Herr Jurczyk, ab 1. Januar 2025 müssen alle Versorger dynamische Tarife im Angebot haben. Wie sieht es hier bei den Stadtwerke Münster aus, wie weit sind Sie hier schon bei Ihren Planungen?
Sebastian Jurczyk, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Münster: Unsere Ambition ist, dass wir schon im Sommer dynamische Tarife anbieten wollen, denn das ist die Zukunft der Energieversorgung. Mit der Zunahme an erneuerbaren Energien im Netz wird nicht mehr die Kilowattstunde entscheidend sein, sondern vielmehr, wann der Strom abgerufen wird. Das heißt, wir sprechen immer mehr über Leistung als das entscheidende Kriterium und nicht mehr über die Arbeit. Das heißt, entweder man hebt in der Netzregulierung bei den Standard-Last-Profil-Kunden den Leistungspreis an – oder man entscheidet sich für dynamische Tarife, bei denen Kunden für netzdienliches Verhalten belohnt werden. Und das ist meiner Meinung nach der Weg, wie wir in Deutschland überhaupt die Energiewende hinbekommen – ohne den Netzausbau verfünffachen zu müssen. Und ja, wir müssen in die Netze investieren, aber wir können durch netzdienliches Verhalten den Ausbau verringern. Deswegen sind dynamische Tarife meiner Meinung nach die Zukunft der Energieversorgung.
Die Stadtwerke Münster und Items haben ja Anteile an dem Unternehmen Enytime Green gekauft. Dieses hat eine App für dynamische Tarife entwickelt. Wie kam es denn überhaupt zu der Zusammenarbeit?
Jurczyk: Kooperationen sind der neue Wettbewerb. Und wer nicht in Kooperationen denkt und offen dafür ist, der wird irgendwann abgehängt. Die Zeiten sind vorbei, in denen man als Stadtwerk alles alleine machen muss, weil man glaubt, man könnte es besser. Wenn es gute Ideen und Lösungen am Markt gibt und Kooperationspartner dazu, dann ist es immer eine Win-win-Situation. Wir waren auch bei Enytime Green überzeugt, dass es sinnvoller, günstiger und schneller ist, wenn wir uns mit ihnen zusammenschließen. Man muss auch sagen, wenn man als Stadtwerk etwas Neues erschafft, eine neue App, eine neue Software, dann kann man es nicht skalieren – wir sind nun mal auf unseren regionalen Markt beschränkt.
Wie ist denn aktuell das Interesse an Ihrer App?
Ulrich Meyer, Geschäftsführer und Gründer von Enytime Green: Auf der E-World haben wir die App vielen kleineren und größeren Unternehmen vorgestellt. Im Augenblick sind wir in einem sehr frühen Stadium und es braucht jetzt innovative Stadtwerke, die sagen, okay, wir fangen damit an. Das Interesse ist schon knackig hoch und die Stadtwerke profitieren von einer hohen Lernkurve.
Ludger Hemker, Geschäftsführer von Items: Ich kann das unterstreichen, das Interesse an der Lösung ist in unserem Netzwerk sehr groß.
Jurczyk: Der Erfolg der dynamischen Tarife wird davon abhängen, wie ich es als Energieversorger betrachte. Wenn man denkt, ich muss es machen, weil es gesetzlich vorgegeben ist, ist das sicherlich nicht die beste Vorgehensweise. Man muss diese Tarife wirklich als die Zukunft sehen. Ich nehme das Thema sehr ernst und es wird Stadtwerke geben, die damit sehr erfolgreich sein werden.
Welche dynamischen Tarife wollen die Stadtwerke Münster bieten?
Jurczyk: Wir starten mit einem Use-Case in der Elektromobilität. Weitere Anwendungsfälle werden später Wärmepumpen und Batteriespeicher, Kühlschränke und Tiefkühltruhen sein. Wir starten aber erst mal mit der Elektromobilität, wir wollen uns schließlich nicht übernehmen.
Also vor allem Kunden, die Flexibilitäten verschieben können?
Jurczyk: Jeder Kunde, der sein Verhalten netzdienlicher machen kann, ist prädestiniert für einen dynamischen Tarif. Und das sind eben diejenigen, die eine Batterie haben. Ein E-Auto ist ja auch grob gesagt, nichts anderes als eine Batterie mit vier Rädern. Je kleinteiliger das wird, also später mit Kühlschränken, desto komplexer wird es auch, hier die Akzeptanz der Kunden zu gewinnen. Und für all das brauchen wir natürlich intelligente Messsysteme, die wir noch nicht flächendeckend haben. Deswegen bietet sich das Thema E-Moblität als erster Anwendungsfall einfach geradezu an.
Ich brauche also auf jeden Fall ein intelligentes Messsystem?
Jurzcyk: Genau – und das sehen wir in der Tat auch als Herausforderung. Man kann zwar mit einem fotooptischen Aufsatz diesen Weg abkürzen, dann bleibt aber immer noch die Schwierigkeit, dass die Abrechnung gegenüber dem Kunden eine andere ist als der energiewirtschaftliche Hintergrund, weil das Lastprofil ein Standard-Lastprofil bleibt. Insofern ist das nur eine Übergangslösung. Aber vertrieblich ist das schon einmal besser, weil der Kunde in Echtzeit sieht, wie der Verbrauch ist und sofort optimieren kann. Es macht das System aber auch nochmals komplizierter.
Ihre App kann alle möglichen dynamischen Tarife abbilden, die sich ein Versorger ausdenkt?
Meyer: Genau, der Kunde kann alle Tarife, die das Stadtwerk ihm vorschlägt über die App auswählen. Das wird zu Beginn ein Spotmarkttarif im Viertelstunden- oder Stunden-Takt sein, wie der Gesetzgeber es vorgibt. Das können aber auch Tarife sein, die aus einem virtuellen Kraftwerk kommen oder eine Preisober- oder Untergrenze beinhalten.
Brauche ich dazu nicht auch zusätzlich ein Energiemanagementsystem?
Meyer: Die App ist ja ein Energiemanagementsystem, das digital funktioniert! Alles was smart ist, kann man über das Handy bedienen, und alles, was man so bedienen kann, kann man natürlich auch steuern.
Jurczyk: Übrigens, der Kunde wird nicht auf sein Handy schauen und sagen, okay, jetzt kann der Kühlschrank Strom verbrauchen. Das muss man einmal konfigurieren im Sinne von: Wie möchte ich leben, wann möchte ich mit dem Auto losfahren, wann will ich meine Wäsche waschen. Wenn man das einmal konfiguriert hat, dann ist die Netzdienlichkeit einmal vorkonfektioniert. Die meisten Menschen finden das Thema Strom nicht wirklich spannend.
Meyer: Bisher war umweltfreundliches Verhalten immer eher teuer. Der Bio-Apfel kostet mehr als ein konventioneller. Jetzt passiert aber etwas anderes: Je umweltfreundlicher und netzdienlicher ich mich beim Stromverbrauch verhalte, desto günstiger wird es, weil ich vor allem in den günstigsten Zeiten Strom verbrauche. Das ist für die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende enorm wichtig.
Jurczyk. Und als Energieversorger positionieren wir uns weg von „Wir verkaufen eine Kilowattstunde Strom“ hin zu „Wir helfen Dir, Dein Energiesystem zu managen“. Und das ist genau der richtige Weg, aber auch eine Neupositionierung als Energieversorger. Die App macht dies greifbar.
Und wie sieht hier ein tragfähiges Geschäftsmodell aus?
Jurczyk: Wir wollen nicht nur diese App mit den dynamischen Tarifen verkaufen, sondern auch ein Energiemanagement-System. Wir sind uns sicher, dass das ein Einstieg in ein neues Geschäftsmodell für Stadtwerke ist. Weg vom Kilowattstunden-Verkauf, hin zum Hardware- und Energiemanagement-Verkauf. Das ist genau das Ziel. Bis dahin sind die Schritte noch klein, aber wir wollen genau dort hin.
Meyer: Genau, die Plattform dahinter ist der erste Schritt. In Wirklichkeit entstehen dahinter eine Fülle von weiteren Geschäftsmodellen. Energieversorger können hier den Vertrieb übernehmen. Es ist ein bisschen analog zu dem, was wir in der Telekommunikationsbranche sehen. Früher hat die Post Telefone verkauft. Wenn man sich heute anschaut, was die Telekom alles anbietet, dann gehören dazu Software-Lösungen, das Fernsehen, Telefone. Das sind Hardware- und Software-Lösungen. Da spielt die Lieferung der Daten eine deutlich kleinere Rolle als früher. Irgendwann wird die Lieferung der Energie auch nicht mehr die größte Rolle spielen, sondern all die Themen, die drumherum passieren. Hier steckt auch sehr viel Kundennutzen drin, so dass sie bereit sind, dafür Geld auszugeben.
Jurczyk: Die Kilowattstunde wird in zehn Jahren kaum noch eine Bedeutung spielen. Das Thema Leistung wird das große Thema sein und die Arbeit als solches wird immer irrelevanter werden.
Also wird es darum gehen, Zusatzleistungen zu verkaufen?
Jurczyk: Ja, Stadtwerke werden ihr Geld in Zukunft, nicht in zwölf Monaten – sondern eher in Dekaden – damit verdienen, den Kunden zu befähigen, unabhängiger von den Energieversorgern zu werden. Diesen Knoten im Kopf zu lösen, das ist eine der großen Herausforderungen.
Was könnte für Stadtwerke herausfordernd sein bei der Umsetzung der Tarife?
Jurczyk: Ich kann nur empfehlen, sich Gedanken zu machen, welche Lösungen es schon am Markt gibt und nicht zu versuchen, alles selbst aufzubauen. Das zweite ist, so haben wir es auch gemacht: Nicht mit ganz vielen Use-Cases starten. Sondern konkret mit einem anzufangen, diesen auszutesten und sich dann weiterzuentwickeln. Sonst verzettelt man sich schnell.
Meyer: Wir können uns nicht gut vorstellen, dass sich Märkte komplett ändern. Das galt für Handies und jetzt für E-Mobilität. Das gilt auch, wenn wir nach hundert Jahren festen Tarifen zu den dynamischen umschwenken. Aber die Geschäftslogik zeigt, das die digitale Verbindung zwischen flexibler Erzeugung und flexiblem Verbrauch und das daraus entstehende Kunden-Ökosystem zu einer Erhöhung des Nutzens für den Kunden und die Energiewirtschaft führt. Wichtig ist, jetzt zu starten und in sinnvollen Schritten loszugehen. Aus Sicht der Versorger zu warten, bis das System fertig ist und dann zu starten, wird nicht funktionieren, denn dann fehlt es an Erfahrung und Unterstützung.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews zu den dynamischen Tarifen und Ihre Umsetzung im System in der Print-Ausgabe der ZfK. Hier geht es zum Abo.



