Ziel ist es, eine neuartige höherdimensionale Optimierung aller Komponenten in Nah-Echtzeit – sprich unter einer Minute – zu entwickeln.

Ziel ist es, eine neuartige höherdimensionale Optimierung aller Komponenten in Nah-Echtzeit – sprich unter einer Minute – zu entwickeln.

Bild: © Dmitri/AdobeStock

Bild: © procilon GROUP

Herr Metzger, Sie arbeiten bei Procilon, einem Unternehmen, das als führend bei AS4-Dienstleistungen gilt. Im Oktober startet die AS4-Umstellung der Sparte Gas. Die Umstellung in der Sparte Strom lief ja überwiegend in den ersten drei Monaten des Jahres 2024 ab. Wie waren denn Ihre Erfahrungen bei der AS4-Umstellung von Strom bundesweit?
Thomas Metzger, Verantwortlicher EVU Markt DACH
: Am Ende war es tatsächlich ziemlich hektisch. Das hatte mehrere Gründe: Marktteilnehmer haben andere Marktteilnehmer mit selbstgesetzten Fristen nervös gemacht, so dass es heterogene Meinungen gab, wann die Umsetzung jetzt wirklich geschehen muss. Diese Lernkurve hat sicherlich jeder AS4-Dienstleister mitgemacht. Inzwischen ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten. Der Prozess etabliert sich und jeder, der AS4 macht, ist froh, dass es jetzt umgesetzt wurde. Es scheint aber immer noch Marktteilnehmer zu geben – auch wenn es nur wenige sind – die, Stand heute, kein AS4 umsetzen, obwohl es seit dem 1. April dieses Jahres verpflichtend ist.

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Herr Hoffmann, Sie vertreten bei Procilon die technische Consulting-Sicht, wie lief die Umstellung bei Strom aus Ihrer Sicht ab?

Hoffmann: Uns ist aufgefallen, dass viele Softwarehersteller relativ spät an das Thema herangegangen sind. Wir haben schon vor dem 1. Oktober allen Anbietern Interoperabilitätstests angeboten, bei denen man testen konnte, ob die Kommunikation über den neuen Weg funktioniert. Das waren dann gerade mal eine Hand voll Softwarehersteller, die das mit uns proben wollten und dann kam der 1. Oktober … Viele waren dann erstaunt, dass die Übertragung mittels AS4 nicht geklappt hat. Der Gesamtmarkt ist somit relativ spät in den Umstellungsprozess eingestiegen.

Erschwerend hinzu kamen Unschärfen in der AS4-Profilierung des Verbands BDEW. Da ist es nur zu verständlich, wenn Softwarehersteller das individuell auslegen. Dies hat dann bei vielen dazu geführt, dass sie gesagt haben, wir machen das anders, wir interpretieren das so. Das hat wiederum die Umsetzung sehr erschwert. Für die Zukunft wünschen wir uns, dass solche Regelungen oder Vorgaben – auch in Hinblick auf neue Transportprozesse – exakter ausformuliert werden. Der Markt braucht genaue Vorgaben, wie was umzusetzen ist und daran muss sich dann auch jeder halten. Das wollen wir Softwarehersteller dem BDEW auch noch einmal ganz klar kommunizieren.

Metzger: Auch hatten wir gehofft, die Zusammenarbeit mit der Bundesnetzagentur noch intensiver gestalten zu können. Um die Umstellung für den Markt bestmöglich vorzubereiten und einzuleiten, hatten wir AS4-Dienstleister – die Procilon und ein großer Teil ihrer Marktgänger – uns in einer Arbeitsgruppe des Edna Bundesverbands Energiemarkt und Kommunikation zusammengetan. Leider wurden unsere Verbesserungsansätze und -vorschläge, die von allen Mitwirkenden als positiv für den gesamten Markt betrachtet wurden, am Ende vom Regulierer zwar zur Kenntnis genommen aber nicht in die Umsetzungsdokumente übernommen.

Hoffmann: Und dadurch, dass alle erst so spät angefangen haben, war es am Schluss – also die vergangenen drei Monate vor der Umstellung am 1. April – eine intensive und anstrengende Zeit für uns und alle Marktteilnehmer. Das will die Branche eher nicht noch einmal durchleben. Deswegen hoffen wir, dass es bei Gas besser laufen wird.


Wie sieht es denn bei der Umstellung von Gas am 1.10. bzw. verbindlich am 1. April 2025 aus?
Hoffmann: Diejenigen, die schon AS4 für Strom umgesetzt haben, haben ihre Lektion gelernt. Technisch gesehen ist es keine neue Herausforderung. Aber diejenigen, die nur Gasversorger sind, bringen auch an der ein oder anderen Stelle wieder eine gewisse Nervosität in den Markt. Man merkt, dass das Thema AS4 für sie Neuland und somit mit einem Unsicherheitsfaktor versehen ist.


Also, wird es bei Gas besser laufen?
Hoffmann
: Ja, und dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens, wie bereits gesagt, ist das Transportmedium jetzt überwiegend bekannt. Nur für die ganz Neuen wird es noch herausfordernd.
Und inzwischen haben sich natürlich viele Prozesse – wie die Zertifikatsbeantragung eines AS4-Zertifikatstriple bei einem SM-PKI-Trustcenter – eingeschliffen. Das geht inzwischen deutlich schneller als zu den Anfangstagen von AS4. In dieser Zeit hat es oftmals sehr lange gedauert, bis wir das Zertifikat überhaupt erhalten haben. Mit der Sparte Gas kommen natürlich pro Tag mehrere Millionen neue Nachrichten auf unsere Plattform, aber wir haben mittlerweile genügend Erfahrungen im Betrieb, um möglichen Ressourcenproblemen vorbeugen zu können.


Worin liegt denn eigentlich der Unterschied von Mail und AS4 und warum war es so wichtig, AS4 zu etablieren?
Hoffmann
: Mit der Übertragung per E-Mail lief es bisher so, dass man Daten in ein schwarzes Loch geworfen hat und keinen Rückkanal hatte. Man wusste also nicht, ob die Nachricht beim Empfänger überhaupt angekommen ist. Bei AS4 ist das komplett anders. Es unterhalten sich hier dediziert zwei Systeme, und zwar das System des Absenders und das des Empfängers. Es wird hier eine verbindliche Kommunikation aufgebaut, für die sich die Teilnehmer am Energiemarkt authentifizieren müssen. Dazu werden AS4-Zertifikate genutzt. Sobald die Verbindung aufgebaut ist, kann der Kommunikationspartner meine Nachricht entschlüsseln, meine Signatur prüfen und so auch die Integrität der Daten sicherstellen. Und der Sender erhält eine Empfangsbestätigung in Form eines Reports. Damit ist die Zustellung verbindlich. Ich baue eine Verbindung auf, übergebe etwas und bekomme noch in der gleichen Verbindung eine Empfangsbestätigung (NRR) zurück.


Was war für Procilon die größte Herausforderung bei der Umstellung? 
Metzger:
Was uns ein bisschen überrascht hat – und das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau –, war die schiere Anzahl derjenigen, die sich für uns als AS4-Dienstleister, -Partner oder -Lieferant entschieden haben. Das Thema war ja per se für fast alle Kunden Neuland.  
Viele haben sich kurz vor dem 1. April noch für uns als AS4-Dienstleister entschieden. Aber, das muss man auch sagen, wir haben jeden pünktlich AS4-ready gemacht. Und viele zufriedene Kunden haben uns natürlich weiterempfohlen.


Was heißt das konkret in Zahlen?
Hoffmann: Wir haben bei Strom mehrere hundert Unternehmen mit Marktrollen im vierstelligen Bereich, die nun dank unserer Lösung per AS4 mit anderen Marktteilnehmern kommunizieren. Das ist ein großer Anteil am Gesamtmarkt und das haben wir so nicht erwartet. Ressourcentechnisch war es am Anfang daher eine ziemliche Herausforderung. Wir hatten zu Spitzenzeiten mehrere hundert Zertifikatsanträge über unsere Plattform in Bearbeitung.


Und wie sieht es bei Gas aus?
Metzger
: Wir sind komplett im Zeitplan. Die ersten Kunden haben schon mit dem Onboarding – sprich Zertifikate beantragen – begonnen. Alles, was man für Strom schon unternommen hat, muss man jetzt nochmal mit Gas durchleben.
Vieles haben wir auch nochmal optimiert. Die Strom-Kunden, die auch Gas-Kunden sind, sind daher relativ entspannt. Sie wissen schon, wie es läuft.

Die Kunden, die nur in der Sparte Gas aktiv sind, müssen wir natürlich – genau wie seinerzeit die Strom-Kunden – erst in die neue AS4-Welt einführen. Begrifflichkeiten, wie Certificate Policy, Kryptographie-Modul, HSM, Smart Meter, PKI, etc., die für uns zum Alltag gehören, sind für viele Gas-Kunden noch komplettes Neuland.

Hoffmann: Ich hoffe, wir haben nicht wieder so eine zeitliche Konzentration auf einige wenige Wochen, wie bei Strom. Aber es gibt hier auch deutlich weniger Kunden als im Strommarkt. Wir schätzen, dass am Ende Marktrollen Gas im oberen dreistelligen Bereich bei uns auf der Plattform landen werden.


Und was dürfen wir künftig für Produkte von Ihnen erwarten?
Hoffmann: Unser Markt wird durch die Regulierung getrieben und hier wird es im nächsten Jahr neue Anforderungen geben. Erstmals werden dann Webservices dafür genutzt, Datenabfragen unter Marktteilnehmern durchzuführen. Zum Beispiel: „Gib mir alle Daten für die Marktlokation XY“. Dann erfährt man schnell und unkompliziert den Namen, die Telefonnummer und den jetzigen Lieferanten. Das soll die Kommunikationsprozesse noch einmal etwas beschleunigen. Über den Webservice wird die Anfrage dann direkt aus dem angeschlossenen Fachsystem heraus beantwortet werden können. Ein Lieferantenwechsel wird so innerhalb von 24-Stunden abgeschlossen. Wenn es um das „Next Big Thing“ bei der Kommunikation am Energiemarkt geht, werden das deshalb API-Webdienste sein.

Metzger: Wir sagen aber auch immer, „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Wir kümmern uns um alles rund um Kommunikation und deren Sicherheit in den Prozessen. Es ist gut, wenn jeder das macht, was er gut kann. Wir haben, aufgrund unserer Erfahrung, eine Plattform geschaffen, die keine Blackbox ist. Unsere Kunden können transparent einsehen, was in ihrer AS4-Welt passiert: Welche Marktpartner mit ihnen verbunden sind, wie viele Nachrichten sie verschickt haben. Wir sind außerdem – mit den steigenden Anforderungen – an sich unbegrenzt skalierbar. Sowohl in puncto Nachrichtenvolumen als auch in puncto Marktrollen sind wir mittlerweile sicherlich eine der größten AS4-Plattformen am Markt. Wir haben eine Service-Plattform konzipiert, die für unsere Kunden ein „All Inclusive“-AS4-Paket bietet.


Und wer sind überhaupt Ihre Kunden?
Metzger: Schon allein die hohe Anzahl der Kunden, die unsere AS4-Plattform nutzen, sorgt für ein heterogenes Kundenbild. Sprich, wir haben welche, die nur ein paar Nachrichten im Monat per AS4 verschicken und andere, die Millionen Nachrichten pro Monat versenden. Jeder findet sich auf dieser Plattform wieder.

Hoffmann: Jeder der möchte, darf sich an unsere Plattform anschließen und bekommt die entsprechende Unterstützung. Ziel unserer Kunden ist eine sichere und schnelle Kommunikation, und das können wir gewährleisten, indem wir ihnen eine sehr performante und einfach zu integrierende Plattform bereitstellen.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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