Künstliche Intelligenz ist im Energiesektor längst kein Hype mehr – aber auch noch kein Standardbetrieb. 2026 entscheidet sich, ob Stadtwerke und Netzbetreiber den Sprung von einzelnen Pilotprojekten zu einer konsistenten, strategisch gesteuerten KI-Nutzung schaffen. Der Axxcon-Partner Maik Neubauer skizziert, wo die größten Hebel liegen – und wo die Risiken.
KI ist da – aber noch unsystematisch
KI ist seit 2023 in der breiten Wahrnehmung angekommen. In der Energiebranche steht der tatsächliche Einsatz jedoch noch am Anfang. Für Neubauer ist klar: Der bloße Einsatz von Tools wie ChatGPT oder Copilot bedeutet noch keine sinnvolle Nutzung von KI.
Viele Energieversorger wüssten zwar, dass KI Prozesse beschleunigen könnte. Gleichzeitig fehle häufig aber ein klares Konzept. Stattdessen werde mit verschiedenen Anwendungen in unterschiedlichen Bereichen experimentiert, ohne vorab eine übergreifende KI-Strategie oder einheitliche Datenstrukturen festzulegen.
"Ohne eine KI-Gesamtstrategie und klare Daten-Governance besteht die Gefahr, sich in Einbahnstraßen zu bewegen", sagt Neubauer. Einzelinitiativen ließen sich dann nicht zu einem Gesamtbild zusammenführen, das nachhaltigen Mehrwert schafft.
Wo KI 2026 den größten Mehrwert bringt
Bei Stadtwerken sieht Neubauer den größten Hebel im Kundenservice sowie in Vertrags- und Tarifprozessen. Chatbots und KI-Agenten seien hier bereits auf dem Weg zum Standard. Gleichzeitig entstünden durch Smart Meter, HEMS-Systeme und digitale Zwillinge immer mehr Daten, die sich gezielt für Kundenbindung nutzen ließen.
Besonders wichtig werden sogenannte Flexumer-Strategien. Also Angebote für Kundinnen und Kunden mit PV, Wärmepumpe, Speicher oder E-Auto. Hier könne KI helfen, individuelle Lösungen zu entwickeln und gleichzeitig Wettbewerbsvorteile gegenüber reinen Commodity-Anbietern zu schaffen.
Im Netzbetrieb wiederum werde KI zum Treiber für Smart Grids. "'Smart' ohne KI ist heute nicht mehr smart", sagt Neubauer. Künftig werde KI in Echtzeit Tarife berechnen und Kunden auf Basis ihrer individuellen Anlagenkonfiguration optimierte Energieflüsse vorschlagen – mehrfach im Monat, statt einmal im Jahr.
Gleichzeitig warnt er vor zu großen Erwartungen. Deutschland sei bei flexiblen Demand-Response-Systemen noch weit entfernt von einem integrierten Gesamtsystem. Erste Schritte wie Vehicle-to-Grid seien zwar erkennbar, doch der große Durchbruch stehe noch aus.
Datenqualität als Fundament
Für Neubauer ist Datenqualität die zentrale Voraussetzung für jede erfolgreiche KI-Initiative. Ohne saubere, strukturierte Daten und klare Governance bleibe KI Stückwerk.
In vielen Stadtwerken seien Daten historisch gewachsen, über zahlreiche Systeme verteilt und durch moderne Tools wie Microsoft 365 oder Teams zusätzlich fragmentiert. "Es ist fast unmöglich, KI effizient auf ein gewachsenes Daten-Chaos aufzusetzen", so Neubauer.
Bevor technische Konsolidierung beginnt, brauche es daher eine klare Datenstrategie. Relevante Informationen müssten zudem "KI-fähig" gemacht und so aufbereitet werden, dass Algorithmen Zusammenhänge erkennen können. Datensicherheit bleibe dabei ebenso zentral – sowohl aus Compliance- als auch aus Schutzgründen.
KI ist Chefsache
Organisatorisch fordert Neubauer eine stärkere zentrale Steuerung. KI dürfe nicht als reines IT-Thema behandelt oder auf einzelne Fachbereiche verteilt werden.
"KI ist Chefsache", sagt er. Es brauche ein klares Mandat für ein Team, das KI- und Datengovernance vorantreibt – idealerweise mit direktem Bericht an Geschäftsführung oder Vorstand.
Gleichzeitig bedeute KI tiefgreifende Veränderungen in Prozessen, Organisation und Unternehmenskultur. Schulungen und Change-Management seien unverzichtbar, um Ängste abzubauen und Akzeptanz zu schaffen.
Neue Anforderungen an Mitarbeitende
Neubauer erwartet keinen abrupten Umbruch, sondern eine schrittweise Transformation. Mitarbeitende müssten lernen, mit neuen Plattformen und Datenebenen umzugehen.
KI werde nicht nur Meetings zusammenfassen, sondern zentrale Kernprozesse beschleunigen und Entscheidungen vorbereiten. Klassisches "Herrschaftswissen" in einzelnen Abteilungen werde dadurch an Bedeutung verlieren.
"Trotz aller Widerstände wird es ab 2035 vermutlich kein Stadtwerk mehr ohne KI geben", sagt Neubauer. Entscheidend sei, dass Management und Belegschaft die Transformation aktiv begleiten.
Fazit: Strategie schlägt Experiment
2026 wird kein Jahr des KI-Durchbruchs in der Fläche – aber ein Jahr der Weichenstellungen. Stadtwerke, die KI strategisch angehen, saubere Datenstrukturen schaffen und Verantwortung klar regeln, können früh Wettbewerbsvorteile erzielen.
Wer dagegen weiter auf Einzeltools setzt, riskiert Insellösungen statt nachhaltiger Wertschöpfung.



