur Fallstudie "Bayrischer Main". "Wir haben ein branchenübergreifendes Netzwerk aufgebaut. Viel stärker als vor vier Jahren ist nun allen bewusst, dass gemeinsame Lösungen notwendig sind und keine Alleingänge." Jedoch sei Eile geboten: Wenn die Region bis 2050 klimaresilient werden will, muss es die Umsetzung jetzt beginnen.
Für "echte Lösungen" brauche es sektorenübergreifende und zudem interkommunale Kooperationen, schließlich mache Wasser nicht an Verwaltungsgrenzen Halt. Politische Rückendeckung ist genauso notwendig. Deswegen waren bei der Fallstudie auch Ministerien, Verwaltung und Landes- und Kommunalpolitik dabei. "Klimaanpassung benötigt eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung. Das Thema steht jedoch in Konkurrenz zu anderen drängenden Themen. Hier muss die Politik finanziell Prioritäten setzen, durch gezielte Vorsorge Schäden vermeiden und Chancen für eine Steigerung der Resilienz nutzen."
Braun schlägt vor, dass staatliche Hilfen, etwa zur Beseitigung von Hochwasserschäden, künftig auf eine veränderte Flächengestaltung abzielen. Wo vorher versiegelte Flächen waren, sollte neuer Raum für Wasserrückhalt und Versickerung geschaffen werden. Und noch ein Aspekt: Nicht nur das bayerische Main-Einzugsgebiet, alle Regionen Deutschlands müssten sich ja auf den Klimawandel vorbereiten. Das sei Grund genug, Reallabore künftig flächendeckend im ganzen Land durchzuführen.



