
Mit Aktif und Lynqtech hat die ZfK zwei weitere Software-Häuser in ihren ERP-Überblick aufgenommen. Denn ERP-Systeme, also Enterprise-Resource-Planning-Systeme, werden immer vielfältiger und müssen sich unter anderem auch flexibler auf neue Abrechnungsfälle einstellen können, sagt etwa Michael Kopetzki, Partner Energy & Consulting bei PwC Deutschland.
„Der Markt ist stark getrieben durch Erweiterungen und die Veränderung bei den Versorgern. Wir gehen zunehmend weg von der reinen Abrechnungs-Software für Commodities hin zu komplexen Energiedienstleistungen in einem kompletten Paket, so Kopetzki im ZfK-Interview (dieses können Sie in der aktuellen Print-Ausgabe für den August lesen).
Abkürzungen
BI = Business Intelligence (Geschäftsanalytik), BKM = Bilanzkreismanagement , CRM = Customer Relation Management (Kundenbeziehungsmanagement), EDM = Energiedatenmanagement, GIS = Geoinformationssysteme, HES = Head End System, MaKo = Marktkommunikation, MDM = Meter Data Management (Zählerdatenmanagement), OEM = Original Equipment Manufacturer (Erstausrüster), PFM = Portfoliomanagement, (SM)GWA = (Smart-Meter)-Gateway-Administration, ZFA = Zählerfernauslesung.

Was ist neu?
Wir haben daher vor allem nach der Anbindung der ERP-Anbieter zu Drittanbietern und das Non-Commodity-Angebot in einem Extra-Teil gefragt. Doch auch im regulären Teil gibt es einige Neuerungen und Aktualisierungen. Etwa wie groß der größte Kunde des jeweiligen Anbieters ist, ob Sonderthemen wie Business-Process-Mining, Künstliche Intelligenz, mobiles ERP oder RPA angeboten werden.
Interessant waren auch die Einschätzungen der Anbieter, ob sie einen Trend zur Cloud bei ERP-Systemen erkennen.
On-Premise oder Cloud?
Die SIV.AG etwa erkennt diesen Trend zur Cloud vor allem bei neuen Projekten. Derzeit sind noch etwa 40 Prozent der Anwender bei SIV.AG bei On-Premise-Lösungen. Weitaus mehr On-Premise-Kunden hat SDK, hier sind es 90 Prozent. „Die Cloud wird kommen – dauert aber noch einige Jahre“, so die Einschätzung von SDK-Geschäftsführer Ewald Kopf.
Genauso verhält es sich bei Somentec: „Noch nutzt der überwiegende Teil der Kunden XAP. Als Eigeninstallation, etwa 10 Prozent greifen darauf als SaaS-Lösung zurück.“ Die Nachfrage tendiere eindeutig zu Lösungen mit integriertem Hosting bzw. Cloud-Lösungen. Für XAP. Ist eine Cloud-Version für 2025 geplant.
Zwar nutzen bei MSU Solutions 70 bis 80 Prozent der Kunden noch On-Premises-Lösungen, aber der Trend zur Cloud verstärke sich. Die Rhenag hingegen bietet erst gar keine On-Premise-Lösung an. Alle Kunden befinden sich demnach in der „rhenag private cloud“. Ebenso verhält es sich bei Powercloud, hier werden nur vollständige Cloud-Lösungen angeboten.
Gründe für On-Premise
Bei Wilken ist die Cloud in Zeiten von sinkenden Margen – vor allem durch die Standardisierung – ein wichtiges Themen. Die Wilken Software Group verfolgt dabei einen hybrid Ansatz, da man weiterhin den Bedarf von individuellen On-Premise-Lösungen sehe und diese auch von deren Kunden größtenteils genutzt und geschätzt werde. Hier spielen auch IT-Sicherheit und Datenschutz eine wichtige Rolle.
Gründe für Cloud
Aktif-Kunden, die On-Premise nutzen, werden immer geringer, der Anteil liegt derzeiet schon unter 50 Prozent. Demgegenüber erfreut sich die Plattform „AKITF smart&easy“ zunehmender Beliebtheit, erklärte Aktif. Bei iS Software nutzen noch die Hälfte der Kunden On-Premises-Lösungen. „Aufgrund der hohen Anforderungen bei der Umstellung der Marktkommunikation AS4 und die Zunahme von Hackerangriffen gehen wir aber davon aus, dass die meisten unserer Kunden in den nächsten zwölf Monaten in unsere iS Software Cloud wechseln werden. Wir bereiten uns gerade auf dieses Szenario vor“.
Bei dem Softwareriesen SAP werden überwiegend die cloudbasierten Lösungen nachgefragt. Auch bei Schleupen gibt es einen klaren Trend Richtung IT-Betrieb in der Cloud und nach Software-as-a-Service (SaaS). „Schon heute wird Schleupen.CS immer häufiger im Rechenzentrum betrieben, auch wenn rund 50 Prozent unserer Kunden die IT noch On-Premises nutzen“. Schleupen will seine Cloud-first-Strategie noch weiter vorantreiben. Hier gehe es nicht mehr nur um den Betrieb eines eigenen Rechenzentrums, sondern um die Nutzung großer moderner Hyperscaler sowie um die Nutzung von Schleupen.CS als Software-as-a-Service.
Auch Lynqtech spricht sich klar für die Cloud aus: „Dabei geht es nicht nur um Kosten, Effizienz oder Schnelligkeit. Der Innovationspfad des gesamten Unternehmens und der Innovationspfad der IT sollten hier im Sinne eines IT-Business-Alignment eng zusammengeführt werden. Notwendige Modernisierung ist mit Hilfe der Cloud einfacher.“ Zudem biete die Cloud ideale Voraussetzungen für Hochverfügbarkeit und Business Continuity Management. Nicht zuletzt lassen sich so teure On-Premises-Cybersecurity-Systeme einsparen, die in der Cloud vollständig als Services bereitgestellt würden, so Lynqtech.
Potenziale für ein erfolgreiches Geschäftsfeld
Nachgefragt, bei welchen Geschäftsfeldern die Anbieter große Möglichkeiten für Ihre Kunden sehen, antwortete Powercloud, dass man dies vor allem bei Lösungen zur Abwicklung von ganzheitlichen Energielösungen (wie Bundle aus Strom, PV, Speicher, Wallbox) erkenne. Hinzu kommen flexible Cloud-Abrechungslösungen samt standardisierter Marktkommunikation.
Die Rhenag sieht vor allem Potenzial in Non-Commodity-Prdoukten und Automatisierung von Prozessen mit Hilfe von RPA. Auch die SIV.AG bewertet Non-Commodity als größtes Potenzial für Energieversorger. Wilken verweist auf einen starken Trend in der Verschmelzung von Wohnungs- und der Energiewirtschaft.
„Hier ergeben sich interessante Ansätze und Wachstumspotenziale für neue und zukunftsfähige Geschäftsfelder, die langfriste eine wichtige Komponente im Portfolio der EVUs werden. Vor allem die Heiz- und Nebenkostenabrechnung und Mieter- und Quartiersstrom ist hier besonders interessant und bietet einen Einstig in das Geschäftsfeld“, so Wilken.
Alles in allem würden jedoch immer mehr Energieversorgungsunternehmen die Flexibilität benötigen, sich schnell und kosteneffizient in neuen Geschäftsfelder auszuprobieren.
Mix unterschiedlicher Produkte gefragt
Bei Aktif waren auf der E-World Prozesse zur Direktvermarktung und neue Geschäftsmodelle wie Mieterstrom oder BTR am stärksten gefragt . „Es zeichnet sich ab, dass Anbieter mit einem guten Mix von unterschiedlichsten Produkten rund um Energie wohl die größten Erfolgschancen haben – von der Belieferung bis zur Dienstleistung, von Modellen der Direktvermarktung bis hin zu Ladesäulen-Konzepten und BTR-Aktivitäten.“ Wichtig sei es, den Kunden ins Zentrum zu stellen.
SDK sieht in Energiegemeinschaften, EDM und Non-Commodity die größten Potenziale. Während bei Somentec das eigene Kundenportal am meisten nachgefragt wurde, sieht der IT-Anbieter das größte Potenzial für lohnende Geschäftsfelder in der Abrechnung von Redispatch.
Bei MSU Solutions wird vor allem die Lösung msu.energie365, msu.wasser365 und msu.wärme365 stark nachgefragt. Der Anbieter kommt hier auf 400.000 ERP-Kunden. Einen Riesensprung verzeichne auch die MSU-eMobilitäts-Plattform M8MIT, die aktuell jedes Jahr um 300 Prozent wachse.
Kunden verlangen nach mehr Service
Lynqtech verweist darauf, dass durch die aktuelle Situation im Energiemarkt neben Fragen zur Senkung der cost-to-serve auch die Flexibilität der Produkt und Preisgestaltung zunehmend in den Vordergrund rückt.
„Die Unsicherheit der Endkunden führt zu starken Anstieg im Serviceaufkommen. Es werden daher immer mehr Omnichannel-Ansätze erfragt“, so die Erfahrung von Lynqtech. Und weiter: „Einige Versorger erleben derzeit, dass viele Kunden zurück in die Grundversorgung fallen. Viele laufen hier an ihre Kapazitätsgrenzen“. Aus Sicht von Lynqtech müssen die Prozesse von Anfang bis Ende vernetzt werden, um eine größtmögliche Effizienz zu generieren. (sg)
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