Das Projekt Enera will in einem systemischen Ansatz die durchgehende Digitalisierung und technische Flexibilisierung des Energiesystems demonstrieren. Die Führung dieses Schaufensterprojekts intelligente Energie hat EWE inne. Die Modellregion in Ostfriesland ist kleiner, stellt so jedoch sicher, dass die Investitionen in ein vernetztes System fließen, anstatt in verteilte Leuchtturmprojekte, sagt Ulf Brommelmeier, Projektleiter von Enera. Insgesamt beträgt das Gesamtvolumen für das Vorhaben rund 170 Mio. Euro. Davon sind etwa 50 Millionen Euro Fördergelder des Bundes, den Rest investieren die Konsortialpartner. Dazu gehören unter anderem Enercon, Avacon, SAP, Siemens, Tennet, Epex Spot, Speicherhersteller Younicos, BTC, RWTH Aachen und Next Energy.
Insgesamt besteht das Projekt aus 14 Arbeitspaketen, in denen jeweils unterschiedliche Projektpartnerkonstellationen zusammenkommen. Diese Arbeitspakete basieren auf rund 50 konkreten Projektvorhaben, den sogenannten Use Cases. Erwähnenswert sei, dass man schon 2014, also schon vor Projektstart über 100 Workshops mit Wirtschaft und Wissenschaft durchgeführt habe, um die Herausforderungen der Energiewende zu definieren. "Diese Workshops haben uns in dem Glauben bestärkt, dass Netz, Markt und Daten gleichberechtigt nebeneinander und miteinander agieren müssen und reine Smart-Grid-Projekte nicht mehr weiterhelfen", sagt Brommelmeier, der nicht nur Leiter ist, sondern auch Mitbegründer des Energiewende-Projekts.
Netz, Markt und Daten
Die drei Kernkategorien sind daher intensiv miteinander vernetzt und sollen sich auch auf nationale und internationale Szenarien übertragen lassen. Highlight-Projekt für die Säule Markt sei die Handelsplattform für dezentrale Flexibilität, welche aktuell durch die Epex Spot aufgebaut wird.
Für die Säule Daten steht die Enera-Smart-Data- und Service-Plattform als Daten-Ecosystem im Mittelpunkt. Sie ist der wesentliche Baustein für die Digitalisierung des Energiesystems und biete vielfältige Potenziale für neue Geschäftsmodelle auf Datenbasis.
Die Kernkategorie Netz ist stark mit den anderen zwei Säulen vernetzt. Sie konzentriert sich auf die Ausrüstung der Modellregion mit intelligenten Netzbetriebsmitteln und Messsystemen. Zwar hätten sich die wesentlichen Herausforderungen im Bereich Netz seit Projektstart nur unwesentlich verändert. Es sei aber weiter nötig, Lösungen zu finden, um den Ausbau der Erneuerbaren bei schwindenden konventionellen Kraftwerkskontingenten voranzutreiben. Zudem würden Verbraucher immer dynamischer, so dass das Standard-Lastprofil ausgedient habe, was die Netzbetreiber vor neue Herausforderungen stelle. In Enera löse man dies mit regelbaren Ortsnetztransformatoren und verbesserten Verbrauchsprognosen, etwa durch Daten aus intelligenten Messsystemen.
Intransparenter Zertifizierungsprozess
Die Anforderungen an die Messsysteme hinsichtlich Sicherheit und Datenschutz seien jedoch hoch. Sie übersteigen selbst diejenigen im Online-Banking. "Diese Vorgaben machen es sehr schwer, neue und digitale Mehrwerte für die Kunden zu entwickeln", so Brommelmeier. Außerdem würden die hohen Sicherheitsanforderungen und der intransparente Zertifizierungsprozess dazu führen, dass sich die Auslieferung der Messsysteme, wie sie im Gesetz definiert sei, mittlerweile um eineinhalb Jahre verzögere. "Das stellt ein massives Problem für Enera und auch für die gesamte deutsche Energiebranche dar", sagt Brommelmeier. Insgesamt sind 20 000 intelligente Messsysteme geplant.
Als eines der größten Hemmnisse identifziert er, dass der regulatorische Rahmen bislang immer nur auf den Netzausbau abzielt. "Wir brauchen aber ein Regime, in welchem Flexibilität auch anstelle von Netzausbau zur Lösung von Engpässen eingesetzt werden kann", fordert der Enera-Projektleiter.
Blockchain und Start-ups
Und wie sieht es aus mit dem Thema Blockchain und Startups? "Die Startup-DNA, also Dynamik, Kreativität und Unternehmergeist, ist im Enera-Projekt bereits tief verwurzelt", betont Brommelmeier. Um die Welten von Startups und Unternehmen näher zusammenzubringen, organisiere man etwa das sogenannte Pitchx-Event. Das ist ein Startup-Wettbewerb, in dem Förderungen von bis zu 50 000 Euro in den Kategorien Energiewende, Kundeninteraktion und Digitalisierung winken. Darüber hinaus können sich Teilnehmer und Besucher der Veranstaltung miteinander vernetzen.
Blockchain spiele ebenfalls eine große Rolle "und soll künftig einen noch wichtigeren Part einnehmen", unterstreicht Brommelmeier. Im Rahmen des Projektes soll eine verbesserte Netzengpassbewirtschaftung durch einen kombinierten Einsatz von Agentensystemen und der Blockchaintechnologie erreicht werden. Die Konzeptualisierung sei hier bereits abgeschlossen und die Vorbereitungen für einen Feldtest sind bereits im vollen Gange. Der Start ist für Ende Frühling angesetzt. Beteiligt sind an dem Blockchainprojekt Siemens, Bosch, Epex Spot, die Hochschule Fresenius, PPC, das Institut für Informatik (OFFIS) aus Oldenburg sowie die EWE AG und ihre Töchter EWE Netz und BTC.
Positive Zwischenbilanz
Besonders stolz ist Brommelmeier, "dass wir aus der Idee die Energieversorgung stärker zu flexibilisieren und zu digitalisieren, eines der größten Energiewendedemonstratoren überhaupt entwickelt haben." Des Weiteren freue er sich, dass man es immer wieder geschafft habe, Enera während der Laufzeit so weiterzuentwickeln und anzupassen, dass am Ende zeitgemäße und umsetzbare Lösungen entstehen. Es habe auch Rückschläge gegeben, besonders ärgerlich sei die fehlende Zertifizierung der intelligenten Messsysteme, die einen hohen Stellenwert in dem Projekt einnehmen. "Dass wir auf diese Verzögerungen zudem keinen Einfluss haben, frustriert uns umso mehr", bekennt Brommelmeier.
Für die Zukunft wünscht er sich noch umfangreichere Möglichkeiten, um Dinge zu testen, die derzeit nicht im Gesetzesrahmen abgedeckt sind, um so Hinweise auf sinnvolle Anpassungen geben zu können. Es sei manchmal schwer, künftige Lösungen im heutigen ordnungspolitischen Rahmen zu demonstrieren. Insgesamt ist Brommelmeier sehr froh, Teil des Projekts zu sein. Das Arbeiten mit den unterschiedlichen Teams, "die unglaubliches Wissen in das Projekt miteinbringen", mache großen Spaß, so seine vorläufige Bilanz. (sg)



