Der Wettbewerb um Strom- und Gaskunden verschiebt sich. Was vor wenigen Jahren noch als innovativ galt, gehört heute oft zur Grundausstattung. Online-Kundencenter, Chatbots oder digitale Abrechnung schaffen kaum noch Differenzierung. Genau das setzt vor allem kleinere Stadtwerke unter Druck. Denn während große und mittelgroße Versorger ihre Angebote rund um Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpe und E-Mobilität ausbauen, bleibt vielen kleineren Häusern dafür offenbar zu wenig Spielraum. Das zeigt der Innovation Benchmark Energiewirtschaft 2026 der Beratung Axxcon.
Frühere Innovationen sind heute Pflicht
Für den Benchmark hat Axxcon 40 Energieversorger und Stadtwerke untersucht. Verglichen wurden 46 Produkte und Dienstleistungen in vier Rubriken: Digitalisierung, effiziente Energienutzung und -erzeugung, Mobilität sowie innovative Services und Vertriebsstrategien. Grundlage war das öffentlich sichtbare Angebot der Unternehmen.
Der interessanteste Befund der Studie liegt dabei nicht nur im bekannten Hinweis auf steigenden Innovationsdruck. Entscheidend ist vielmehr, dass frühere Innovationen heute längst Standard sind. Die Autoren nennen ausdrücklich Online-Kundencenter, Chatbots und digitale Abrechnung als Leistungen, mit denen sich ein Versorger kaum noch vom Wettbewerb abheben kann. "Was gestern noch innovativ war, ist heute bereits Standard", verdeutlicht auch nochmals Hendrik Prielipp, verantwortlicher Manager der Benchmarkstudie bei Axxcon.
Für Stadtwerke heißt das: Einzelne Digitalbausteine reichen nicht mehr, um im Vertrieb sichtbar zu bleiben. Der Wettbewerb verlagert sich weg von der Frage, ob ein Unternehmen digitale Services anbietet. Wichtiger wird, wie gut diese Leistungen miteinander verzahnt, vermarktet und in ein größeres Kundenangebot eingebettet sind. Diese Entwicklung trifft vor allem kleinere Häuser, die neue Themen oft parallel zum Tagesgeschäft und zu regulatorischen Pflichtaufgaben stemmen müssen. Die Studie beschreibt den wachsenden Abstand zwischen kleinen und größeren Anbietern entsprechend deutlich.
"Vor allem für kleinere EVUs geht es teilweise um die Existenz", sagt Maik Neubauer, Managing-Partner bei Axxcon. Im überregionalen Preis- und Bonuswettbewerb könnten sie kaum bestehen.
Die Lücke wächst bei der Produktbreite
Besonders sichtbar wird das im Portfoliovergleich. Die Top 3 der großen und mittelgroßen EVUs kommen im Schnitt auf 36 der insgesamt 46 untersuchten innovativen Produkte und Dienstleistungen. Kleine Anbieter erreichen im Durchschnitt nur 20.
Spitzenreiter EnviaM kommt laut Benchmark auf 39 der untersuchten Angebote. Dahinter teilen sich Enercity und die Stadtwerke Münster den zweiten Platz. Auch auf den dritten Plätzen dominieren große oder mittelgroße Unternehmen wie EnBW, Eon, Stadtwerke Düsseldorf, die Stadtwerke Ulm oder die Leipziger Stadtwerke. Die Jahresumsätze der Bestplatzierten reichen von rund 80 Milliarden Euro bis rund 700 Millionen Euro. Kleinere Stadtwerke sind nur auf den hinteren Rängen zu finden.
Die Botschaft dahinter: Kleine Stadtwerke verlieren nicht nur im Preiswettbewerb, sondern zunehmend auch bei der Breite ihres Angebots. Wenn große und mittlere Anbieter deutlich mehr Produkte und Dienstleistungen bündeln können, verändert das die Ausgangslage im Endkundengeschäft grundlegend. Dann konkurriert das kleine Stadtwerk nicht mehr nur mit einem günstigeren Tarif eines anderen Anbieters, sondern mit einem deutlich breiteren Leistungsversprechen.
Der Aufbau neuer Produkte kostet allerdings Personal, Zeit und Geld. Wer zusätzlich Smart Meter, dynamische Tarife, Photovoltaik-Angebote, Speicherlösungen, Ladeinfrastruktur und digitale Services parallel entwickeln und betreuen muss, braucht dafür andere Ressourcen als ein klassischer Grundversorger mit regionalem Fokus. Die Studie macht deutlich, dass kleinere Unternehmen hier besonders stark unter Druck geraten.
Der nächste Wettbewerb läuft im Haushalt
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf Haushalten, die Strom nicht nur verbrauchen, sondern ihn auch selbst erzeugen, speichern und flexibel nutzen. Für diese Kundengruppe gewinnen Komplettangebote an Bedeutung, etwa Pakete aus Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpe und Ladeinfrastruktur. Axxcon beschreibt integrierte Energielösungen als zentrales Wachstumsfeld.
Für Stadtwerke ist das ein relevantes Feld, weil hier die Nähe zum Kunden und die regionale Verankerung eine wichtige Rolle spielen können. Wer die zentrale Schnittstelle zum Kunden kontrolliert, kann weit mehr verkaufen als einen Commodity-Tarif. Genau darin liegt für Stadtwerke die strategische Chance. Ihre lokale Verankerung, ihre Kundennähe und ihre Rolle bei der Wärmewende könnten ihnen helfen, solche Angebote glaubwürdig aufzubauen.
Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch das Risiko. Viele Stadtwerke vermarkten neue Tarif- und Flexibilitätsangebote nur zurückhaltend, während Wettbewerber wie Tibber oder Octopus Energy offensiver auftreten. Wer integrierte Energiedienstleistungen nicht sichtbar macht, überlässt das Feld anderen Anbietern.
Smart Meter bleiben der Flaschenhals
Hinzu kommt ein praktisches Problem, das viele dieser neuen Geschäftsmodelle ausbremst. Dynamische Tarife und flexible Steuerung setzen in vielen Fällen intelligente Messsysteme voraus. Genau an diesem Punkt stockt der Fortschritt seit Jahren. Auch Axxcon verweist darauf, dass der schleppende Smart-Meter-Rollout die Vermarktung neuer Angebote behindert. Damit bleibt ein Teil dessen, was strategisch als Zukunftsfeld gilt, in der Praxis vorerst begrenzt.
Damit entsteht ein Dilemma für Stadtwerke: Einerseits wächst der Druck, neue Endkundenangebote aufzubauen. Andererseits hängen wichtige Bausteine an technischen und regulatorischen Voraussetzungen, die sie nur begrenzt selbst steuern können. Das verschärft die Lage vor allem für kleinere Unternehmen, die gleichzeitig wirtschaftlich vorsichtig agieren müssen.
Markt sortiert sich neu
Der Blick auf die Rangliste zeigt, welche Unternehmen derzeit besonders viele innovative Produkte und Dienstleistungen im Markt sichtbar machen. Zugleich wird deutlich, dass sich der Markt neu sortiert. Digitale Basisleistungen sind kein Unterscheidungsmerkmal mehr. Der nächste Wettbewerb läuft über integrierte Energiedienstleistungen, neue Vertriebslogiken und die Frage, wer den Kundenzugang besetzt.
Gerade kleinere Stadtwerke stehen damit vor einer strategischen Entscheidung. Sie können versuchen, im klassischen Tarifgeschäft mitzuhalten. Oder sie setzen gezielt auf die Felder, in denen ihre lokale Nähe zum Vorteil werden kann. Die Studie legt nahe, dass reine Digitalnachrüstung dafür nicht mehr reicht. Entscheidend wird, ob aus einzelnen Angeboten ein schlüssiges Gesamtpaket wird.



