Herr Borries, Sie befürchten künftig eine angespannte Stromversorgungslage und damit auch lokal begrenzte Stromabschaltungen. Stellen die Mitglieder des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastrukturen (BSKI) solche länger andauernden Ausfälle inzwischen vermehrt fest?
Walter Borries, Stellv. Vorstandsvorsitzender BSKI: Ja, die Befürchtungen nehmen zu. Am Beispiel der angespannten Stromsituation am Sonntag, den 15. Januar von 17:00 bis 19:00 Uhr in Baden-Württemberg, zuvor schon am 7. Dezember, sieht der BSKI mit Sorge, dass selbst an einem späten Sonntagnachmittag/frühen Abend, wenn die Industrie und das Gewerbe keine so hohe Stromnachfrage wie in der Werkwochenzeit aufweist, es zu mutmaßlichen Stromengpässen kommt.
Es sollen trotz einem Überangebot von Windenergie in Deutschland 15. Januar um diese Zeit ca. 50 GW Leistung für Baden-Würrtemberg zu wenig Strom vorhanden gewesen sein, ein Defizit in Höhe eines normalen konventionellen Kraftwerkes von rund 0,5 bis 0,7 GW Stromerzeugung lag vermutlich vor. Überraschender Weise sollen noch um 16.00 Uhr etwa 2,3 GW Strom nach der Schweiz transportiert worden sein. Man vermutet, dass keine ausreichende Netzleitungskapazität von den Windgewinnungsanlagen im hohen Norden nach Süden mehr vorlag und kostenintensive Redispatch-Maßnahmen nötig waren.
Zugleich zeigt sich, wie kompliziert eine "24/7" sichere Stromversorgung geworden ist und das in Zukunft lokal begrenzte Stromabschaltungen für wenige Stunden – ein sogennanter "Brownout" – mit einer sehr kurzen Vorwarnzeit von nur 12 bis max. 18 Minuten denkbar und notwendig werden, um einen größeren flächendeckenden Blackout zu verhindern.
Kurzfristig sehen wir zwar keine "Blackout-Gefahren", die deutsche Stromversorgung ist weiterhin sehr sicher, auch wenn der SAIDI-Wert für 2021 eine um ca. 18 Prozent gestiegene längere Stromausfallzeit gegenüber 2020 (SAIDI Wert 2021: 12,7 Minuten, 2020 waren nur 10,73 Min).
Der BSKI hat schon vor Jahren von der Gefahr gesprochen, dass die Stromnetze "perspektivisch instabiler" werden, und speziell die Ausfallzeiten für Stromausfälle unter drei Minuten – im SAIDI-Wert nicht erfasst – zunehmen.
Unter dem Aspekt, dass es in der recht komplexen Stromerzeugung zu Mangellagen kommt, das heißt im Winterhalbjahr Flaute bei Wind auf See und Landflächen vorherrscht, und die Tageshelle sehr begrenzt ist, und wenn dann noch in den hellen Tagesstunden Nebel hinzu kommt und zeitgleich bei geringen Gasmengen zur Verstromung noch erhebliche Nachfragen aus dem Ausland, zum Beispiel Frankreich, bei dort ausfallen Kernkraftwerken, Strom von Deutschland erhöht nachgefragt wird, dann könnte es durchaus zu einem Blackout kommen.
Wie lassen sich Stromausfälle vermeiden?
Jeden Tag und zu jeden Stunden leisten die Mitarbeiter in den Netzleitwarten eine "Top-Arbeit" und versuchen den optimalen Ausgleich zwischen Verbrauch und Leistung durch Kraftwerke und Erneuerbare Energie (EE). zu erreichen
Eine Strategie wäre es auf der einen Seite, hohe Verbräuche frühzeitig besser zu erkennen und die Verbraucher zu Sparmaßnahmen zu bewegen. Gut lässt sich dies an dem möglichen Einsatz von elektrisch betriebenen Heizgeräten verdeutlichen, die in 2022 massenhaft gekauft wurden und bei einem Heizungsausfall in einer Gasmangel-Lage, so geschätzt, von etwa 1 Mio. Bundesbürger zeitgleich ans Netz gehen würden. Diese Spitzenlast würde das Stromnetz in einer angespannten Versorgungslage Strom – wie oben schon angesprochen, bei Windflaute und frühe Dunkelheit im Winter und/oder Nebel – so nicht verkraften.
Der andere Punkt wäre, dass man eine ausreichende Strommenge über 24 Stunden jeden Tag und sieben Tage die Woche zur Verfügung hat. Besonders in den dunklen Morgenstunden und am Nachmittag im dunklen Winterhalbjahr liefern die "EE" mit Solar nur eine sehr geringe Leistung, und wenn dann auf See und Festland Windstille herrscht dann kann die installierte Leistung von ca. 110 GW (Gigawatt) avon den EE nur einen sehr gering Anteil an der Stromerzeugung liefern (zeitweise nur 1 bis 2 Prozent und unter 5 Prozent anstelle 30 bis 40 Prozent zur Mittagszeit im Sommer und bei Wind!).
Vom Ergebnis müssen dann die klassischen Kraftwerke mit Steinkohle und Braunkohle liefern sowie relativ schnell Gaskraftwerke hochgefahren werden und die fehlende Leistung von "EE" ausgleichen bzw. zu ergänzen. Zu den genannten Tageszeiten kann der Anteil von Gaskraftwerken (in den Morgen- und Abendstunden) teilweise bis zu 24 Prozent ausmachen (Jahresdurchschnitt bei ca. 13 Prozent). Fällt eine ausreichende und sichere Gasversorgung weg, etwa durch Ausfall der Norwegen - Gas - Pipeline ähnlich dem von North Stream 1, dann steht Gas nicht mehr ausreichend zur Verstromung zur Verfügung.
Als weiterer Punkt wären erfolgreiche Cyberangriffe auf Netzleitwarten oder zeitnahe Terroranschläge auf mehrere Umspannwerke und Höchstspannungsleitungen (400 KV - 220 KV) in Deutschland, quasi eine asymmetrische Bedrohung von außen.
Die volatilen EE (Wind und Solar) bieten leider keine "24/7-Stromversorgungssicherheit" so dass derzeit konventionelle Kraftwerke, vorrangig Kohlekraftwerke (Braunkohle mit 20,4 Prozent, Steinkohle 11,5 Prozent, Jahreswerte für 2022 nach Schätzungen des Verbands BDEW) aber auch noch das wenige Gas in Gaskraftwerken (Anteil: 13,5 Prozent) benötigt werden. Kernenergie (AKW) wird mit 5-6 Prozent als Grundlast an der Stromversorgung vermutlich über den Zeitraum Mitte April 2023 (Laufzeitende laut Ampel) noch weiter benötigt werden.
Zu den Punkten, die das BSKI fordert gehört auch Vernunft orientiertes Stromsparen. Was ist damit gemeint? Wie könnten Bürger zu Stromsparen angeregt werden
Durch regelmäßige Appelle zum Stromsparen, wie es teilweise der Präsident der Bundesnetzagentur, Herr Klaus Müller, in den Medien schon getan hat, aber auch durch finanzielle Anreize, dass zu bestimmten Zeiten der Strom günstiger wird und nicht alle Waschmaschinen ab 17:00 am Abend, sondern durch intelligente System zu Zeiten in der Nacht laufen können, ließen sich Reduzierungen des Verbrauchs erzielen. Gleiches gilt für das Laden von E-Autos, die in naher Zukunft bis zu 30 Mio. Fahrzeuge und mehr ausmachen sollen, die nicht alle ab 17:00 Uhr aufgeladen werden.
Das Thema "Massenhafter Einsatz von elektr. "Heizlüftern" habe ich bereits vorher ausgeführt.
Wie könnte der Ausbau der Stromleitungstrassen beschleunigt werden?
Der BSKI sieht die dringende Notwendigkeit, einen verstärkten Ausbau der EE bis 2030 (Ziel: 80 Prozent Stromgewinnung aus EE) zu forcieren und dass bis spätestens 2045 Deutschland klimaneutral wird. Dazu wird es aber nötig sein, verstärkt Windparkflächen und Solaranlagen – zum Beispiel auf Gebäuden – auszubauen und die baulichen Genehmigungsfristen zu verkürzen. Derzeit warten über 1000 gebaute Windräder auf eine bauliche Zulassung.
Dies gilt ebenso für einen raschen Ausbau von Stromleitungstrassen kommend aus dem hohen Norden nach dem Süden der Republik. Dies muss in einem größeren Maße als zuvor geschehen, sonst werden die genannten Problemfälle auf die Tagesordnung kommen. Die Genehmigungszeiten müssen – ähnlich wie den LNG-Terminals, wo es positiv umgesetzt wurde – deutlich verkürzt werden.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



