Angriffe, Sabotage, Vandalismus, Drohnensichtungen oder Störaktionen: Betreiber kritischer Infrastrukturen können Bedrohungen künftig besser erkennen, wenn sie sie nicht nur isoliert am eigenen Standort betrachten. Ein digitales Lagebild von Critislab will dabei helfen, Vorfälle über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg sichtbar zu machen und daraus Muster abzuleiten.
Bundesweiter Ansatz
Das digitale Abbild ist nach Angaben von Critislab bundesweit angelegt. Perspektivisch soll es die Strominfrastruktur über alle Spannungsebenen hinweg abbilden – vom Übertragungsnetz bis zum kleinen Stadtwerk. Hinzu kommen weitere KRITIS-Bereiche wie Gas, Wasser oder Flughäfen.
Technisch basiert die Plattform auf einer Kartenansicht. Grundlage ist eine "OpenStreetMap"-Karte, auf der Ereignisse verortet werden können. "Wir sprechen hier von einem Präventivlagebild, das es KRITIS-Betreibern ermöglicht, vor die Lage zu kommen", erläutert Benser.
Der Geschäftsführer von Critislab meint damit kein reines Archiv vergangener Vorfälle, sondern ein Werkzeug für die Vorsorge. "Wenn wir sehen, dass sich Einbrüche oder Sabotageakte von einer Region in die nächste verlagern, können sich Betreiber im Nachbargebiet darauf vorbereiten", sagt Benser. "Das Ziel ist dann, Alarmsysteme hochzufahren, Umspannwerke häufiger zu bestreifen und zu prüfen, was passiert ist."
Täter halten sich seiner Erfahrung nach nicht an Netzgrenzen. Wer heute ein Umspannwerk, eine Gasstation oder eine andere kritische Anlage ins Visier nimmt, kann morgen im benachbarten Netzgebiet aktiv werden. Gerade für Stadtwerke, die oft mit knappen personellen Ressourcen arbeiten, kann ein früher Hinweis auf solche Entwicklungen daher hilfreich sein.
Internationaler Blick auf Angriffsweisen
Das Lagebild beschränkt sich dabei nicht nur auf Deutschland. Nach Angaben von Critislab werden auch Ereignisse aus anderen Ländern beobachtet, wenn sie Rückschlüsse auf Vorgehensweisen von Angreifern zulassen.
"Wir tragen teilweise auch Ereignisse aus Amerika ein", sagt Christopher Stark, Bereichsleiter bei Critislab. Ziel sei es, Muster und Vorgehensweisen zu erkennen. "Die Frage ist immer: Was können wir aus dem, was weltweit passiert, lernen, um die eigene Resilienz zu stärken."
Das System lebt vom Mitmachen
Allerdings funktioniert das Modell nur, wenn die Beteiligten selbst Informationen einspielen. Denn die Einträge stammen vor allem von KRITIS-Betreibern. Sie können Vorfälle direkt in das System eingeben. Die Teilnehmer erstrecken sich "vom Übertragungsnetzbetreiber bis zum Stadtwerk".
"Unser Tool lebt davon, dass man Ereignisse und Vorgehensweisen teilt, damit andere davon profitieren können", sagt Stark. "Es ist ein Geben und Nehmen."
Die Idee für das Lagebild entstand ursprünglich in Gesprächen mit Betreibern kritischer Infrastrukturen. Hintergrund war eine Sitzung im brandenburgischen Innenministerium, bei der ein gemeinsames Lagebild diskutiert wurde. Im Verlauf habe sich gezeigt, dass ein solches Instrument vor allem für die Betreiber selbst einen Mehrwert hat, da viele Netze über mehrere Bundesländer hinweg betrieben werden.
Der Nutzen der Lösung liegt weniger im einzelnen Vorfall als in der gemeinsamen Sicht auf Entwicklungen und regionale Verdichtungen. Je breiter die Beteiligung, desto größer der mögliche Erkenntnisgewinn.
Drohnensichtungen als neuer Beobachtungspunkt
Erfasst werden nach Angaben der beiden Fachleute nicht nur klassische Sabotage- oder Diebstahlsdelikte. Auch Drohnensichtungen über Energieanlagen können Teil der Lageanalyse sein, wenn Betreiber entsprechende Vorfälle melden.
"Wenn KRITIS-Betreiber eine Drohne über ihrem Kraftwerk melden, wird das eingetragen", sagt Stark. Einzelne Beobachtungen seien für sich genommen oft wenig aussagekräftig. In der Summe könnten sie jedoch Hinweise darauf geben, welche Anlagen oder Standorte verstärkt Interesse auf sich ziehen.
KI-Funktion noch in Entwicklung
Hinzu kommt eine KI-Funktion, die nach Angaben des Unternehmens noch in der Entwicklung ist. Sie soll vorhandene Einträge auswerten, Entwicklungen zusammenfassen und Berichte erstellen.
Stark beschreibt das Ziel so: "Der Mitarbeitende bei einem Verteilnetzbetreiber drückt auf einen Knopf und bekommt innerhalb kurzer Zeit ein kompaktes Reporting." Aus vielen Meldungen lasse sich so schnell ein managementtauglicher Überblick erzeugen.



