Herr Plais, wie schätzen Sie die Notwendigkeit und das Potenzial für IT-Unternehmen ein, ihre Emissionen zu senken?
Der digitale Sektor ist derzeit für vier Prozent der globalen Kohlenstoffemissionen verantwortlich. Das ist mehr als die zivile Luftfahrt weltweit ausstößt. Vor allem große Unternehmen haben ihren Shareholdern jedoch angekündigt, bis zum Jahr 2030 „Netzero“ zu sein. Und auch große Versorgungsunternehmen, Kommunen und Verbände stehen vor der Herausforderung, ihre Organisation umweltverträglich für die Zukunft aufzustellen.
Sie müssen praktische Wege finden dies umzusetzen. Es reicht nicht aus, die CO2-Emissionen bilanziell auszugleichen, sondern es geht darum, die Emissionen im IT-Bereich wirklich zu reduzieren. Häufig wollen digitale Teams praktische Fortschritte bei der Dekarbonisierung machen, wissen aber nicht, wie sie das anpacken sollen.
Welche Möglichkeiten bieten Sie hier über Ihre Plattform an?
Viele Unternehmen und Organisationen betreiben heute eigene Server. Diese sind aber häufig nur zu 15-40 Prozent ausgelastet, um für Peaks Server-Kapazitäten bereitzuhalten, die aber die meiste Zeit gar nicht gebraucht werden. Das verursacht nicht nur unnötig hohe Emissionen, sondern ist auch teuer. Wir stellen unseren Kunden eine virtuelle, effiziente Cloudstruktur als Platform as a Service zur Verfügung, über die sie ihre zahlreichen Websites und Webapplikationen ganz einfach entwickeln, betreiben und skalieren können.
Wir kooperieren hierbei mit den Datenzentren führender Serveranbieter. Hierdurch können wir die Anwendungen unserer Kunden dann skalieren, wenn es wirklich nötig ist. Das spart Energie und damit Emissionen und Kosten.
In welchem Umfang können Ihre Kunden Serverkapazitäten und Emissionen einsparen?
Laut einem unabhängigen externen Audit werden von platform.sh-Kunden aufgrund unserer High-Density-Anwendungen bis zu 12-mal weniger Serverkapazitäten genutzt. Bis zu 5 Tonnen CO2 können sie so monatlich einsparen.
Als Multi-Cloud-Anbieter bieten wir unseren Kunden auch die Möglichkeit, ihre Daten und Dienste in Rechenzentren in Regionen zu verlagern, die überwiegend erneuerbaren Strom nutzen, beispielsweise in Schweden oder in Quebec. Über ein Dashboard können unsere Kunden zudem ihre Cloud-Emissionen transparent nachvollziehen und verwalten.
Wie sieht es denn mit dem CO2-Fußabdruck ihres eigenen Unternehmens aus?
Seit unserer Unternehmensgründung im Jahr 2015 setzen wir auf das weitgehende Arbeiten im Homeoffice. Hierdurch liegt der CO2-Fußabdruck unserer über 320 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in weltweit 37 Ländern pro Kopf bei nur rund 300 kg jährlich, was vergleichsweise sehr wenig ist. Zudem sind wir auch in verschiedenen Klimaschutzinitiativen wie dem Artic Climate Act engagiert, nehmen am Zertifizierungsprozess von B Corp teil und haben im Unternehmen eine eigene Umweltbeauftragte.
Welche weiteren Vorteile bietet die Nutzung ihrer Plattform, neben Emissions- und Energiekosteneinsparungen?
Wir reduzieren für unsere Kunden die Komplexität beim Management ihrer Web-Infrastruktur und optimieren deren IT-Prozesse. Sie können sich stärker auf die Entwicklung von Anwendungen oder die Optimierung der Benutzerfreundlichkeit konzentrieren. Zudem verbessern wir die Performance von Anwendungen und Webseiten und helfen dabei Probleme bei der IT-Sicherheit präventiv zu erkennen und zu beheben.
Insgesamt ermöglicht die Nutzung unserer Plattform Kunden Kosteneinsparungen von mehr als 65 Prozent im Bereich ihrer Entwicklungs- und Betriebsteams, den Rechenzentrumsressourcen sowie den Energiekosten, wie eine Analyse von Forrester Research zeigt. Hier schlummert also ein enormes Potenzial für mehr Effizienz. Gerade Unternehmen, Organisationen oder öffentliche Auftraggeber, deren Kundenserviceprozesse enorm wichtig sind, profitieren davon.
Wie entwickelt sich denn die Nachfrage?
Sehr dynamisch, es ist eine gute Zeit für uns. Steigende Energiepreise und Kostendruck, IT-Fachkräftemangel, die wachsende Komplexität der Cloud-Infrastruktur, der Zeitdruck bei der Markteinführung neuer Anwendungen sowie das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen wirken hierbei zusammen. Wir haben gerade unsere jüngste Finanzierungsrunde mit über 100 Millionen US-Dollar an zusätzlichem Kapital abgeschlossen. Investoren sehen ein enormes Potenzial für unser Unternehmen.
Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein



