Dr. Diana Warnecke ist Account Executive North & Central Europe Energy & Water.

Dr. Diana Warnecke ist Account Executive North & Central Europe Energy & Water.

Bild: © Oracle

Diana Warnecke verantwortet bei Oracle das Utility-Geschäft in Nord- und Zentraleuropa. Im Interview spricht sie über den deutschen Energiemarkt, Cloud, Marktkommunikation, KI und die Frage, warum viele Stadtwerke ihre IT-Landschaften neu ordnen müssen.

Frau Warnecke, Oracle war im deutschen Energiemarkt lange eher im Hintergrund sichtbar. Was hat Oracle hierzulande vor?

Wir werden den Markt erobern, unter anderem mit Billing. Aber es geht nicht nur um Billing. Für uns spielen auch Field Service, Asset Management und Netzmanagement eine große Rolle. Dazu gehören DERMS und ADMS, also Systeme, mit denen sich dezentrale Energieressourcen und Netze besser steuern lassen.

Der Hintergrund ist klar: Die Energiewirtschaft verändert sich massiv. Es gibt mehr erneuerbare Erzeugungsanlagen, mehr Wärmepumpen, mehr Ladepunkte und künftig deutlich mehr Daten aus intelligenten Messsystemen. Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch Digitalisierung und KI. Diese Entwicklungen müssen zusammengebracht werden. Genau dort setzen wir an.

Viele verbinden Oracle noch mit Datenbanken. Ist dieses Bild überholt?

Die Zeiten, in denen Oracle nur für Datenbanken stand, sind definitiv vorbei. Die Datenbank war eine brillante Basis des Unternehmens. Aber heute bieten wir deutlich mehr. Wir haben Lösungen für Abrechnung, Kundenprozesse, Netzmanagement, Field Service, Asset Management, Analytics und KI.
Oracle war in diesem Bereich lange nicht so laut. Wir haben vieles einfach gemacht, aber nicht immer offensiv darüber gesprochen. Deshalb war im deutschen Markt vielen nicht bewusst, wie breit wir inzwischen aufgestellt sind. Die aktuelle PwC-Studie zu ERP-Systemen war für uns auch deshalb wichtig, weil unser Angebot dort unabhängig eingeordnet wurde. Im Zuge der Studie wurde sehr genau geprüft, welche Funktionen Oracle für Energieversorger abdecken kann – von Billing über Datenmanagement und Analytics bis hin zu KI-Funktionen. Das war für uns eine gute Möglichkeit, unsere Rolle im Utility-Markt sichtbarer zu machen.

Warum ist der deutsche Energiemarkt für Oracle gerade jetzt interessant?

Weil der Druck in den Unternehmen enorm ist. Viele Stadtwerke müssen ihre IT-Landschaften neu ordnen. Es geht nicht nur um ein einzelnes System oder um das SAP-Wartungsende. Es geht um Marktkommunikation, Abrechnung, Smart Metering, § 14a EnWG, den 24-Stunden-Lieferantenwechsel, IT-Sicherheit und Fachkräftemangel.

Gerade kleinere und mittlere Stadtwerke geraten dadurch unter Druck. Viele arbeiten mit gewachsenen Eigenentwicklungen, vielen Schnittstellen und On-Premise-Systemen. Gleichzeitig fehlen die Fachkräfte, um diese Landschaften dauerhaft zu pflegen.

Was bedeutet das konkret für die Stadtwerke?

Viele Stadtwerke wissen gar nicht, wo sie zuerst ansetzen sollen. Sie haben gesetzliche Vorgaben, neue Prozesse, knappe Budgets und eine Belegschaft, in der sehr viel Wissen in den nächsten Jahren in den Ruhestand geht. Wenn dann noch viele individuelle Schnittstellen und Eigenentwicklungen dazukommen, wird es schwierig.

Mit Standards und Cloud-Lösungen lassen sich solche Prozesse deutlich vereinfachen. Updates zur Marktkommunikation müssen dann nicht mehr in jedem Haus manuell eingespielt werden. Das kann automatisiert laufen. Das entlastet gerade kleinere Stadtwerke erheblich.

Sie sprechen die Cloud an. Viele Netzbetreiber und Stadtwerke sind bei Cloud-Lösungen wegen KRITIS und IT-Sicherheit zurückhaltend. Können Sie diese Skepsis nachvollziehen?

Ja, natürlich. Energieversorger und Netzbetreiber sind kritische Infrastrukturen. Da muss man sehr genau hinschauen. Gleichzeitig sehen wir, dass die Anforderungen so komplex werden, dass klassische Betriebsmodelle an Grenzen kommen.

In der Cloud kann man Prozesse beschleunigen, Sicherheitsupdates schneller umsetzen und gesetzliche Änderungen standardisiert einspielen. Das heißt nicht, dass es hundertprozentige Sicherheit gegen Cyberangriffe gibt. Die gibt es nirgends. Aber Oracle hat historisch einen sehr starken Fokus auf Sicherheit. Wir investieren sehr viel in Architektur, Datenhaltung und abgesicherte Cloud-Modelle. Das ist gerade für KRITIS-Unternehmen ein zentraler Punkt.

Oracle arbeitet mit Robotron und Conuti zusammen. Welche Lücke schließt diese Partnerschaft?

Für den deutschen Markt ist die Marktkommunikation entscheidend. Genau dort setzen Robotron und Conuti an. Wir sind sehr glücklich, hier Partner zu haben, die diese speziellen Anforderungen abdecken können. Es geht um Abrechnung, gesetzliche Neuerungen, Marktprozesse und regulatorische Anpassungen.

Gerade die Marktkommunikation verändert sich ständig. Wenn neue Vorgaben kommen, müssen sie schnell ins System. Für Stadtwerke ist es ein großer Vorteil, wenn solche Änderungen automatisiert und standardisiert verarbeitet werden können. Das schafft eine Brücke zwischen IT-System und energiewirtschaftlichem Alltag.

Oracle wirbt auch mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz. Wo sehen Sie die wichtigsten Anwendungsfälle für Stadtwerke?

Es gibt viele Anwendungsfälle. Predictive Maintenance, Netzprognosen, Demand Response, Kundensegmentierung, Lagermanagement und Callcenter-Entlastung gehören dazu. Auch digitale Zwillinge der Netzinfrastruktur werden wichtiger.

Der Charme liegt darin, dass KI Fehler schneller sichtbar machen kann. Wenn Prozesse manuell laufen, schleichen sich Fehler ein. KI kann helfen, Abweichungen zu erkennen, Muster zu analysieren und Mitarbeitende zu entlasten. Das ist besonders wichtig, weil viele Stadtwerke personell unter Druck stehen.

KI funktioniert aber nur, wenn die Prozesse verstanden sind. Deshalb starten wir in der Regel mit einer Prozessanalyse. Was ist gesetzlich erforderlich? Wo sind die Engpässe? Welche Schnittstellen verursachen Aufwand? Wo kann Standardisierung helfen? Erst danach kommt die Technologie.



Wie läuft eine Migration bei Oracle typischerweise ab?

Einen Durchschnittswert kann man kaum nennen. Wir haben in Deutschland mehr als 1000 Energielieferanten. Jedes Unternehmen hat seine eigene Historie, seine eigenen Prozesse und seine lokalen Besonderheiten. Das ist auch völlig legitim.

Oracle rentiert sich vor allem dort, wo Unternehmen viele Schnittstellen reduzieren möchten. Wir begleiten aktuell ein Stadtwerk, bei dem acht unterschiedliche Systeme ersetzt werden. In solchen Projekten merken die Unternehmen schnell: Weniger Schnittstellen bedeuten weniger Aufwand. Natürlich gibt es am Anfang eine Lernkurve. Aber danach werden die Vorteile sichtbar.

Der bekannteste deutsche Kunde in der Energiebranche ist Enercity. Gibt es weitere Energieversorger, mit denen Oracle im Gespräch ist?

Ja, wir führen intensive Gespräche und sind in einigen Fällen auch schon sehr weit. Mehr kann ich dazu im Moment noch nicht sagen. Sobald etwas spruchreif ist, sprechen wir gerne darüber.

Wichtig ist: Es geht in unseren Gesprächen auch um Distributed Energy Resource Management System, kurz DERMS. Solche Systeme helfen Netzbetreibern, dezentrale Anlagen wie Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpen oder Ladepunkte zu überwachen und netzdienlich zu steuern. Hinzu kommen Field Service und Asset Management. Ohne Digitalisierung und KI wird diese Komplexität kaum zu beherrschen sein.

Welche Ziele hat Oracle in den nächsten drei Jahren im deutschen Energiemarkt?

Wir wollen die Energiewende unterstützen und Digitalisierung in der Energiewirtschaft voranbringen. Für mich ist die Energiewirtschaft die Basis allen Wirtschaftens. Wenn sie nicht funktioniert, funktioniert auch vieles andere nicht.

Ein Thema, das aus meiner Sicht stark an Bedeutung gewinnen wird, ist die Flexibilität von Rechenzentren. Durch Smart Metering, KI und Digitalisierung entstehen enorme Datenmengen. Diese Daten müssen verarbeitet werden. Dafür brauchen Rechenzentren eine sichere und möglichst nachhaltige Energieversorgung. Gleichzeitig können Speicher, erneuerbare Energien und bidirektionale Ladeinfrastruktur helfen, Flexibilität bereitzustellen.

Ist das schon ein Thema für Stadtwerke?

Ich glaube, es kommt in den nächsten Jahren deutlich stärker auf die Agenda. Viele Stadtwerke haben derzeit andere große Pakete zu bewältigen. Aber die Frage, wie Digitalisierung, KI, Rechenzentren und Energieversorgung zusammenhängen, wird wichtiger.

Wir sehen international bereits Projekte, in denen Rechenzentrumsbetreiber sagen: Wir bauen nur dort, wo die Energieversorgung gesichert ist. Das ist auch eine Standortfrage für Deutschland und Europa. Wenn wir Digitalisierung wollen, müssen wir die Energieversorgung mitdenken. Das kriegen wir nur gemeinsam hin.

Trotz aller Herausforderungen klingen Sie sehr optimistisch.

Ja, ich bin grundsätzlich positiv. Aber ich bin auch überzeugt von dem, was ich mache. Natürlich ist die Lage komplex. Aber es ist machbar. Viele Stadtwerke stehen unter großem Druck, das sehe ich sehr deutlich. Gerade deshalb müssen wir ihnen helfen, Prozesse zu vereinfachen, Standards zu nutzen und schneller handlungsfähig zu werden. Deutschland hat es wirklich nötig, bei diesen Themen voranzukommen.



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