Klemens Gutmann, Gründer und Vorstand der Regiocom SE, über die Rolle von künstlicher Intelligenz in der Energiewirtschaft, den Einsatz von Compass AI im operativen Geschäft und über die Unternehmensnachfolge.
Herr Gutmann, viele sprechen über KI als Effizienzwerkzeug. Sie sagen: Ohne KI geht es künftig nicht mehr. Warum?
Die Energiewirtschaft steht vor einer massiven Zunahme an Komplexität. Dynamische Tarife, flexible Erzeugung, Elektromobilität, Wärmepumpen und perspektivisch die Steuerung auf Kundenebene erzeugen ein Geschäftsaufkommen, das mit klassischer Datenverarbeitung kaum noch beherrschbar wäre. Ohne KI würden viele der aktuellen und geplanten Marktmodelle deutlich langsamer, teurer und fehleranfälliger umgesetzt. Aus meiner Sicht gibt es keinen Weg zurück.
Wo entfaltet KI heute den größten Nutzen in der Energiewirtschaft?
Ganz klar in der Kundenkommunikation – und dort in der Sachbearbeitung. Da treffen hohe Fallzahlen auf klar definierte Regeln und Prozesse. KI kann diese Vorgänge schneller, konsistenter und mit geringerer Fehlerquote bearbeiten. Gleichzeitig bleibt der Mensch notwendig, gerade bei Sonderfällen, komplexen Konstellationen und bei der Qualitätskontrolle.
Regiocom bringt mit Compass AI eine eigene KI-Lösung für den Kundenservice an den Markt. Was unterscheidet Ihren Ansatz von anderen Lösungen?
Der zentrale Unterschied ist die Integration. Unsere KI arbeitet nicht als externe Blackbox, sondern ist direkt in die Abrechnungs- und Prozesslandschaft eingebettet. Der Sachbearbeiter bleibt der verantwortliche Agent. Er kann Ergebnisse prüfen, korrigieren und übersteuern. Genau dieses Zusammenspiel ist entscheidend, weil die KI auf diese Weise lernt und gleichzeitig kontrollierbar bleibt.
Entwickelt haben wir Compass AI gemeinsam mit dem KI-Start-up Enneo. Enneo bringt eigene Erfahrung aus dem operativen Energievertrieb mit und kennt die Prozesse aus der Praxis. Dieses Prozesswissen war für uns ausschlaggebend, weil KI im Kundenservice nur dann funktioniert, wenn sie fachlich sauber integriert ist. Wichtig ist außerdem, dass das System erkennt, wann es an seine Grenzen stößt und den Vorgang bewusst an den Menschen zurückgibt.

Wie weit ist Compass AI heute im operativen Einsatz?
Wir sehen aktuell in der schriftlichen Sachbearbeitung eine Zeitersparnis von rund einem Drittel. Das ist ein belastbarer Wert, aber alle Vorgangstypen sind noch nicht abgedeckt. In mehr als 90 Prozent der Standardfälle liegen alle relevanten Daten vor, sodass die KI den Vorgang vollständig vorbereiten oder abschließen kann. Der Ausbau erfolgt schrittweise. Für uns zählt Stabilität mehr als maximaler Zeitdruck.
Datenschutz ist für viele Versorger ein zentrales Thema. Wie gehen Sie damit um?
Wir betreiben die Lösung in einer eigenen Infrastruktur, sehr nah am Abrechnungssystem. Die schützenswerten Daten verlassen unsere Domäne nicht. Dadurch vermeiden wir zusätzlich Auftragsdatenverarbeitung und auch komplexe Abstimmungen mit externen Cloud-Anbietern. Für unsere Auftraggeber ist das ein großer Vorteil, weil die datenschutzrechtliche Bewertung deutlich einfacher wird. Transparenz ist dabei selbstverständlich. Es muss klar erkennbar sein, ob Inhalte durch Menschen, durch KI oder durch beide gemeinsam entstanden sind.
Ist das ein Modell nur für große, stark wachsende Energielieferanten oder ist es auch für Stadtwerke interessant?
Ein klares Ja. KI im Kundenservice betrifft jeden im Markt. Und deshalb ist Compass AI auch für Stadtwerke gemacht. Sie profitieren von dem Konzept vor allem dann, wenn die Prozesse gut dokumentiert und regelbasiert sind. Wichtig ist es, den Einstieg bewusst überschaubar zu halten. Erst Erfolge sichern, dann ausbauen. KI eignet sich besonders für klar strukturierte Aufgaben und weniger für unscharf definierte Prozesse.
Was raten Sie Energieversorgern, die jetzt erste KI-Projekte starten wollen?
Wer auf KI setzt, der sollte nicht lange herumexperimentieren. Und das Tempo, in dem sich der Markt entwickelt, ist so rasant, dass sich auch Eigenentwicklungen kaum lohnen dürften. Wichtig ist, den Rahmen nicht zu groß zu ziehen und Frusterlebnisse zu vermeiden. KI-Projekte müssen funktionieren, sonst verlieren sie schnell Akzeptanz. Schritt für Schritt vorzugehen ist aus meiner Sicht der nachhaltigere Weg.
Regiocom bereitet aktuell einen Generationenwechsel vor. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt – und was bedeutet das für das Unternehmen?
Wir haben Regiocom Mitte der 1990er-Jahre gegründet und über viele Jahre gemeinsam aufgebaut. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Verantwortung schrittweise an die nächste Generation zu übergeben. Mit Max Schlieker rückt ein Familienmitglied in die Führung nach und übernimmt damit Verantwortung in zentraler Funktion. Er kennt das Unternehmen aus vielen verschiedenen Perspektiven und arbeitet seit über zehn Jahren aktiv mit. Mit Max als Nachfolger geht es nicht um einen harten Schnitt, sondern um Kontinuität. Die Kultur, der Umgang mit Mitarbeitenden und unser organisches Wachstum sollen erhalten bleiben.
Die Energiewirtschaft ist stark von Konzernen und Beteiligungsmodellen geprägt. Was bedeutet es konkret, ein Familienunternehmen in diesem Umfeld zu führen?
Das bedeutet vor allem, langfristiger zu denken. Wir müssen nicht jedes Jahr maximale Renditen liefern oder einer Börsenlogik folgen. Es gibt Jahre, in denen man bewusst investiert oder auch einmal weniger Erträge hat. Das halten wir für gesünder als hektische Maximierung.
Im Alltag zeigt sich das im Umgang mit den Mitarbeitenden. Entscheidungen sind direkter, Wege kürzer, Verantwortung klar zugeordnet. Gerade in Krisenzeiten wie während der Corona-Jahre hat sich das bewährt. Wir haben keine Kurzarbeit angemeldet, sondern versucht, alle Beschäftigten zu halten und sinnvoll einzusetzen. Diese Nähe schafft Loyalität – auf beiden Seiten.
Wenn Sie auf die kommenden Jahre schauen: Was ist Ihnen persönlich am wichtigsten, das Regiocom auch in der nächsten Generation bewahren soll?
Mir ist wichtig, dass Regiocom ein Unternehmen bleibt, in dem Menschen sichtbar sind und Verantwortung übernehmen dürfen, dass Entscheidungen nicht anonym getroffen werden und man sich auch in schwierigen Situationen begegnet.
Wir wollen kein Unternehmen sein, das nur auf Jahreskennzahlen schaut. Entscheidend ist, dass wir handlungsfähig bleiben und langfristig denken. Wenn es gelingt, diese Kultur trotz aller technologischen Veränderungen zu bewahren, dann ist das für mich ein großer Erfolg.
Enneo
Hintergrund
Enneo ist ein Berliner KI-Start-up, das sich auf automatisierte Kundenservice-Lösungen insbesondere für die Energiewirtschaft spezialisiert hat. Das Unternehmen hat das Branchenwissen und entwickelt KI-Agenten, die Standardanfragen im Kundenkontakt sowohl eigenständig als auch assistierend bearbeiten und die in bestehende Prozess- und Abrechnungssysteme integriert werden können. Ein zentrales Merkmal: Enneo verbindet technisches KI-Know-how mit operativer Erfahrung aus der Versorgungswirtschaft. Das Team war zuvor selbst als Stromlieferant aktiv und kennt die Abläufe in Kundenservice und Sachbearbeitung aus der Praxis. Regiocom arbeitet bei der Weiterentwicklung von Compass AI eng mit Enneo zusammen.



