Wohin geht es mit künstlicher Intelligenz? Viele Anbieter erwarten verstärkt den Einsatz von Agenten zur Automatisierung von Standardtasks.

Wohin geht es mit künstlicher Intelligenz? Viele Anbieter erwarten verstärkt den Einsatz von Agenten zur Automatisierung von Standardtasks.

Bild: © Pete/AdobeStock

Künstliche Intelligenz soll ERP-Systeme schneller, schlauer und effizienter machen. Eine ZFK-Umfrage unter sieben ERP- beziehungsweise Plattform-Anbietern zeigt, dass der KI-Einsatz in den Systemen konkreter wird. Teilgenommen haben folgende IT-Häuser: Items, Kraftwerk Software, Oracle, RKU IT, SAP, Schleupen sowie Wilken.

Beim Blick auf die Herausforderungen sind sich alle einig: ohne saubere Daten keine funktionierende KI. "Das Grundproblem 'Shit in, shit out' bleibt auch in der KI-Welt bestehen", warnt Alexander Sommer, Bereichsleiter IT-Operations bei Items. Ohne strukturierte Daten und klare Schnittstellen sei eine belastbare Nutzung nur bedingt möglich. Jana Pelzer, Solution Consultant bei RKU IT, warnt zudem: "Die besten Daten bringen einem nichts, wenn die Daten einem Dritten zugänglich gemacht werden und dem Unternehmen schaden." Die Frage nach Datensicherheit und Kontrolle werde mit zunehmendem KI-Einsatz immer relevanter.

Der aktuelle Stand: Zwischen Assistenz und Automatisierung

Die Anbieter beschreiben den Reifegrad ihrer Systeme unterschiedlich. SAP spricht bereits von "weitgehend automatisierten Prozessketten". Und weiter: "Alle unsere KI-Anwendungen sind im Regelbetrieb, sofern der Kunde die aktuelle Generation unserer Software nutzt", sagt Alexander Neuhaus, Vice President Customer Advisory Utilities & Healthcare bei SAP. Als Beispiele nennt das Unternehmen Unterstützung im Kundenservice, Hilfe bei Marktkommunikationsproblemen und die Plausibilisierung von Zählerständen.

Schleupen, Wilken und Items ordnen sich bei der "unterstützenden Assistenz für Sachbearbeitende" ein. Sommer von Items verweist darauf, seine AI-Plattform bereits für über 8000 Nutzer ausgerollt zu haben und eine datenschutzkonforme Chatbot-Lösung als Alternative zu öffentlichen Anbietern bereitzustellen. Ihm zufolge werden erste energiewirtschaftliche Anwendungsfälle bereits praktisch erprobt, etwa bei der Zusammenfassung von Kundenvorgängen, der Bearbeitung von Klärfällen oder bei Vertragsanlagen.

Wilken wiederum hat seinen KI-Assistenten GY:PT bereits zentral über seine Lösungsplattform bereitgestellt. Zudem ist der Voicebot "AVIVA" ist bei Köthen Energie im Pilotbetrieb. "Plug-and-Play statt komplexer Einführungsprojekte", beschreibt Mark Bulmahn, Chief Innovation Officer, den Ansatz. Aktuell fokussiert sich GY:PT auf Assistenz- und Selbsthilfe-Funktionen, etwa bei Fehlermeldungen oder Prozessfragen.

Mehr Effizienz, weniger manueller Aufwand

David Hofmann, Bereichsleiter Product Owner bei Schleupen, verweist auf Anwendungen "im Online-Portal, in der App, im Callcenter und der Sachbearbeitung". Dort gehe es um das Routing von Anfragen und um Texterstellung. Hofmann betont vor allem den Nutzen im Tagesgeschäft: "Kundenanfragen werden schneller beantwortet und automatisch zugeordnet, Mitarbeitende sparen Zeit, weil Routineaufgaben und manuelle Auswertungen wegfallen." Große Datenmengen –
etwa aus Zählern oder Energiemanagementsystemen – lassen sich so automatisch analysieren,
sodass Auffälligkeiten früh erkannt werden.

Die Kraftwerk-Software-Gruppe beschreibt den Einsatz noch im Aufbau, betont aber einen deutlichen Unterschied: "Bei uns arbeitet die KI – anders als bei vielen unserer Mitbewerber – tatsächlich im System", sagt CEO Andreas Weber. Die KI sei tief im Quellcode integriert und könne Funktionen schreiben und Programme mitentwickeln. Mehr als 380 Mitarbeiter hat Kraftwerk bereits geschult – von der Buchhaltung bis zum Support sei KI fest im Arbeitsalltag integriert. Ein Beispiel: Eine Automatisierung im Zahlungsverkehr für E-Mobilität sei innerhalb eines Tages gemeinsam mit der KI realisiert worden. Das Unternehmen pilotiert derzeit zudem weitere KI-Anwendungen mit zwei großen Kunden.

Oracle sieht sich bei "teilautomatisierten Prozessschritten". Höhere Autonomiegrade sieht der Anbieter noch in der Ausbauphase. Erik Kendel, ERPM Strategy Director bei Oracle, formuliert es folgendermaßen: "Unser Fokus liegt auf Assistenz, Qualitäts- und Anomalieunterstützung sowie teilautomatisierter Bearbeitung unter menschlicher Kontrolle."

RKU IT nennt als produktives Beispiel eine automatisierte E-Mail-Analyse mit anschließender RPA-gestützter Weiterverarbeitung. Jana Pelzer, Solution Consultant bei RKU IT, beschreibt den Nutzen so: "Der Kundenservice wird durch die automatisierte Verarbeitung von E-Mail-Anfragen entlastet, etwa bei Bankdatenänderung und Guthaben-Auszahlung." Bei dem IT-Anbieter aus Herne beeinflusst KI bereits in Teilen strategische Entscheidungen.

Rolle von KI in den nächsten fünf Jahren

Geht es darum, wie sich künstliche Intelligenz künftig entwickeln wird, werden die Aussagen mutiger: Schleupen erwartet, dass KI vom unterstützenden Werkzeug "zum intelligenten, proaktiven Prozessmotor" wird. Sprich, die Systeme entwickeln sich zu autonomen, vorausschauenden Plattformen, die End‑to‑End‑Prozesse eigenständig steuern, Entscheidungen vorbereiten und Routinearbeit vollständig übernehmen.

Bulmahn von Wilken erwartet, dass "KI künftig maßgeblich über Wettbewerbsfähigkeit in der Energiewirtschaft" entscheidet. Ausschlaggebend sei aber die Orchestrierung entlang der Prozesskette – und vor allem: "Wer trägt die End-to-End-Verantwortung?" Dennis Lettner, Head of Innovation Management bei Wilken, ergänzt: "Mit zunehmender Datenqualität und Systemintegration wird KI proaktiv Hinweise geben, Anomalien erkennen und Handlungsempfehlungen aussprechen."

Oracle rechnet ebenfalls mit deutlich mehr KI in Standard-Workflows, pocht aber zugleich auf Governance und Kontrollen.

Für SAP wird sich KI zum "bedeutenden Pfeiler entwickeln, Prozesse neu zu gestalten und die Interaktion mit den Systemen komplett neu zu denken", so Neuhaus vom Walldorfer Konzern.

Die Kraftwerk-Software-Holding zeichnet ein Drei-Stufen-Bild. Heute sei KI vor allem Assistent, später Automatisierer ganzer Prozessketten, langfristig könnten autonome Agenten verschiedene Systeme orchestrieren, erklärt CEO Weber. Strategisch sieht er KI vor allem bei der Unterstützung von Entscheidungen: "Wo wird mein Stadtwerk sich in den nächsten Jahren hin entwickeln und was muss ich an Dienstleistungen erbringen, damit ich erfolgreich bin – genau dabei kann KI helfen."

Items blickt ähnlich auf die nächsten Jahre. Sommer erwartet, dass Agenten zunehmend zur Automatisierung von Standardtasks im Unternehmen genutzt werden. RKU IT schätzt, dass "KI einen immer größeren Stellenwert einnehmen und die Arbeitswelt nachhaltig beeinflussen wird", so Pelzer. Sie sei aber "kein Allheilmittel".

Wettbewerbsfähigkeit mit und ohne KI

Bei der Frage, welche Rolle KI künftig für die ERP-Systeme selbst spielen wird, zeigen sich unterschiedliche Akzente. Schleupen formuliert besonders deutlich: "Ein ERP-System ohne KI wird in fünf Jahren kaum noch konkurrenzfähig sein", prophezeit Hofmann. Auch Wilken beschreibt KI als künftigen festen Bestandteil operativer Prozesse. SAP setzt ebenfalls stark auf KI als zentrales Element der Weiterentwicklung von ERP-Systemen. "Die Automatisierung und das User-Interface werden ohne künstliche Intelligenz nicht mehr den Anforderungen entsprechen – auch nicht für die Kunden der Energieversorger", sagt Neuhaus.

Oracle, Items, Kraftwerk und RKU IT formulieren die möglichen Entwicklungen zurückhaltender. Dort hängt die Bewertung stärker davon ab, ob KI im konkreten Prozess einen nachvollziehbaren Nutzen stiftet. "Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch sichere, regelkonforme und messbar wirksame KI-Integration in Kernprozesse – nicht durch KI um jeden Preis", sagt Erik Kendel, ERPM Strategy Director bei Oracle.

"Es reicht nicht, KI zu haben. Entscheidend ist, KI branchenspezifisch und anwendbar zu machen. Was zählt, sind echte Use Cases: automatische Zählerstandserkennung, KI-Compliance-Checks, intelligente Marktkommunikation", sagt Weber von Kraftwerk. Er weist zugleich auf personelle Aspekte hin: "Wir wollen keine Menschen abbauen, sondern mit den Menschen, die wir haben, erfolgreich sein." Ein Bot werde den Menschen nicht ersetzen, sondern ihm helfen.

Sommer von Items betont die Zwänge der Branche: Kostendruck, verschärfte regulatorische Anforderungen und Fachkräftemangel durch den Babyboomer-Abgang machten KI zu einem "relevanten Baustein, um Prozessqualität und Prozesskosten im Griff zu behalten".

Pelzer von RKU IT widerspricht allerdings: "Die fehlende Nutzung von KI bedeutet nicht unbedingt einen Wettbewerbsnachteil." Und weiter: "Auch wenn viele Hersteller diesen Trend intensiv verfolgen, so ist dies kein Kriterium für eine Wettbewerbsunfähigkeit." Zu beachten sei, dass die bereits seit Jahren zur Verfügung stehenden Technologien so effizient wie möglich eingesetzt werden müssen, Prozesse flexibel angepasst und transparent dargestellt werden und alle Mitwirkenden dazu befähigen, den Gesamtprozess zu erfassen.

KI braucht Strategie, keine Schnellschüsse

KI ist in energiewirtschaftlichen ERP-Systemen angekommen: als Assistent in der Sachbearbeitung, als Analyse-Tool im Controlling, als Automatisierungshilfe in Standardprozessen. Für Stadtwerke stellt sich die Frage, wie schnell sie handeln müssen. Die Antwort ist differenziert. Wer heute noch keine Datenstrategie hat, sollte damit beginnen – ohne saubere Daten bleibt KI wirkungslos. Wer bereits gute Grundlagen geschaffen hat, kann erste KI-Anwendungen pilotieren. Und wer bereits KI nutzt, sollte den Fokus auf Skalierung und Integration legen.

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