Herr Höllen, die Telekom steht in der Kritik in einigen Gebieten bereits vorhandene Glasfaserleitungen zu überbauen. Dies hat zuletzt der Bundesverband Glasfaser (Buglas) bemängelt. Wieso entscheidet sich Ihr Telekommunikationsunternehmen zu diesem Schritt?
Thilo Höllen: Wir überbauen nicht, wir bauen. Wir modernisieren unser Netz. So wie das von einem Netzbetreiber erwartet wird. Im Herbst 2012 haben wir Vectoring als Brückentechnologie auf dem Weg ins Glasfaserzeitalter eingeführt. Dafür haben wir Glasfaser bis zu den Verteilerkästen ausgebaut und das letzte Stück in die Haushalte per Vectoring überbrückt. Für diese vermeintliche Verzögerung wurden wir lange und heftig kritisiert. Nun kommt die Brückentechnologie, wie von uns angekündigt, an ihr Ende und wir machen genau das, was viele von uns gefordert haben: Wir vollenden die Glasfaserleitungen in unserem Netz und binden dafür auch die letzte Meile von den Verteilerkästen in die Häuser und Wohnungen mit Glasfaser an. Das kommt für niemanden in der Branche überraschend. In diesem Jahr wollen wir bis zu drei Millionen Haushalte anschließen.
Wieso möchten Sie ihr Netz auch in den Gegenden „vollenden“, wo bereits Glasfaserleitungen von anderen Unternehmen liegen? Wäre es nicht auch für die Telekom wirtschaftlicher ihre Produkte über das fremde Netz anzubieten, anstatt extra neue Leitungen zu verlegen?
Höllen: Ein Glasfasernetz zu bauen, ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind ein sauberer Betrieb und ein zuverlässiger Service. Der Glasfaserausbau in Deutschland wird derzeit von einer bunten Mischung von regionalen Anbietern, Stadtwerken oder Investoren-Companys umgesetzt. Das Ergebnis ist ein Glasfaser-Flickenteppich mit regional unterschiedlichen Graden von Qualität, Service und Nachhaltigkeit. Im Übrigen auch mit einem unterschiedlichen Grad an Verlässlichkeit. An unserer Servicequalität haben wir lange gearbeitet. Und wir müssen sie auch von unseren Partnern erwarten können. Hier sind leider bei weitem nicht alle Anbieter auf einem akzeptablen Niveau unterwegs.
Außerdem muss man auch betonen, dass nach der Entscheidung der Bundesnetzagentur vom Juli 2022 die Telekom bei einem Glasfaserausbau verpflichtet ist, freie Kapazitäten in ihren Leerrohren anderen Wettbewerbern zugänglich zu machen. Umgekehrt gilt das nicht. Und wo wir schon über Umkehrung sprechen: Auch die Telekom erlebt doppelten Ausbau dort, wo wir bauen oder einen Ausbau schon angekündigt haben. So wie jüngst quasi direkt vor unserer Haustür in Bonn, wo die Westconnect parallel zu uns bauen wird. Das ist normaler Wettbewerb.
Also ist es ein gegenseitiges Hauen und Stechen. Wäre da nicht der Open-Access-Ansatz ein guter Lösungsweg? Auch Bundesdigitalminister Volker Wissing hat sich dafür nun vermehrt ausgesprochen. Was bräuchte es aus der Telekom-Perspektive, damit die Telekommunikationsunternehmen besser miteinander kooperieren und vermehrt diesem Ansatz folgen?
Höllen: Open Access wird beim Infrastrukturwettbewerb oft wie ein Zauberwort in die Diskussion geworfen. Aber es gibt dafür noch nicht einmal eine feste Definition. Unsere Wettbewerber haben sich auch nach vielen Jahren immer noch nicht auf einheitliche Kriterien einigen können, was genau als Open Access gilt. Möglicherweise fürchten sie, dann auf Preise und Qualität festgelegt zu werden. Open Access zu regulatorisch definierten Bedingungen gibt es nur bei der Telekom. Wir jedenfalls sind immer offen für Kooperationen und wir kooperieren auch bereits in hohem Maße. Münster, Bochum, Coburg, die Region Stuttgart – das sind nur einige Beispiele von vielen Kooperationen, die wir bereits haben. Für eine erfolgreiche Kooperation ist es wichtig, dass die Bedingungen stimmen. Das betrifft die Netzqualität und die Servicequalität. Unser Service arbeitet 24/7 und auch bei einem Störungsfall am Sonnabend um 21 Uhr müssen unsere Kundinnen und Kunden einen Ansprechpartner haben. Und genauso betrifft das auch den Preis. Eine Zusammenarbeit ist dann unrealistisch, wenn ein Anbieter für das Vorleistungsprodukt von uns einen höheren Preis verlangt, als er in seinem Retail anbietet. Das erleben wir leider auch und das ist logischerweise keine Basis für eine Kooperation.
Meine Abschlussfrage: Sie bemängeln die Servicequalität von anderen Telekommunikationsunternehmen, weshalb die Telekom sich stellenweise bevorzugt auf ihre eigenen Fähigkeiten verlässt. Können auch die Stadtwerke, welche die Daseinsvorsorge in vielen Bereichen sichern und gewährleisten, ihren Ansprüchen nicht gerecht werden?
Höllen: Das kann man nicht pauschal sagen. Viele Stadtwerke leisten auch bei der Netzinfrastruktur gute Arbeit. Das sehen Sie an unseren Kooperationen mit Stadtwerken, wie gerade jüngst im schwäbischen Nürtingen. Die Stadtwerke Nürtingen bauen bis 2029 schnelle Glasfaseranschlüsse bis in die Häuser und die Telekom wird das Netz betreiben. Wir schauen uns immer die Gegebenheiten vor Ort an und entscheiden auf dieser Grundlage, inwiefern für unseren Netzausbau auch Kooperationen ein guter Weg sein können.
Das Interview führte Adrian Gun.



