Mit der Novellierung des §14a EnWG müssen Verteilnetzbetreiber künftig von der präventiven auf die kurative netzorientierte Steuerung umstellen – also nur noch dann eingreifen, wenn ein Engpass tatsächlich droht. Was das in der Praxis bedeutet, erprobt Westfalen Weser Netz (WWN) derzeit gemeinsam mit dem Softwareanbieter Envelio und dem Gateway-Administrations-Partner Gwadriga in einem Pilotprojekt, das weit über eine reine Pflichtübung hinausgeht.
Seit Februar 2026 läuft der Pilotbetrieb in 20 Niederspannungsnetzen, verteilt auf einen nördlichen und einen südlichen Betriebsbereich im WWN-Netzgebiet. Diese Gebiete wurden bewusst ausgewählt, weil sich die Betriebsabläufe in beiden Regionen teilweise unterscheiden.
Rund 15 Mitarbeitende aus Leit- und Meldestelle sowie den Betriebsstellen testen derzeit verschiedene Szenarien, die zu Projektbeginn definiert wurden. "Ungefähr die Hälfte der Szenarien haben wir bereits durchgetestet, die Lernkurve ist enorm", berichtet Dennis Hunting, Projektmanager NS-SCADA bei Westfalen Weser Netz. Aktuell werden die letzten Labortests abgeschlossen, parallel gehen die Kollegen erstmals mit dem System ins Feld.
Digitaler Zwilling als Fundament
Kern der Lösung ist ein digitaler Zwilling des Niederspannungsnetzes, den Envelio auf Basis seiner Intelligent Grid Platform aufgebaut hat. Der Aufbau erfolgte in drei Schritten: Zunächst wurden Daten unter anderem aus GIS und ERP-System zu einem ganzheitlichen Netzmodell zusammengeführt. Im zweiten Schritt wurde dieses Modell echtzeitfähig gemacht, indem Live-Messdaten eingebunden wurden.
Darunter insbesondere TAF-10-Daten aus den intelligenten Messsystemen sowie Messungen in Ortsnetzstationen. Schließlich verarbeitet eine Algorithmik zur Netzzustandsermittlung, die sogenannte State Estimation, die verfügbaren Messdaten zu einem vollständigen Lagebild. Auch dort, wo keine flächendeckende Messtechnik vorhanden ist.
"Auch wenn die Informationen unvollständig sind, können wir so auf den tatsächlichen Netzzustand im gesamten Netz schließen. Entscheidend ist deshalb, dass Netzbetreiber frühzeitig klären, in welchen Netzen sie prioritär Messtechnik ausbringen, ob über intelligente Messsysteme und TAF-10-Bestellungen oder über digitale Ortsnetzstationen", erläutert Simon Koopmann, Geschäftsführer von Envelio.
Gezielte Eingriffe statt pauschaler Steuerung
Erkennt das Niederspannungsleitsystem einen Engpass, wird über das CLS-Management von Gwadriga der Steuerbefehl über das intelligente Messsystem und die Steuerbox sicher an die Anlage im Feld übertragen, sei es an eine Wallbox, eine Wärmepumpe, einen Speicher oder eine PV-Anlage. "Entscheidend ist, dass nicht pauschal gesteuert wird, sondern gezielt, lokal und zeitlich begrenzt", betont Michal Sobótka, Geschäftsführer von Gwadriga. Steuerung heiße nicht, möglichst oft einzugreifen, sondern nur dort und dann, wo es wirklich nötig ist.
Die Prozesskette soll dabei herstellerunabhängig funktionieren. Gwadriga arbeite zwar in diesem Projekt mit Envelio zusammen, das CLS-Management ist aber grundsätzlich offen für andere Niederspannungsleitsysteme. "Unsere Aufgabe ist es, Interoperabilität sicherzustellen", so Sobótka. Skalierung gelinge nur, wenn alle Elemente der Kette vom intelligenten Messsystem über das Leitsystem bis zur Steuerbox nahtlos ineinandergreifen.
Spannungsbandverletzungen als erstes Handlungsfeld
Westfalen Weser Netz rechnet angesichts der ländlich geprägten Netzstruktur und der zunehmenden dezentralen Einspeisung vermehrt mit Spannungsbandverletzungen. In diesen Fällen stellt die Netzregelung eine wirtschaftlichere Alternative zum herkömmlichen Netzausbau dar. Doch das Niederspannungsleitsystem ist für Hunting weit mehr als ein Instrument zur Erfüllung regulatorischer Pflichten: "Das System gibt dem Betrieb vor Ort einen tieferen Einblick in das Niederspannungsnetz. Lastverhalten lässt sich besser nachvollziehen, Umschaltungen besser planen und im besten Fall können Versorgungsunterbrechungen schneller erkannt und eingegrenzt werden."
Ganzheitlicher Ansatz statt Minimallösung
Alle drei Projektpartner betonen, dass die Lösung bewusst nicht als isolierte §14a-Lösung konzipiert wurde. Martin Kloppenburg, Bereichs-Projektmanager Digitales Messwesen bei Westfalen Weser Netz, verweist auf die größere Perspektive: Neben der Steuerung von Verbrauchseinrichtungen nach §14a müsse auch die Einspeisersteuerung nach §9 EEG integriert werden. Künftig brauche es einen ganzheitlichen Ansatz, der flexible Tarife, variable Netzentgelte und neue Produkte zusammendenke. "In Zukunft müssen wir integrativer denken und alle Themen verschneiden", so Kloppenburg.
Das Niederspannungsleitsystem sei deshalb ein zentrales Element der Flexibilisierungsstrategie von Westfalen Weser Netz, bekräftigt Hunting: "Es geht darum, unsere Netze künftig wirtschaftlicher zu betreiben und den Weg zum digitalen Netzbetreiber zu ebnen." Envelio-Chef Koopmann unterstreicht diesen Punkt: "Das Projekt heißt bewusst Niederspannungs-SCADA und nicht 14a-Lösung. Der Gedanke dahinter ist, ganzheitlich Vorteile für den digitalen Netzbetrieb der Zukunft zu erschließen."
Langer Atem erforderlich
Auch wenn die Prozesse im Pilotbetrieb bereits implementiert sind, sehen sich die Beteiligten am Anfang eines langen Weges. Der Einbauprozess für die Steuerboxen läuft stabil, doch die flankierenden Prozesse wie Störungsbeseitigung, Demontage oder Umparametrierung müssen noch aufgebaut werden.
Kloppenburg betont: "Neben der Bewältigung der Komplexität der Prozesse für die intelligenten Messsysteme und dem Aufbau der von CLS wird im Rahmen der Digitalisierungsstrategie der Westfalen Weser dem Messstellenbetrieb eine zentrale Rolle für die Systemstabilität zukommen. Die Bedeutung verlässlicher Prozesse und Systeme im Messstellenbetrieb wird dadurch zusätzlich gesteigert."
Dennoch überwiegt bei allen Beteiligten die Überzeugung, dass der technische Durchstich gelungen ist. Die Prozesskette vom digitalen Zwilling über das CLS-Management bis zur Anlage im Feld funktioniert. Die zentrale Aufgabe der kommenden Monate: aus dem Piloten einen massentauglichen Regelprozess zu machen.



